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Material 8

Ein Gefühl für die Bedürfnisse der Basis
Projektreisen als effektiver Beitrag zur Entwicklungshilfe?
von Stefan Ehrenfried

Entwicklungshilfe- wie Naturschutzprojekte suchen nach finanzieller Unterstützung und möchten darüber hinaus auf breiter gesellschaftlicher Ebene Interesse und Verständnis für ihre Arbeit wecken. Gleichzeitig sind Reiseveranstalter in Zeiten zunehmender Kritik an den sozialen und ökologischen Folgen ihrer Aktivitäten auf der Suche nach neuen, umwelt- und sozialverträglichen Urlaubsformen. Mit sogenannten Projektreisen versuchen sich kommerzielle wie nichtkommerzielle Veranstalter eine exklusive Nische zu schaffen. Unter bestimmten Bedingungen befriedigen sie damit eine Sehnsucht nach neuen Erfahrungen und Eindrücken und unterstützen gleichzeitig Entwicklungshilfe- und Umweltschutzprojekte.

"...Wir stehen als Empfangskomitee in sengender Sonne auf dem Rollfeld. Es ist bereits 10.48 Uhr. Als der VIP - zwei Tage später - endlich aufkreuzt, wird uns eröffnet, dass der Besuch leider etwas gestrafft werden müsse, von den geplanten 48 auf maximal eine Stunde. Das reicht gerade für einen Besuch auf der Hühnerfarm und eine kurze Unterhaltung mit deren Eigentümer. VIP: ‚Eine schöne Farm haben Sie, hätten Sie was dagegen, wenn Mr. Jones ein Foto von uns allen macht - kommen Sie hier rüber, damit das neue Hühnerhaus aufs Foto kommt. Jetzt müssen wir uns die Hände schütteln - lächeln, lächeln, so, das war's.' Er fängt den Blicke seines Referenten ein, der auf seine Armbanduhr deutet. ‚Na, vielen Dank, es war ein sehr aufschlussreicher Besuch. (...)' Ein paar Wochen später entdecken wir das Foto und einen Artikel in einer Zeitung mit dem Tenor: Unser VIP hat auf seiner Reise durch die engen Kontakte mit vielen Bauern ein Gefühl für die Bedürfnisse der Basis bekommen." (Butler 1991, S. 18)

Gleich dem von Butler beschriebenen VIP reizt es auch viele ‚normale' Menschen, einen Blick hinter Projektkulissen zu werfen. Vor allem diejenigen, die sich über Jahre in der Dritte Welt Arbeit engagiert haben, verspüren irgendwann den Wunsch, die dort arbeitenden und lebenden Menschen zu besuchen und persönlich kennen zu lernen.
Der Schweizer Reiseveranstalter Hotelplan ahnte ein Geschäft und begann bereits Ende der 70er Jahre, diese Art von Reisen - bis dahin die unbestrittene Domäne kirchlicher und anderer Hilfsorganisationen - zu kommerzialisieren und einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Die Kritik ließ nicht lange auf sich warten. "Reisen mit Projektbesichtigung als neues Mittel der Bewusstseinsbildung? - oder - Mission und Entwicklungshilfe als neuer Gag in den Programmen der Reisebüros?" überschrieb der Schweizer Arbeitskreis Tourismus und Entwicklung eine 1979 in Basel anberaumte Arbeitstagung (Mäder 1980). Die Teilnehmer äußerten die Befürchtung, dass bei stärkerer Ausrichtung auf die Touristen die eigentliche Entwicklungshilfearbeit in den Hintergrund treten würde. Schnell gerieten Projekte in Gefahr, zu bloßen Beweisstücken einer erfolgreichen Entwicklungszusammenarbeit degradiert zu werden. Die Projektreise würde zum Kontrollinstrumentarium, um sehen und beurteilen zu können, was mit den Spendengeldern passiert ist. Projektreisen seien nur dann zu verantworten, hieß es am Ende der Tagung, wenn es gelänge, die Besucher verstärkt in die tägliche Arbeit der Entwicklungshilfe zu integrieren und wirkliche Kontakte und Diskussionen zwischen Einheimischen und Besuchern zu schaffen.

