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Globales Lernen: Unterrichtsprojekt Regenwald |
HOMEPAGE Unterrichtsprojekte Regenwald |
Unterrichtsvorschlag
Werner Hennings
Global Players - Local Actors
Globales Lernen am Beispiel der Regenwaldabholzung in Ghana
Vor gut zwei Jahren gingen Bilder und Meldungen über den Monate andauernden Smog in SO-Asien um die Welt. Ursache: Flächenbrände unvorstellbaren Ausmaßes im Regenwald von Sumatra und Kalimantan. Wenn auch im letzten und in diesem Jahr (1999) die Schlagzeilen durch andere politische Ereignisse beherrscht werden - verein- zelte Meldungen zeigen wie hier in der Frankfurter Rundschau Anfang Mai: "Der große Smog kehrt zurück."(M 1) Und: Die Waldzerstörung wird auch nicht durch die weltweit ratifizierte Erklärung der Umwelt-Konferenz von Rio gestoppt (M 2). Pro Minute werden in der Welt Waldflächen in der Größenordnung von 35 Fußballfeldern vernichtet, 1/2 qkm/Minute, 30 qkm/Std. 720 qkm/Tag, 22.000 qkm/Monat, 260.000 qkm/Jahr - weltweit jährlich eine Fläche, die größer ist als die alten Bundesländer plus Berlin zusammen (M 3).
Anfang August erschien dann noch eine kleine Zeitungsmeldung, dass die Waldbrände in Indonesien außer Kontrolle geraten sind (Frankfurter Rundschau, 6.8.99) (M 4). Seither haben andere Schlagzeilen die Waldbrände in der Berichterstattung verdrängt: Die Ereignisse in Osttimor sind eben sensationeller.
Die Reduzierung des Regenwaldbestandes ist also global. Ihre räumlichen Schwerpunkte sind dabei neben Südostasien v.a. Schwarzafrika und in Lateinamerika Brasilien. Global sind auch die Folgen dieser Zerstörung:
Rational betrachtet sind diese Zahlen und Zusammenhänge eindrucksvoll, wohl auch erschreckend - beeindrucken sie aber auch unsere Lernenden, stößt es auf ihr Interesse oder bürden wir ihnen mal wieder einen Stoff auf, der ihnen gleichgültig ist? Es geht also um die alte Frage nach Schüler- oder Lehrerzentrierung.
Den letzten repräsentativen Jugendumfragen (Shell, Albus 98) zufolge ist die Gefährdung der Umwelt immer noch ein großes Jugendthema, das mehr als 50 % der Jugend "große Sorgen bereitet" (Albus 98). Aber die Shellstudie läßt keinen Zweifel daran, dass Umweltprobleme bei weitem nicht an erster Stelle jugendlicher Sorgen und Interessen stehen - die werden mit über 90 % Zustimmung eindeutig von der Arbeitslosigkeit und der Sorge um einen zukünftigen Arbeitsplatz eingenommen.
Hinzu kommt, dass der Regenwald weit weg ist. Zwar stimme ich der These Becks grundsätzlich zu, dass die Entfernung durch Globalisierung - ob räumlich, emotional oder ökonomisch - "getötet" ist. Allerdings sind die Folgen der Regenwaldabholzung dem Alltagsleben unserer Lernenden doch zunächst fern und fremd, und didaktische Versuche, räumliche und emotionale Nähe, einen gemeinsamen Erfahrungshorizont herzustellen, überzeugen nicht jeden. Das Beispiel ist einem etablierten Lehrbuch in NRW entnommen.
Bei der hier vorgestellten Unterrichtseinheit plädiere ich daher eindeutig auf ein Primat der Wissenschaftsorientierung mit dem Ziel Aufklärung, wohl wissend, dass wie Klafki formulierte:
"Wissenschaftsorientiertes Lernen ... vom Schüler im Allgemeinen nur dann produktiv, verstehend, Interesse weckend, weiter wirkend vollzogen werden (wird), wenn es von ihm als sinnvoll, als bedeutsam für die Entwicklung seines Selbst- und Wirklichkeitsverständnisses, seiner Urteils- und Handlungsfähigkeit erfahren werden kann" (1994, S. 166).
Darauf wird bei der Vorstellung meiner didaktischen Strukturskizze noch einmal zurückzukommen sein.
