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Lernen voneinander - Möglichkeiten und Grenzen von
Schulpartnerschaften
Von Gisela Führing
Bereits im Begriff „Partnerschaft"
schwingt eine
der grundlegenden Voraussetzungen für diese
Art der Kooperation zwischen Schulen mit,
nämlich die partnerschaftliche Gleichwertigkeit, die
beide Seiten miteinander verbindet. Dies
ist keine Selbstverständlichkeit, denn das
Bild des Südens ist in unseren Medien und im
gesellschaftlichen Vorverständnis das des vorherrschenden
Elends, der Katastrophen, der totalitären
Regime, allgemein: der Unfähigkeit für
geordnete Staatswesen. Zu häufig wird der Süden
nur als ein in jeder Hinsicht verarmtes Kulturgebiet
wahrgenommen, also als Almosenempfänger, zu
selten aber als gleichwertiger Partner.
Viele Befürchtungen verbinden sich
deshalb mit dem Gedanken an kulturellen Austausch
und Begegnung.
Selbst wenn man über die langen kolonialen Beziehungen
und heute noch bestehenden Ausbeutungsverhältnisse
im Weltmaßstab Kenntnisse
besitzt, so fällt es doch offensichtlich immer
wieder schwer, das Leben der Menschen in
diesen Ländern – ebenso wie unseres – als einen
auf den jeweiligen Kontext bezogenen Kampf
um ein würdevolles Leben zu begreifen. Die
Chancen liegen in eben jenem Offenlegen und
Hinterfragen von vorproduzierten Bildern ohne
Schuldgefühl und Scham, um Neues dazu zu
lernen, seinen Horizont zu erweitern, seinen Lebensstil
zu hinterfragen und sich gegen die
Ungerechtigkeiten dieser Welt zur Wehr zu setzen.
Durch die entstehenden Irritationen im Kontakt
mit anderen Denk- und Verhaltensweisen können
die eigenen Bilder und Erwartungen verdeutlicht
und dadurch bearbeitbar gemacht
werden. Risiken liegen darin, dass man für
solche Offenlegung ein erhebliches Maß an (Selbst-
und Gruppen-) Vertrauen braucht. Denn zum
Beschreiten neuer, verunsichernder Wege (in
der Wahrnehmung und in deren Verarbeitung) bedarf
es eines stützenden Systems. Andernfalls werden
Fremdheitserfahrungen als bedrohlich für
die eigene Identität empfunden und abgeblockt,
d.h. alte Vorurteile gar noch bestätigt und
somit verfestigt.
Die Intensität solcher Erfahrungen interkulturellen Lernens
im globalen Kontext bringt es mit
sich, dass die Beteiligten daraus eine hohe Motivation
für weiteres Engagement ziehen können.
Die Erlebnisse des Sich-Verstehens und der
Freundschaft über kulturelle und sozioökonomische Grenzen
hinweg hinterlassen tiefgehende Spuren
in den Individuen und Gruppen. Viele
Jugendliche finden hier zum ersten Mal
die Möglichkeit, sich dem Fremden auszusetzen und
ihre Angst davor zu verlieren, ja darin eine
Chance persönlichen Wachstums zu sehen. Die
Konfrontation mit der ‚fernen Fremde‘ erleichtert es
ihnen zuhause, sich in das Fremdgefühl von
mit ihnen lebenden MigrantInnen einzufühlen.
Partnerschaft beflügelt die
Schulentwicklung
Partnerschaften beinhalten nicht nur für
die einzelnen
Beteiligten, sondern auch für eine Schulgemeinschaft
ein enormes Potenzial, sich als
lernende Organisation weiterzuentwickeln. Es
gibt Beispiele, wo eine Schulpartnerschaft, die
über mehrere Jahre mit Besuchen und Gegenbesuchen
von Schüler-/Lehrergruppen existiert,
das gesamte Schulklima verändert hat. In
Gladbeck beispielsweise integrieren die Gesamtschule
und einzelne Familien alle zwei Jahre
ihre Besucher aus Zambia in die verschiedenen Aktivitäten
des familiären und schulischen Lebens.
Das führt dazu, dass alle sich um den
Gebrauch der englischen Sprache bemühen und
reflektieren, wie die Erfahrungen der Gäste
in den Unterricht einbezogen werden kann sowie
welches Deutschlandbild vermittelt werden soll.
Für die Behandlung entwicklungspolitischer Zusammenhänge
sind eigene fachbezogene und interdisziplinäre
schulinterne Curricula mit speziellem
Bezug zu Zambia entwickelt worden. Aus
der Beschäftigung mit der Situation dieses Landes
erwuchsen auch weitergehende pädagogische
Ideen: Nicht die Armutsproblematik steht
im Vordergrund, sondern es geht auch
um die Auseinandersetzung mit einer „Kultur
des Selbermachens", die SchülerInnen regelmäßig
bei ihren Besuchen in Zambia erleben und
die nun eingeht in die klassen-individuelle Gestaltung
der Unterrichtsräume. Weitere
kulturübergreifende Fragen werden in gemeinsamer
Korrespondenz vertieft, wobei auch die
neuen Medien eine zunehmend wichtigere Rolle
spielen.