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KASTEN 1

Projektreisen. Verstehen lernen

Bereits Anfang der achtziger Jahre setzt sich Ueli Mäder vom Arbeitskreis für Tourismus und Entwicklung in Basel mit dieser Form des Reisens auseinander. Er bezeichnet Projektreisen als "Reisen, deren hauptsächliches Ziel es ist, Entwicklungsprojekte zu besuchen" (Mäder 1980, S. 4). Silke May ist in ihrer Definition präziser: "Als sozial oder politisch (...) motivierte Projektreisen sind die Tourismusarten zu bezeichnen, bei denen die Teilnehmer in Kurzseminaren auf die Reise vorbereitet und in landesüblichen Unterkünften, auch bei einheimischen Familien, untergebracht werden. Diese Reisen werden von kommerziellen Unternehmen (...) oder gemeinnützigen Gesellschaften (...) als Gruppenreisen durchgeführt, wobei im allgemeinen die Rundreise im Vordergrund steht, auf der verschiedene Entwicklungsprojekte und Dörfer besichtigt werden." (May 1985, S. 198)

In der Praxis soll entwicklungs- und umweltpolitisch Interessierten die Möglichkeit gegeben werden, den Projektalltag kennen- und verstehen zu lernen. Die Reiseveranstalter aus den Industrienationen arbeiten dabei in der Regel mit Projekten in der Dritten Welt zusammen. Das Spektrum angebotener Reiseformen reicht von kurzen Projektbesuchen während einer Rundreise bis hin zu mehrtägigen Arbeitseinsätzen im Projektalltag. Neben sozialen Entwicklungsprojekten finden auch immer häufiger Umweltschutzprojekte Einbindung in diese Reiseform. Derartige Formen des Tourismus sollen bei den Reisenden das Interesse an Entwicklungshilfe wecken und dabei möglicherweise eine längerfristige Unterstützung des Projektes nach sich ziehen, meinen sowohl NRO als auch die Reiseveranstalter. Notwendige Anforderungen an eine Projektreise sind (Ehrenfried 1997):

Die Besuchergruppen sollen nur wenige Personen umfassen. 

  • Die Besucher sollen sich lange genug in den Projekten aufhalten, um einen tieferen Einblick in die Situation vor Ort zu erhalten.
  • Die Besucher müssen im Vorfeld der Reise auf die fremde Kultur und Lebensweise vorbereitet werden.
  • Die Arbeit der Projekte muss im Mittelpunkt stehen und nicht die Interessen und Ansprüche der Touristen:
  • Das Besuchsprogramm muss den Organisationsmöglichkeiten der Projekte angepasst sein.
  • Gegenbesuchsprogramme sollen initiiert werden.
  • Zu fordern ist ein Mitspracherecht der einheimischen Bevölkerung und nicht nur eine Zusammenarbeit mit regional und national verantwortlichen Stellen.
  • Zu einem ganzheitlichen Reiseerlebnis gehört auch eine intensive Nachbereitung.

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Ein Beispiel belegt, dass derartige Kritik durchaus berechtigt ist. So beschloss die indische Nichtregierungsorganisation (NRO) Society for Integrated Rural Development (SIRD) 1989 aufgrund zahlreicher negativer Erfahrungen, keine ausländischen Projektbesucher mehr aufzunehmen. Von Beginn an hatten die Besuche zu einer zusätzlichen hohen Arbeitsbelastung neben der eigentlichen Dorfentwicklungsarbeit geführt. Unterkunft, Essen sowie Besuchsprogramme und Gesprächsrunden mussten organisiert werden. Auf Bitten der SIRD fassten die Partnerorganisationen in den Entsenderländern die Besucher daraufhin in Gruppen zusammen. Als größeres Problem entpuppte sich jedoch die ungleiche Begegnung zwischen Besuchern und Besuchten. Das Auftreten der finanzstarken Besucher (Geldgeschenke) erweckte bei der lokalen Bevölkerung schnell den Eindruck, dass nun kräftig Devisen fließen würden. Die Motivation, sich selbst aktiv an der Dorfentwicklung zu beteiligen, sank. Die Projektverantwortlichen beklagten zudem das häufig zu beobachtende Desinteresse der Besucher am Projektalltag. Der indischen SIRD reichte es; sie beendete das Besuchsprogramm (Funke u. Schnabel 1993).
Nach Meinung der indischen NRO "Prepare the people to a change" (PREPARE) stellen Touristen dagegen dann eine Bereicherung dar, wenn sie aufgrund ihrer Berufsausbildung konkrete nützliche Beiträge leisten können. PREPARE leistet Hilfe bei Naturkatastrophen und ökologischen Krisen. Darüber hinaus versucht die NRO, die Lebenssituation in den Slums zu verbessern. Neben der konkreten Hilfe (Pflegepersonal, Krankenschwestern) würde das Interesse der ausländischen Besucher den Einheimischen zu mehr Mut und Selbstvertrauen verhelfen, heißt es. Diese Art von Projekttourismus stellt den aktiven Einsatz des Touristen in den Vordergrund. Der reine Besichtigungseffekt wird abgeschwächt, wenn nicht sogar ganz ausgeschaltet (Funke u. Schnabel 1993).