Einstweilen zeichnet globales Denken jedenfalls v.a. die in Sachen Regenwald ökonomisch Aktiven aus. Licht in das Dunkel dieses globalen Netzwerks von Handlungsträgern zu bringen ist das Ziel dieser Unterrichtseinheit, Aufklärung zu leisten an einem Fallbeispiel, das zeigt, welche komplexen globalen Verflechtungen sog. strategische Gruppen', bei der Zerstörung des Regenwaldes eingehen: place-based actors' oder: ortsansässige Akteure' dort in der "Dritten Welt", non-place-based actors' oder: nicht ortsansässige Akteure' hier in der "Ersten Welt". Als strategische Gruppe' wird dabei die mehr oder weniger explizit formulierte Allianz weltweit verteilter verschiedener sozialer Gruppierungen definiert, deren gemeinsames Ziel und Strategie es ist, bei aller Unterschiedlichkeit, sich ökonomische und soziale Vorteile über die Kontrolle der Produktionsmittel und über den Zugriff auf das Austausch- und Distributionssystem zu sichern (Evers/Schiel 1988).
Globales Denken ist zum Verständnis der "Einen Welt" zur Voraussetzung geworden. Globales Lernen wird für die Schule zur Notwendigkeit. Mit der folgenden Unterrichtseinheit will ich im wesentlichen zweierlei vorstellen:
(1) in einer Sachanalyse Funktion und Wirkungsweise eines Netzwerks der globalen "Einen Welt" aufzeigen, und zwar am Beispiel der in Ghana tätigen strategischen Gruppe von global vernetzten und jeweils lokal verankerten Akteuren in der "Ersten" und der "Dritten Welt" und
(2) mit einer didaktischen Strukturskizze einen Vorschlag unterbreiten, wie sich das Thema im Unterricht umsetzen läßt.
Zur Sachanalyse:
Am Anfang steht die Beobachtung: Methodisch gehe ich dabei wie folgt vor:
Der erste Teil der Beobachtungen erfolgt aus der Makroperspektive, mit der Blickrichtung top-down. Theoretische Grundlage dieser Perspektive ist die Markttheorie, entwicklungspolitisch besser bekannt als Modernisierungstheorie. Die empirischen Grundlagen dieses Ansatzes, d.h. die Indikatoren und Daten stammen aus der Makroökonomie: quantitative Strukturdaten aus einschlägigen Statistiken ghanaischer Behörden bzw. der Auslandsstatistik des Statistischen Bundesamtes. Der zweite Teil der Beobachtungen erfolgt aus der Mikroperspektive, d.h. bottom-up. Die theoretischen Grundlagen dieser Perspektive sind der Ethnographie, besser: der Sozialanthropologie verpflichtet. Die empirische Grundlage dieses Ansatzes entstand während zweier Feldforschungsaufenthalte in Ghana Mitte der 90er Jahre. In der Verknüpfung beider Perspektiven ergibt sich dann eine Verflechtungsanalyse nach dem Bielefelder Ansatz, der in Kritik und Weiterentwicklung der beiden Makroperspektiven Modernisierungstheorie und Dependenztheorie seit etwa 20 Jahren entwickelt und seither in zahlreichen sozialräumlichen Studien in ständiger Evaluation begriffen ist. Die räumlichen Bezugspunkte dieser Untersuchung sind die international/nationale Ebene einerseits und die regional/lokale Ebene im Raum Kumasi-Obuasi andererseits.
Bevor wir nun unmittelbar in dieses komplexe Netzwerk unterschiedliche Perspektiven, Theorien, unterschiedlicher Handlungsebenen, Handlungsträger und -räume konkret einsteigen, seien mir aus didaktischer Sicht noch einige wenige Bemerkungen zum Problem der in Zeiten der Globalisierung ständig zunehmenden Komplexität und wachsender Unübersichtlichkeit gestattet. Im Kern geht es hier um die Frage, inwieweit komplexe Zusammenhänge von den Lernenden "ausgehalten" oder von den Lehrenden in ihrer Komplexität so weit reduziert werden sollen, dass sie überschaubar und nicht als Ängste erzeugend wahrgenommen werden.
Auch hier knüpfe ich an Klafki an, der einen Umgang mit Komplexität fordert, der die Lernenden in die sachlogischen Stufen der Entwicklung von Gesetzmäßigkeiten, Strukturen und Zusammenhängen einführt, indem sie Komplexität schrittweise nachvollziehen oder aber umgekehrt, vom fertigen Ergebnis ausgehend, analytisch rekonstruieren lernen.