Neben dem Miteinander-Leben und Voneinander-Lernen steht das
Füreinander-Dasein: Der
Kontakt mit der Partnerschule führt auch zu
Aktionen praktischer Solidarität. Nach vorheriger grundsätzlicher
Reflexion wird die interessierte Schülerschaft
in konkreten Sensibilisierungs- und
Sammelaktionen tätig und spannt
eine breitere Öffentlichkeit mit ein. Das Schulumfeld
nimmt am schulischen Geschehen Anteil;
die Schule wird aktives Glied der sie umgebenden Gemeinde.
Das vernetzte Weltgeschehen hat
konkrete Gesichter bekommen. Strukturen der
Weltwirtschaft und des globalen Machtgefüges
werden sichtbar, denen jeder Mensch
an jedem Ort der Welt ausgesetzt ist. Erfahrungen
jedoch, an kleinen Veränderungen mitgewirkt
zu haben, wirken einem allgemeinen Ohnmachtgefühl
entgegen. Es gilt,
den Menschen als Subjekt seines Handelns und
nicht als Objekt und Opfer der Entwicklung wahrzunehmen
sowie eurozentristische Betrachtungen
bewusst zu machen.
Achtung: Helfersyndrom!
Stehen aber Hilfsaspekte im Vordergrund, so ist die Partnerschaft in
Gefahr. Das Gegenteil kann
bewirkt werden: das Gefühl eigener Macht
sowie der Ohnmacht und Hilfsbedürftigkeit des
anderen nimmt zu. Das Oben-/Unten- Denken
wird gefördert. Voneinander-Lernen tritt
völlig in den Hintergrund oder wird nur
als Einbahnstraße Nord-Süd verstanden. Das
Miteinander-Teilen hat positive Aspekte für
beide Seiten und diese müssen thematisiert werden.
Zu oft ist bei der Behandlung des Agenda-Themas
„Veränderung des eigenen Lebensstils"
von Verzicht die Rede, obwohl es um
ein gemeinsames neues Lernen über Ressourcenverbrauch und
globale Vernetzung gehen könnte
(vgl. Impulse aus der Ausstellung „Entwicklungsland D").
Praktische Solidarität muss sich nicht nur auf den
Partner im Süden erstrecken, sondern beinhaltet auch
das Engagement im eigenen Umfeld.
In Ettenheim entstand in einer Realschule aus
der Unterstützung von Straßenkindern in
Südamerika die Beschäftigung mit der Problematik der
Straßenkinder in der näheren Umgebung.
In Eberswalde/Brandenburg unterstützt die
Schüler-AG „Multikulti" nicht nur ein Straßenkinderprojekt
in Angola, sondern setzt sich
mit einem angolanischen Mitarbeiter der Regionalen
Arbeitsstelle für Ausländerfragen, Jugend
und Schule (RAA) u.a. auch im lokalen Umfeld
für AsylbewerberInnen und andere dort
lebende Ausländer ein.
Schlussfolgerungen
Allgemein lässt sich die Bilanz ziehen,
dass sich aus
den verschiedensten, meist individuell geprägten
Anlässen heraus Partnerschaften entwickeln
können. Wichtig ist, dass sich vor Beginn
einer offiziellen Schulpartnerschaft bereits
abzeichnet, dass es sich hier nicht um eine
Eintagsfliege handeln wird, sondern dass eine
kleine Gruppe von Aktiven die Kontinuität sichert.
Die erste Frage lautet also: Wie wird aus einem Einzelengagement
das Anliegen einer Schule? Da
eine Partnerschaft mindestens phasenweise eine
hohe zeitliche Belastung bedeutet, ist es sinnvoll,
sich der Unterstützung inner- und außerhalb
der Schule zu versichern. Die Erfahrungen haben
gezeigt, dass es hierfür meist ein
großes Potenzial auf Seiten von SchülerInnen, Eltern,
Kirchengemeinden, Missionswerken und NRO’s
gibt.
Nicht zu unterschätzen ist auch die Rolle
von kulturellen
Mittlern, von Menschen aus den jeweiligen
Kulturkreisen oder solchen, die die Gegebenheiten
vor Ort aus eigener Erfahrung kennen.
Sie können Kontakte erleichtern, Missverständnisse aufklären
und den Perspektivenwechsel anleiten
als Voraussetzung für eine gleichwertige
Partnerschaft.
