gllogo.jpg (2726 Byte)
Globales Lernen:
Unterrichtsprojekt Regenwald
HOMEPAGE
Unterrichtsprojekte
Regenwald

Unterrichtsvorschlag

Werner Hennings

Global Players - Local Actors

Globales Lernen am Beispiel der Regenwaldabholzung in Samoa

1. Einleitung 

Vor gut zwei Jahren gingen Bilder und Meldungen über den Monate andauernden Smog in Südostasien um die Welt. Ursache: Flächenbrände unvorstellbaren Ausmaßes im Regenwald von Sumatra und Kalimantan. Wenn auch im letzten und in diesem Jahr die Schlagzeilen durch andere politische Ereignisse beherrscht werden - vereinzelte Meldungen, wie hier in der Frankfurter Rundschau Anfang Mai, befassen sich dennoch mit diesem Thema: "Der große Smog kehrt zurück" (M 1) und: "Die Waldzerstörung wird auch nicht durch die weltweit ratifizierte Erklärung der Umwelt-Konferenz von Rio gestoppt" (M 2). Pro Minute werden in der Welt Waldflächen in der Größenordnung von 35 Fußballfeldern vernichtet, 1/2 km2/Minute, 30 km2/Std. 720 km2/Tag, 22.000 km2/Monat, 260.000 km2/Jahr - weltweit jährlich eine Fläche, die größer ist als die alten Bundesländer plus Berlin zusammen (M 3)

Die Reduzierung des Regenwaldbestandes ist also global. Ihre räumlichen Schwerpunkte sind dabei neben Südostasien v.a. Schwarzafrika und in Lateinamerika Brasilien. Global sind auch die Folgen dieser Zerstörung: 

Zu stoppen wäre dieser Vorgang nach Ansicht von Experten nur durch gemeinsame weltumspannende Aktionen von Regierungen, Unternehmen, internationalen Institutionen, von Umweltschützern und lokalen Initiativen. Global denken aber nicht nur die Umweltschützer. Global denken auch, und zwar schon lange, die Waldzerstörer. Licht in das Dunkel dieses globalen Netzwerks von Handlungsträgern zu bringen, ist das Ziel dieser Unterrichtseinheit. Sie will Aufklärung leisten an einem Fallbeispiel, das zeigt, welche komplexen globalen Verflechtungen sog. `strategische Gruppen' bei der Zerstörung des Regenwaldes eingehen: 'place-based actors' oder: 'ortsansässige Akteure' dort in der "Dritten Welt", 'non-place-based actors' oder: 'nicht ortsansässige Akteure' hier in der "Ersten Welt". Als 'strategische Gruppe' wird dabei die mehr oder weniger explizit formulierte Allianz weltweit verteilter unterschiedlicher sozialer Gruppierungen definiert, deren gemeinsames Ziel und Strategie es ist, bei aller Unterschiedlichkeit, sich ökonomische und soziale Vorteile über die Kontrolle der Produktionsmittel und über den Zugriff auf das Austausch- und Distributionssystem zu sichern (Evers/Schiel 1988). 
Globalisierung hieß das Stichwort des Geographentages 1999. Globales Denken ist zum Verständnis der "Einen Welt" zur Voraussetzung geworden. Globales Lernen wird für die Schule zur Notwendigkeit. Mit der folgenden Unterrichtseinheit will ich im wesentlichen zweierlei vorstellen:

(1) in einer Sachanalyse Punktion und Wirkungsweise eines Netzwerks der globalen "Einen Welt" aufzuzeigen, und zwar am Beispiel der in Samoa tätigen 'strategischen Gruppe' von global vernetzten und jeweils lokal verankerten Akteuren in der "Ersten" und der "Dritten Welt" und 

(2) mit einer didaktischen Strukturskizze einen Vorschlag unterbreiten, wie sich das Thema im Unterricht umsetzen lässt. 