Die hier vorgestellte Unterrichtseinheit läßt Komplexität nicht nur zu, sondern mutet den Lernenden explizit zu, sie auch auszuhalten: Wechselnde Perspektiven und Theorien, unterschiedliche empirische Daten und Bezüge, völlig disparate räumliche Ebenen. Am Ende werden gar beide Perspektiven noch miteinander verflochten. Damit dies alles überschau- und aushaltbar wird, soll Komplexität an einem Punkt reduziert werden, und zwar durch die Bezugnahme auf das Prinzip des "exemplarischen Lernens". Durch den "Laborfall Ghana" wird das sozio-ökonomische Netzwerk überschaubar, das Geflecht lokaler, nationaler und internationaler Beziehungen sichtbar, einzelne Variablen sowohl isolierbar als auch in ihrer Vernetzung erkennbar und transparent.
Komplexität reduzieren oder zulassen; dies ist für mich kein entweder/oder, sondern ein sowohl/als auch.
Zum ersten Teil, Makroperspektive, marktwirtschaftlicher Ansatz: Zwischen 1900 und 1990 wurde der Regenwald in Ghana bzw. der früheren britischen Kronkolonie Goldküste um rund 90 % vernichtet, und zwar von ursprünglich 82.259 qkm auf knapp 10.000 qkm vor 10 Jahren, von denen heute nur noch ein Restbestand von weniger als 5.000 qkm übrig sein dürfte. Unter Beibehaltung der gegenwärtigen Abholzungsrate wird der Regenwald in Ghana Anfang des kommenden Jahrhunderts verschwunden sein (M 5).
Als Handlungsträger primärer Ordnung ist zunächst ein nicht ortsansässiger Akteur zu nennen. Der Internationale Währungsfonds empfiehlt allen Entwicklungsländern eine hemmungslose Ausplünderung ihrer nationalen Rohstoffreserven, mit deren Erlösen die Regierungshaushalte und Zahlungsbilanzen ausgeglichen, die Kreditaufnahme reduziert und der Schuldendienst bedient werden sollen. Grundlage der IWF-Politik sind die Strukturanpassungsprogamme, deren Ziel es ist, staatliche Interventionen und Regulierungen abzubauen, die marktwirtschaftliche Modernisierung des Landes zu fördern und seine Integration in den Weltmarkt voranzutreiben.
Die ghanaische Regierung der 80er und 90er Jahre unter Jerry Rawlings wird diesbezüglich von IWF und Weltbank als Musterknabe vorgestellt. Ein Blick auf die außenwirtschaftlichen Bilanzen des Landes zeigt die Dringlichkeit und den Handlungsbedarf im Sinne des IWF Anfang der 90er Jahre: Die Exporteinkünfte eher stagnierend, die Importe stark anwachsend, das Zahlungsbilanzdefizit exponentiell steigend, die Auslandsschulden sich nahezu verdoppelnd (M 6). Tropische Hölzer sind zunehmend zu einem Ersatz für sinkende Einnahmen aus dem klassischen Exportprodukt Kakao geworden, weil hier die Weltmarktpreise im Verlauf der letzten gut 20 Jahre auf rund ein Drittel zusammengeschrumpft sind (M 7). Als Ersatz wurde der Holzexport in nur zwei Jahren von 1992 bis 1994 nahezu verdoppelt. Damit wurde die ghanaische Regierung als zweiter Interessenverband in der strategischen Gruppe zur Regenwaldvernichtung festgestellt: ein ortsansässiger Akteur!
Die konzentrierte Aktion war monetär von Erfolg gekrönt: Die Exporte erhöhten sich innerhalb von 3 Jahren um 40 %, die Steigerung der Importe wurde deutlich gebremst, die Zahlungsbilanz radikal verbessert (M 8).
Ökonomisch ins Werk gesetzt wurde die Strukturanpassung von Konsortien aus ortsansässigen und nicht-ortsansässigen Akteuren:
Die Profite kommen v.a. den nicht ortsansässigen globalen Akteuren' zugute, nämlich in Form von saftigen Dividenden und Aktiengewinnen.