Gegenseitiger Respekt zeigt sich auch im Ernstnehmen
der Partnererwartungen, in der Ermöglichung
von Reversebesuchen, in der Suche
nach gemeinsamen Themen u.ä.
Außerdem
gilt es, die Schüler- und Lehrerschaft langfristig
zu motivieren und Anlässe zu
realer Handlungsorientierung zu geben – sei
es zur Unterstützung des Partners oder als Engagement
im schulischen Umfeld. Diese sollten
nicht mit Moralansprüchen und auch nicht
mit einem rein karitativen Sammeln für Notleidende
gekoppelt werden. Man sollte immer wieder
die Frage erörtern, welche Rolle in der Partnerschaft
der Faktor Geld spielt. Dabei
ist die gesamte Schule gefragt, die verschiedenen Facetten
der Partnerschaft in allen Fächern
und im Schulleben programmatisch zu verankern
sowie geeignete Kommunikationsformen zu
finden.
Hindernisse liegen viele auf einem solchen Weg,
angefangen von den Kosten, über die zeitliche
Beanspruchung, bis hin zu kulturellen und persönlichen
Missverständnissen in der Kommunikation über
Grenzen hinweg.
Zur Bearbeitung der auftretenden Probleme und für
die Aufrechterhaltung der Motivation, den „langen
Atem", sind ausführliche Reflexionsrunden, Vor-
und Nachbereitungsseminare bei Begegnungen
wichtig, um Selbst- und Fremdwahrnehmung zu
schärfen und schwierige Situationen durch
Einüben von Perspektivenwechsel u.ä.
zu bearbeiten.
Auch Vernetzungen von Schulen mit Partnerschulen im
selben Land helfen – wie Beispiele in
Niedersachsen oder Schleswig-Holstein mit tansanischen Partnerschulen
zeigen – die
Belastung auf mehrere Schultern zu verteilen oder
sich durch Austausch Beratung und Unterstützung
zu holen2.
Die Chancen, gemeinsam neue Wege einer gleichwertigen Partnerschaft
auf der Grundlage von
Transparenz und Offenheit zu gehen, sind
groß. Kooperationen mit Schulen in Ländern des
Südens können hier wie dort SchülerInnen und
Lehrkräfte zu Schlüsselqualifikationen verhelfen,
den Horizont erweitern, zu einem
bereichernden Impuls im Schulleben werden
und schließlich Globalisierungsaspekte in
ihrer Komplexität und Ambivalenz zwischen Eigenem
und Fremdem erkennen helfen.
Literatur
FÜHRING, G. (1993): Begegnung
mit dem Fremden. Materialien zur
entwicklungspolitischen Bildungsarbeit. Bonn
(kostenloser Bezug beim DED, PF
120120, 53043 Bonn).
FÜHRING, G. (1996): Begegnung
als Irritation. Ein
erfahrungsgeleiteter Ansatz in der
entwicklungsbezogenen Didaktik. Münster/New York.
MÄRZ, M. (1994): Eins plus Eins macht mehr als Zwei. Nord-Süd-
Schulpartnerschaften in
Baden-Württemberg. Zentrum für entwicklungsbezogene Bildung
(ZEB)/Stiftung Entwicklungs-Zusammenarbeit Baden Württemberg/ Verein
für Friedenspädagogik, Tübingen.
Netzwerk entwicklungspolitischer Initiativen in Rheinland Pfalz
zur Partnerschaft mit der Republik
Ruanda (Hrsg.; 1999):
Partnerschaftsführer 1999. Ministerium
des Innern und für Sport,
Rheinland-Pfalz, Mainz.
Niedersächsisches Landesinstitut
für Lehrerfortbildung, Lehrerweiterbildung und Unterrichtsforschung (NLI)
(Hrsg.; o. J.): Schulpartnerschaften mit der Dritten Welt. Lernen für
eine bessere Zukunft. NLI-Drucksache, H. 4. Hildesheim.
Schulpartnerschaften. Global Lernen.
Ausgabe 3/ 1997 (kostenloser Bezug über „Brot für die Welt", Stuttgart).
Thomas-Morus-Akademie (Hrsg.;
1993): Von Argentinien bis Zimbabwe
– Planungshilfen für schulische Aufenthalte im Ausland. Bensberg.
Anmerkungen
2 Vgl. auch die Beratung und Unterstützung in länderspezifischen Netzwerken, wie z.B.:
www.gpnet.info
www.nibis.ni.schule.de/ikb
www.globales-lernen.de/GlobalePartnerschaften/ewsframe.htm
www.learn-line.nrw.de/angebote/umweltgesundheit/medio/unter/gestalt/nordsued/in_nosue.htm
Artikel aus "21-Das Leben gestalten
lernen" (3-2001, S. 50-52)
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