zurück zum Seitenanfang

2. Sachanalyse 

Am Anfang steht die Beobachtung. Methodisch gehe ich dabei wie folgt vor: 
Der erste Teil der Beobachtungen erfolgt aus der Makroperspektive, mit der Blickrichtung 'top - down'. Theoretische Grundlage dieser Perspektive ist die Markttheorie, entwicklungspolitisch besser bekannt als Modernisierungstheorie. Die empirischen Grundlagen dieses Ansatzes, d.h. die Indikatoren und Daten stammen aus der Makroökonomie: quantitative Strukturdaten aus einschlägigen Statistiken samoanischer Behörden bzw. der Auslandsstatistik des Statistischen Bundesamtes. Der zweite Teil der Beobachtungen erfolgt aus der Mikroperspektive, d.h. 'bottom - up'. Die theoretischen Grundlagen dieser Perspektive sind der Ethnographie, besser: der Sozialanthropologie verpflichtet. Die empirische Grundlage dieses Ansatzes entstand während zweier Feldforschungsaufenthalte in Samoa Mitte der 90er Jahre. In der Verknüpfung beider Perspektiven ergibt sich dann eine Verflechtungsanalyse nach dem Bielefelder Ansatz, der in Kritik und Weiterentwicklung der beiden Makroperspektiven 'Modernisierungstheorie' und 'Dependenztheorie' seit etwa 20 Jahren entwickelt und seither in zahlreichen sozialräumlichen Studien in ständiger Evaluation begriffen ist. Die räumlichen Bezugspunkte dieser Untersuchung sind die international/nationale Ebene einerseits und die regional/lokale Ebene im Raum Poutasi andererseits (M 4)

Makroperspektivisch lassen sich nach dem marktwirtschaftlichen Ansatz folgende Beobachtungen machen: 

In den letzten 50 Jahren wurden 50 % des samoanischen tropischen Regenwaldes abgeholzt, davon wiederum die Hälfte in dem kurzen Zeitraum von 1987 - 1990 (M 5). 

(2) In der Analyse lässt sich eine Hauptursache feststellen, die in engem Zusammenhang mit der zunehmenden Integration Samoas in den Weltmarkt steht: Seit den siebziger Jahren wächst das Handelsbilanzdefizit an: Die Einkünfte aus dem Export stagnieren bzw. sind rückläufig, die Importe steigern sich in exponentiellen Raten (M 6). In ihrem Interesse, das Defizit zu beseitigen, sucht die samoanische Regierung nach neuen, auf dem Weltmarkt besser bezahlten Exportprodukten, um die Palette der klassischen, krisenanfälligen und schlechtbezahlten Produkte Kopra, Kakao und Bananen zu ersetzen bzw. zu ergänzen (M 7, M 8). Dieses Diversifizierungsprogramm brachte v.a. tropische Edelhölzer und Rindfleisch hervor: Die Einnahmen aus Holzexport stiegen von 1990 bis 1995 um das Zehnfache (Central Bank of Samoa, 1996 : 43). 

An diesem Projekt waren als Handlungsträger die folgenden 'strategischen Gruppen' als 'non-place-based actors' beteiligt: 

(3) Die Europäische Union (EU), damals noch EG. Ein Beraterteam agierte in den siebziger und achtziger Jahren vor Ort und vollzog ein für das kleine Land vergleichsweise voluminöses "Programm zur ländlichen Entwicklung" (4 Mio. DM). Hauptpunkte des Programms: 

(4) Parallel dazu betrieb ein Beraterteam der UNDP ein Entwicklungsprogramm zur Unterstützung der 'least developed countries', dessen oberstes Projekt ('profile N° 1') die Etablierung marktwirtschaftlicher Plantagen auf 'customary land' vorantrieb, auf Land also, das bis dato hauptsächlich für Subsistenz-, mit gelegentlicher Marktproduktion, genutzt wurde (M 11 )

Vorrangiges Ziel beider 'non-place-based' Akteure war die marktwirtschaftliche Modernisierung und Integrierung Samoas in den Weltmarkt. Dieses Ziel korrespondierte mit den Projektionen führender 'place-based-actors' : 

(5) Die samoanische Regierung konnte gleichzeitig verschiedene Erfolge präsentieren:

(6) Eine Gruppe hochrangiger Titelträger (matai, Häuptlinge), häufig Regierungs- und Parlamentsmitglieder mit leichtem Zugang zu Kapital (Kredite) und Technologie (Kettensägen, Geländefahrzeuge) rodete im Hochland oberhalb der bestehenden Subsistenzpflanzungen 'customary land', um dort auf nunmehr in Privateigentum befindlichem Land von Entwicklungshilfe (EG) subventionierte Rinderhaltung zu betreiben - ein im Pazifik hoch lukratives Geschäft, weil auf dem japanischen Markt für Rindfleisch ein Mehrfaches der europäischen Preise geboten wird (M 14). 