Die AGC ist Joint venture des ghanaischen Staates und des südafrikanischen Lonrho-Konzerns und damit zu großen Teilen in multinationalem Eigentum. Größter Holzeinschlagbetrieb ist MIM-Timber, zum Hauptteil in dänischem Eigentum. Die meisten mittelgroßen und kleineren Einschlagfirmen befinden sich in libanesischem Eigentum, deren Inhaber allerdings inzwischen ghanaische Staatsbürger sind. Die Aluminiumschmelze, die durch die Energie des Voltastaudammes ermöglicht wird, geht auf das Konto des amerikanischen Konsortiums Kaiser und Reynolds und der Export-Importbank. Der Staat Ghana verhilft zu großen Extraprofiten mit einer 30-Jahresgarantie für den weltweit billigsten Strom (0,26 US-Cents/KWh).
Die Gewinner der Modernisierung sind damit v.a. nicht ortsansässige globale Unternehmen und die nicht ortsansässigen Konsumenten, denen die billigen Rohstoffe und Agrargüter zugute kommen. Der ghanaische Staat ist insoweit Profiteur, als der ständige Verfall der Exportquote aus den siebziger und achtziger Jahren gestoppt wurde. Schließlich zählen auch zahlreiche Handwerksbetriebe und Händler zu den Vor-Ort-Gewinnern - notwendige Zwischenstationen vor der Ausfuhr. Nicht vergessen werden darf der informelle Sektor: Im Windschatten des Goldbergbaus wird z.B. ein schwunghafter Schwarzmarkt betrieben.
Zum zweiten Teil, Mikroperspektive, sozialanthropologischer Ansatz, teilnehmende Beobachtung auf regionaler und lokaler Ebene. In diesem Teil werden v.a. die Folgen des global-lokalen Spiels deutlich.
Hier, vor Ort, finden wir die Verlierer des globalen Spiels: Zwar ist das Ökosystem mit dem Treibhauseffekt und dem Rückgang der Artenvielfalt global geschädigt, aber lokal betroffen ist es weitaus stärker, v.a. durch den Tagebergbau: Flächenhaft werden buchstäblich Berge versetzt und Böden zerstört. Durch das mit Zyanid versetzte Auswaschungsverfahren wird weiträumig das Grund- und Trinkwasser kontaminiert (M 12).
Vor-Ort-Verlierer ist natürlich auch die große Mehrheit der Bevölkerung:
Die Abholzung des Regenwaldes schädigt zunächst einmal die Kleinbauern, deren Hauptquelle für Cash-Einkommen der Kakaoanbau ist. Kakao braucht hohe Feuchtigkeit und Schatten - beide Bedingungen wurden durch die rigorose Abholzung stark eingeschränkt. Die Kakaoproduktion fiel von 409.000 t (1970) über 320.000 t (1975), 255.000 t (1980) auf 242.000 t (1992) - ein Rückgang um 40 %. Berücksichtigt man dazu noch die Entwicklung der Weltmarktpreise für Kakao (327 US $ in den siebziger Jahren; 100 US $ Anfang neunziger Jahre = 70 % Preisverfall), so kommt man zu Einkommenseinbußen in Höhe von 82 % (M 13).
Die Kleinbauern sind aber auch noch Vor-Ort-Verlierer in anderer Hinsicht - sie verlieren buchstäblich ihre Existenzgrundlage, das Land, ihr einziges Produktionsmittel. Bei durchschnittlichen monetären Jahreseinkommen für einen achtköpfigen Haushalt im ländlichen Ghana von etwa 1.200,-- DM (1995) bleibt keinerlei Reserve. Die Kleinbauern sehen sich zunehmend gezwungen, ihr Land zu verkaufen. Käufer (und damit Gewinner der Verelendung sind ortsansässige und nicht ortsansässige Akteure gleichermaßen: einerseits die lokale städtische Elite (Kleinunternehmer und höhere Verwaltungsbeamte), andererseits aber auch multinationale Bergbauunternehmen wie die AGC, die unersättlichen Hunger nach Land für ihren Tagebau hat. Die zunehmenden Landverkäufe unterminieren die Subsistenzfähigkeit des ländlichen Ghana, und verstärken die schon seit langem bestehende Landflucht, die ihrerseits zu einer Zunahme der sozialen Probleme in den Städten beiträgt (Verslumung).
