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Material 19
Theoretische Schlussfolgerungen:
(Unter-)Entwicklung als endogener Vorgang
Die vorherrschende marktwirtschaftliche Entwicklungstheorie definiert West-Samoa wie andere Länder der "Dritten Welt" als "traditionale Gesellschaft", deren wirtschaftliches Handeln häufig noch statisch orientiert (ist), d. h. es bezweckt lediglich die Deckung der als notwendig und recht betrachteten, traditionell vorgegebenen Bedürfnisse der Wirtschaftenden und der von ihnen abhängigen Angehörigen, zu denen zumeist alle Mitglieder der Sippe gehören. Daher reagiert man oft auf jede Einkommenserhöhung mit Leistungsminderung, da man ja mit dem höheren Einkommen seine fixierten Bedürfnisse rascher oder leichter befriedigen kann. Leben auf dem Existenzminimum, Unterbeschäftigung oder Arbeitslosigkeit werden nicht als unerträglich betrachtet, solange man mit Hilfe von Verwandten der härtesten unmittelbaren Not entgehen kann. Man wirtschaftet also in der Regel
Der bestehende 'soziale Rahmen' hemmt die wirtschaftliche Entwicklung . . ." (BEHRENDT 1965, S.77). Die derart erklärte (Unter-)Entwicklung erscheint deshalb als selbst verursacht - ein endogener Vorgang.
Sozialpsychologisch wird das wirtschaftliche Verhalten traditionaler Gesellschaften (wie z. B. West-Samoa) damit erklärt, dass die Menschen ihre Zukunft als "prädestiniert" und daher "nicht manipulierbar" betrachten. Sie sehen ihre persönlichen Lebenschancen im Zusammenhang ihrer Herkunft (Clan), nicht aber abhängig von ihrer Leistung. Denk- und Handlungsweisen folgen eher dem Glauben und der Mythologie; sie werden nicht als zweckrationale Werkzeuge begriffen: Der Erfolg menschlichen Handels wird nicht im Zusammenhang persönlicher Leistungen gesehen, sondern davon abhängig gemacht, ob es sich in Übereinstimmung mit "heiligen" Werten befindet. Der traditionale Mensch lehnt Neuerungen in der Regel mit dem Argument ab, dass "es niemals so gewesen ist" und fragt nicht (wie etwa der "moderne" Mensch): "Wird es funktionieren?" (LERNER 1970, S. 363 ff.).
Die sozialpsychologische Theorie stellt
als entscheidenden inneren Mechanismus des Unterschieds zwischen
traditionalen und modernen Menschen die "Empathie" heraus,
"der es den gerade mobil gewordenen (modernen) Personen erlaubt, in
einer sich dauernd verändernden Welt wirksam vorzugehen. Empathie ist,
um die Dinge zu vereinfachen, die Fähigkeit, sich selber in der
Situation eines anderen zu sehen. Sie
ist für Personen, die eine traditionale Umgebung verlassen, eine
unerlässliche
Fähigkeit. Empathie zu besitzen, kann zum Beispiel dann entscheidend
sein, wenn die neuerdings mobil gewordenen Personen Dorfbewohner sind,
die bisher mit nichts anderem als den Rollen und Verhältnissen ihrer
Umgebung vertraut waren: außerhalb des Dorfes oder Stammes begegnen sie
anderen Menschen" (ebenda).
Eben diese Fähigkeit zur Empathie besäße in
marktwirtschaftlich-modernisierungstheoretischer Sicht die Mehrheit der
Einwohner West-Samoas nicht, sondern nur der kleine Teil der
Gesellschaft, der in horizontaler und vertikaler Hinsicht mobil ist:
die Migranten in der Stadt und v. a. im (modernen) Ausland: Neuseeland,
USA, Australien (vgl. Kapitel 6.3). Nach dominierender
marktwirtschaftlicher Entwicklungstheorie kann West-Samoa deshalb als am
Übergang vom ersten ins zweite Stadium wirtschaftlichen Wachstums (ROSTOW)
angesiedelt werden:
Politische Schlussfolgerungen:
Modernisierung durch Landreform
An genau dieser Schnittstelle befindet sich West-Samoa in marktwirtschaftlicher Sicht. In den Augen der "neuen Typen von Unternehmern in der privaten Wirtschaft und in der Regierung" ist die (makroökonomische) Analyse eindeutig, in sich schlüssig und in vollkommener Übereinstimmung mit geltender marktwirtschaftlicher Theorie: Der ländliche Bereich (landwirtschaftlicher Sektor) ist rückständig; stagnierend, unproduktiv, immobil und innovationsfeindlich. Gleichzeitig stellt er aber auch das größte Entwicklungspotential der Volkswirtschaft dar.
Ansatzpunkt einer konsequent marktwirtschaftlichen Entwicklungsstrategie wäre eine Landreform, die die Grundlage zur Schaffung von Privateigentum an Produktionsmitteln bilden würde - Voraussetzung zur Errichtung von marktwirtschaftlichen Plantagen, in deren Folge Arbeitskräfte aus dem Subsistenzbereich und der Einfachen Warenproduktion abgezogen und die landwirtschaftliche Produktivität entscheidend gesteigert würde, so dass Exportüberschüsse entstehen und Handels- und Zahlungsbilanzdefizite sowie Staatsschulden abgebaut werden könnten. In anderen Worten: die Landreform wäre Voraussetzung zur Modernisierung und zur Beseitigung der wesentlichen Krisenmerkmale (vgl. Abb. 15).
Angesichts einer derart vollkommenen Übereinstimmung zwischen marktwirtschaftlicher Bestandsaufnahme, Analyse, Theorie und politischer Strategie ist es nur konsequent, dass die west-samoanische Regierung in Zusammenarbeit mit dem United Nations Development Plan (UNDP) die Landreform auch praktisch-politisch in Angriff nahm und als Projekt ihrer Entwicklungsstrategie mit höchster Priorität (Project Profile No.1) formulierte (Government of Western Samoa 1982, S:1ff, 1990, S. 4ff.).

| Erstellt:04.04.00 | Modifiziert: 22.07.01 |