(7) Die privatrechtliche Registrierung von Landeigentum wurde juristisch wiederum von einem 'non-place-based actor' ermöglicht: Die ehemalige Kolonialmacht Neuseeland erließ 1928 ein Gesetz zur Bildung von Privateigentum auf 'customary land' - bis dahin ausschließlich Gemeinschaftseigentum von Clans und (Groß-)Familien (M 15)

(8) Die Verstärkung des Privatisierungsprozesses wird wieder von einem `place-based actor' vollzogen: Seit Anfang der neunziger Jahre verkauft die samoanische Regierung die staatlichen WSTEC-Plantagen,. ehemals Deutsche Handels- und Plantagen-Gesellschaft, Fa. Godeffroy, Hamburg (M 16). 

(9) Dies freut die schon genannte Gruppierung der hochrangigen Titelträger mit Kapital und Know -  How, die hier, zum ersten Mal in der Geschichte Samoas, samoanischen Großgrundbesitz gründen können. 

zurück zum Seitenanfang

Nach der Analyse der Handlungen und ihrer Träger können nun, in einem neuen Zugriff und auf einer anderen Ebene, die Folgen dieses Globalisierungsprozesses studiert werden. Bei diesem Vorgang können wir wiederum zwei Aspekte unterscheiden: 

Die Gewinner sind sowohl 'place-based' wie 'non-place-based': 

(10) Als nicht-vor-Ort befindlich zu nennen sind zunächst 

(11) Als vor Ort befindliche Akteure sind als Gewinner zu nennen: 

zurück zum Seitenanfang

Auch die Verlierer sind globalisiert, d.h. 'non-place-based' und 'place-based' . 

(12) Weltweit wie vor Ort betroffen ist das Ökosystem durch den Beitrag, den die Abholzung zum Treibhauseffekt beisteuert sowie durch den Verlust an Artenvielfalt. Lokal betroffen ist v. a. die Verschmutzung des Trinkwassers, in dessen Einzugsbereich im samoanischen Hochland nunmehr Rinderherden weiden und ihre Fäkalien emittieren. Das ökologische Gleichgewicht geht verloren (M 21)

(13) Vor-Ort-Verlierer ist die große Mehrheit der Bevölkerung, die nicht-titulierten Personen und die Träger kleiner Titel, die keinen Zugang zu Kapital und Technologie haben, sich kein oder nur ein sehr kleines Privateigentum an Land schaffen können, das keine nennenswerte Mehrwertproduktion zulässt. Indem sich die hohen Titelträger ökonomisch abspalten, wird zudem die soziale Umverteilung umgekehrt, das soziale Netz der traditionellen Gesellschaft (das Nehmen und Geben) zerstört. Durch die private Akkumulation des Mehrwerts wird die soziale Umverteilung in ihr Gegenteil verkehrt: von 'top down' zu 'bottom up'. Diese unteren sozialen Gruppen werden von der Mehrwertbildung abgekoppelt. Zum ersten Mal in der samoanischen Geschichte müssen sich Nicht - Titelträger in Lohnarbeit bei den 'Big Chiefs' begeben, um an monetäre Mittel zu kommen. Die ländliche Jugend wandert mangels Perspektive in die Stadt Apia oder mehr noch gleich nach Neuseeland, Hawai'i und Kalifornien (Landflucht). Schon hat ein großer japanischer Betrieb eine Fabrik für Autozubehör in Apia gegründet, in der samoanische Lohnarbeit zu Niedrigstpreisen geleistet wird - ein bis dato undenkbarer Vorgang im autarken und autonomen Subsistenzsamoa. Das soziale Gleichgewicht geht verloren (M 21). 

(14) Zu den Vor-Ort-Verlierern zählt sicherlich auch das lokale ökonomische System. Die ganze marktwirtschaftliche Modernisierung hat kein Wachstum des Pro-Kopf Einkommens und auch keine ausgeglichene Handelsbilanz erzielt, dafür aber die Fähigkeit des Systems in Frage gestellt, die Bevölkenung durch intakte Subsistenzproduktion existenziell und sozial abzusichern. Ökonomische Stabilität gewinnt das System auch durch die marktwirtschaftliche Modernisierung nicht, eher geht die vormarktwirtschaftliche Stabilität verloren (abhängige Entwicklung) (M 22).