Vor-Ort-Verlierer ist die gesamte Mehrheit der ghanaischen Bevölkerung, weil sich das Verteilungssystem radikal verändert hat. Traditionell ist die ghanaische Gesellschaft nach Akan-Recht matrilinear organisiert: "Abusua bako mogya bako - Ein Blut, ein Bündnis" lautet z.B. in der Kurzformel der Gesellschaftsvertrag der Ashanti. Gemeint ist die wechselseitige Identifikation und Verpflichtung zwischen den Kindern und Kindeskindern einer gemeinsamen Mutter, Großmutter, Ahne. Dies schlug sich bei den Erbschaftsregeln in einer breiten Umverteilung des Wohlstands nieder, wobei die Wohlhabenden stets den weniger Wohlhabenden von ihrem Reichtum abgaben. Mit der Modernisierung als Folge der Globalisierung wird die Vererbung auf patrilineares Recht umgestellt (PNDC-Law 111): Erbschaftsberechtigt sind jetzt nicht mehr die Geschwister und deren Kinder, sondern nunmehr die Ehefrau und deren Kinder. Unter der Annahme von nur zwei Generationen und einer durchschnittlichen Kinderzahl von 8 verändert sich dadurch die Umverteilungsbasis von matrilinear 1 : 64 auf patrilineare 1 : 9. Der Solidarpakt ist zerbrochen, die Erfolgreichen und Wohlhabenden lassen sich bei den rites de passage nicht mehr blicken und die höchste ghanaische Feierlichkeit, die Beerdigung, ist zu einer Umverteilung à la Nullsummenspiel unter Armen verkommen (M 14). Das soziale Gleichgewicht ist zerstört: Die soziale Umverteilung hat sich von top-down auf bottom-up verkehrt und damit die Grundlage geschaffen für die marktwirtschaftlich notwendige ursprüngliche Akkumulation des Kapitals. Beobachten lässt sich diese Entwicklung an Einkommensverteilungen und dem GINI-Koeffizienten für Einkommensverteilungen (M 15 - 17).
Möglich geworden ist dieses Gewinner-Verlierer-Spiel schon in der Vergangenheit wiederum durch nicht ortsansässige Akteure.
Während der Kolonialisierung Ghanas entzog die britische Verwaltung den Clans die Kontrolle über Teile des traditionell im Gemeinschaftseigentum befindlichen "stool land", indem es einen Teil des Landes zu "crown land" machte, in anderen Landesteilen, die marktwirtschaftlich interessant waren, Sondereigentumsrechte zuließ: Für beide Landkategorien gilt eine Registrierung analog zu europäisch-westlichen Eigentumsformen.
Die Einführung patrilinearen Erbschaftsrechts 1985 ging maßgeblich auf die Strukturanpassungsforderungen des IWF zurück.
Ich fasse zusammen: Das Beispiel Ghana hat gezeigt, dass prinzipiell die gleichen konzertierten Aktionen weltweit operierender strategischer Gruppen stattfinden. Im globalen Netzwerk strategischer Gruppen sind die nicht ortsansässigen Akteure die tonangebenden Handlungsträger und die Hauptgewinner des Prozesses. Sie sind die wahren global players, players in dem Sinne, dass sie die Spielregeln des Globalisierungsspiels, der Modernisierung festlegen, global in dem Sinne, dass sie weltweit tätig sind und dass die Folgen ihres Handels bis in den letzten Winkel dieser Erde reichen.
Es gibt aber auch ortsansässige Akteure als Gewinner der Modernisierung. Sie sind ökonomisch in hohem Maße initiativ, innovativ und sozial flexibel, aber ihre Handlungen sind begrenzt, begrenzt in dem Sinne, dass sie nicht, wie die nicht ortsansässigen Akteure, die Spielregeln bestimmen und sie sind begrenzt in dem Sinne, dass ihre Gewinne lokal festgelegt sind (M 18).
Auf der Verliererseite sehen wir v.a. ortsansässige Akteure bzw. Systeme: Die Ökosysteme werden zerstört, ökonomisch geht die Subsistenzfähigkeit verloren und gesellschaftlich verkehrt sich die traditionelle soziale Umverteilung von oben nach unten in ihr Gegenteil.