Ich fasse zusammen: Das Beispiel Samoa hat gezeigt, dass prinzipiell die gleichen konzertierten Aktionen weltweit operierender strategischer Gruppen stattfinden. Im globalen Netzwerk strategischer Gruppen sind die 'nicht ortsansässigen Akteure' die tonangebenden Handlungsträger und die Hauptgewinner des Prozesses. Sie sind die wahren 'global players', 'players' in dem Sinne, dass sie die Spielregeln des Globalisierungsspiels, der Modernisierung festlegen, global in dem Sinne, dass sie weltweit tätig sind und dass die Folgen ihres Handels bis in den letzten Winkel dieser Erde reichen. 
Es gibt aber auch 'ortsansässige Akteure' als Gewinner der Modernisierung. Sie sind ökonomisch in hohem Maße initiativ, innovativ und sozial flexibel, aber ihre Handlungen sind begrenzt, begrenzt in dem Sinne, dass sie nicht, wie die nicht ortsansässigen Akteure, die Spielregeln bestimmen, und sie sind begrenzt in dem Sinne, dass ihre Gewinne lokal festgelegt sind. 
Auf der Verliererseite sehen wir v.a. 'ortsansässige Akteure bzw. Systeme': Die Ökosysteme werden zerstört, ökonomisch geht die Subsistenzfähigkeit verloren und gesellschaftlich verkehrt sich die traditionelle soziale Umverteilung von oben nach unten in ihr Gegenteil. 

Globalisierung zeigt sich hier also v.a. als ein Gewinner-Verlierer-Spiel: Die 'strategischen Gruppen' der 'global players' und 'local actors' treibt durch Globalisierung die sozialräumlichen Disparitäten voran. Der GIM-Koeffizient der Einkommensverteilung zeigt sowohl auf der globalen als auch auf der nationalen Ebene Samoas eine zunehmende Ungleichverteilung (M 23): Immer mehr für die Gewinner, immer weniger für die Verlierer. In konzertierter Aktion werden global und lokal ehemals vorhandene ökologische, ökonomische und soziale Gleichgewichtssysteme zerstört. 

zurück zum Seitenanfang

3. Didaktische Strukturskizze 

In ihrer Konzeption muss die Unterrichtseinheit den Anforderungen der Richtlinien der 90er Jahre gerecht werden, nämlich 

Unter Beachtung der eben genannten Kriterien könnte man sich die folgende strukturelle Gliederung vorstellen: 

  1. Die Lernenden da abholen, wo sie stehen.
    Nach meiner Erfahrung geschieht dies am besten durch die Bearbeitung verschiedener Fotos über den Regenwald und seine Vernichtung, wobei Bilder von Schülern in Sprache umgesetzt werden müssen, die subjektiven Erfahrungen besser hervorgelockt werden können als durch die Reproduktion und Verarbeitung von Texten. 
  2. Die Motivation für das Unterrichtsziel (Schutz des Regenwalds) erarbeiten und ein Identifikationsangebot machen. 
    Man kann nur schützen, was man schätzen gelernt hat: am Beispiel einer Regenwaldkultur aufzeigen, welche ökonomischen und ökologischen Potentiale sich in der Nutzung des Regenwaldes ergeben. 
  3. Aufklärung als oberstes Lernziel 
    Kernstück der Unterrichtseinheit ist dann die Sachanalyse, das Erkennen und Erklären dessen, was vor sich geht, sich der gesellschaftlichen Realität zu stellen: In welchem Ausmaß und warum werden Regenwälder vernichtet? Wer sind die Akteure? Wer die Gewinner, wer die Verlierer? 
  4. Projektarbeit als Handlungsorientierung 
    Abschließend erfolgt dann die Hinwendung zur Handlungsorientierung: Welche Konzepte zum Schutz des Regenwaldes gibt es (Aktion Kauf von Regenwald, Tropenholzboykott)? Welche Strategien sind sinnvoll und geeignet, die verschiedenen Perspektiven und Interessen miteinander in Einklang zu bringen? (Klimabündnis, Armutsbekämpfung) Wo stehen die Schüler in ihrer Subjektivität, ihren Interessen (Tropenholzboykott, Rauchverzicht)? Wo stehen die kommunale Verwaltung, Betriebe und Unternehmen in der Kommune (Beschaffung, Verwendung, Verarbeitung von Tropenholz)? Welche Verpflichtungen ist die Kommune zum Schutz der Regenwälder eingegangen (Klimabündnis, Lokale Agenda 21 ), was wird dafür getan, was kann noch getan werden? Dieser vierte Teil der Unterrichtseinheit bietet sich als Projektarbeit an. Weitere Hinweise zur Durchführung sind ausführlich beschrieben im Metzler Handbuch für den Geographieunterricht, Stuttgart 1982, Stichwort: Projektorientierter Unterricht, von W. Hennings, S. 293 - 297.

zurück zum Seitenanfang


Homepage Schwarzes Brett Geographie E-Mail Download Impressum

Erstellt:04.04.00

Modifiziert: 22.07.01