Globalisierung zeigt sich hier also v.a. als ein Gewinner-Verlierer-Spiel: Die strategischen Gruppen' der global players und local actors treibt durch Globalisierung die sozialräumlichen Disparitäten voran. Der GINI-Koeffizient der Einkommensverteilung zeigt sowohl auf der globalen als auch auf der nationalen Ebene Ghanas eine zunehmende Ungleichverteilung: Immer mehr für die Gewinner, immer weniger für die Verlierer. In konzertierter Aktion werden global und lokal ehemals vorhandene ökologische, ökonomische und soziale Gleichgewichtssysteme zerstört (M 19).
Zur didaktischen Strukturskizze
In ihrer Konzeption muss die Unterrichtseinheit den Anforderungen der Richtlinien der 90er Jahre gerecht werden, nämlich
Unter Beachtung der eben genannten Kriterien könnte man sich die folgende strukturelle Gliederung vorstellen:
1. "Die Schler da abholen, wo sie stehen ".
Nach meiner Erfahrung geschieht dies z.B. durch die Bearbeitung verschiedenster Fotos über den Regenwald und seine Vernichtung, wobei Bilder von Schülern in Sprache umgesetzt werden müssen, die subjektiven Erfahrungen besser hervorgelockt werden können als durch die Reproduktion und Verarbeitung von Texten. Es gibt aber eine Fülle anderer Möglichkeiten, an die Alltagserfahrungen anzuknüpfen.
Besonders hinweisen möchte ich auf Anregungen von Schmidt-Wulffen, z.B. in "Zukunftsfähiger Erdkundeunterricht. Trittsteinen für Unterricht und Ausbildung" in der Pädagogischen Reihe von Perthes oder "Leben in Afrika" aus der Reihe: Materialien zur Didaktik der Geographie und Wirtschaftskunde der Universität Wien.
2. Die Motivation für das Unterrichtsziel (Schutz des Regenwalds) erarbeiten und ein Identifikationsangebot machen:
Man kann nur schützen, was man schützen gelernt hat: am Beispiel einer Regenwaldkultur aufzeigen, welche ökonomischen und ökologischen Potentiale sich in der Nutzung des Regenwaldes ergeben.
3. Kernstück der Unterrichtseinheit ist dann die Sachanalyse, das Erkennen und Erklären dessen, was vor sich geht, sich der gesellschaftlichen Realität zu stellen: In welchem Ausmaß und warum werden Regenwälder vernichtet? Wer sind die Akteure? Wer die Gewinner, wer die Verlierer?
4. Abschließend erfolgt dann die Hinwendung zur Handlungsorientierung: Welche Konzepte zum Schutz des Regenwaldes gibt es (Aktion Kauf von Regenwald, Tropenholzboykott)? Welche Strategien sind sinnvoll; geeignet, die verschiedenen Perspektiven und Interessen miteinander in Einklang zu bringen? (Klimabündnis, Armutsbekämpfung) Wo stehen die Schüler in ihrer Subjektivität, ihren Interessen? (Tropenholzboykott, Rauchverzicht) Wo stehen die kommunale Verwaltung, Betriebe und Unternehmen in der Kommune? (Beschaffung, Verwendung, Verarbeitung von Tropenholz) Welche Verpflichtungen ist die Kommune zum Schutz der Regenwälder eingegangen (Klimabündnis, Lokale Agenda 21), was wird dafür getan, was kann noch getan werden? Dieser vierte Teil der Unterrichtseinheit bietet sich als Projektarbeit an.
In ihrer Anlage ist die Unterrichtseinheit so konstruiert worden, dass sie nicht nur auf Ghana anwendbar ist. Die Teile 1, 2 und 4 sind so allgemein gehalten, dass sie unabhängig vom räumlichen Fallbeispiel des Teils 3 Bestand haben. Wer an der Stelle von Schwarzafrika lieber ein Beispiel aus Südostasien oder Lateinamerika im Unterricht behandeln möchte, kann dies problemlos tun - es gibt eine Fülle von Fachliteratur über z.B. Indonesien oder Brasilien. Wer aber als Fallbeispiel einmal etwas Ausgefalleneres bearbeiten will, z.B. die Regenwaldzerstörung in einem der vermeintlich letzten Paradiese dieser Erde, den pazifischen Inseln, kann die konzertierte Aktion von place-based actors und non-place-base actors in Samoa als Unterrichtseinheit im Oberstufen-Kolleg bestellen.
| Erstellt:04.04.00 | Modifiziert: 22.07.01 |
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