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Ist Projektreiseveranstaltern der dünne Grat bewusst, auf dem sie sich mit ihren Angeboten bewegen? Wie beurteilen sie selbst ihre Programme? Eine Umfrage unter elf deutschen, österreichischen und Schweizer Veranstaltern, durchgeführt von März bis Juli 1997, versucht Antworten auf diese Fragestellungen zu finden (Ehrenfried 1997). Untersucht wurden sowohl kommerzielle als auch nichtkommerzielle Reiseveranstalter, wie zum Beispiel staatliche und kirchliche Organisationen oder private Fördervereine, die regelmäßig für jedermann buchbare Projektreisen anbieten.
Das dabei untersuchte Spektrum reicht von Rundreisen, auf denen einzelne Entwicklungshilfe- und Umweltschutzprojekte besucht werden, bis zur konkreten Mitarbeit der Teilnehmer in den Projekten (z. B. Bau einer Biogas-Anlage). Die Angebote werden unter verschiedenen Namen wie Begegnungsreisen, Weltanschauungsreisen, Naturstudienreisen oder Regenwalderlebnisreisen vermarktet. Alle Veranstalter integrieren vornehmlich NRO-Projekte sowie kleine lokale Selbsthilfeprojekte in ihre Reisen.

Die kommerziellen Veranstalter sind sich in ihrer Zielsetzung nahezu einig. Sie wollen interessierten Menschen Einblick in die Arbeit von Entwicklungshilfe- und Umweltschutzorganisationen bieten. Ob dies gelingt, hängt in hohem Maße von der Motivation und vom Interesse der Reiseteilnehmer ab. Daneben spielt aber auch der finanzielle Aspekt eine zentrale Rolle. Durch die Reisen sollen den Projekten direkte Einkommen entstehen. Der Projektbesuch wird als Basis für eine längerfristige Unterstützung der Projekte seitens der Reiseteilnehmer über die Reise hinaus gesehen.

Die Zielsetzung der nichtkommerziellen Anbieter ist etwas anders ausgerichtet. Sie möchten mit ihren Reiseangeboten hauptsächlich einen Dialog zwischen den Einheimischen und den Besuchern einleiten. Die Besuchsprogramme werden als Kontaktpflege zu den Partnerorganisationen in den Entwicklungsländern betrachtet, mit denen bereits jahrelang zusammengearbeitet wird. Dadurch können auch immer wieder neue Erfahrungen in bezug auf die partnerschaftliche Zusammenarbeit ausgetauscht werden. Mit den Projektreisen soll eine breite Lobby für entwicklungspolitische Anliegen aufgebaut werden, indem die Reisen nicht nur für die eigenen Mitglieder der NRO, sondern für jedermann angeboten werden. Einer der befragten Veranstalter möchte den Projekten über seine Reisen insbesondere Hilfskräfte zur Verfügung stellen. Für Biologen, Sozialarbeiter und Mediziner also eine Chance, Entwicklungshelfer auf Zeit zu sein (vgl. Kreib 1997, 44 ff).

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KASTEN 2

Indien hautnah: Dorfprojekt in Kerala

Kokospalmen, Reisfelder, Lagunen und Kanäle prägen die Landschaft Keralas. Das kleine, aber dichtbevölkerte Bundesland am Südwestrand Indiens ist das fortschrittlichste, was Familienplanung und Alphabetisierung anbelangt.

In einem kleinen Dorf inmitten dichter tropischer Vegetation steht das Wohn- und Gästehaus von Leelamoney und Mathew Moozhiyil und ihren drei Kindern. Nach 20jährigem Aufenthalt in Deutschland ist Familie Moozhiyil in ihre indische Heimat zurückgekehrt. Kein leichter Einstieg, denn geprägt vom freien westlichen Leben sah man sich plötzlich wieder mit dem fast unaufbrechlichen Kastensystem der indischen Gesellschaft konfrontiert. Leela und Mathew kennen die Vorzüge und die Problemfelder zweier grundverschiedener Kulturen. Ihr Anliegen ist es, die Denk- und Arbeitsweisen zweier Lebensarten zum Vorteil der einheimischen Bevölkerung behutsam in den Alltag einzubringen, ohne dabei als Lehrmeister aufzutreten. Die Menschen sollen ermutigt werden, ihre Nahrungsmittelversorgung durch Subsistenzwirtschaft zu sichern. Außerdem soll das Gemeinschaftsleben im Dorf gefördert werden. Dabei gilt es, gesellschaftliche und religiöse Barrieren aufzubrechen. Skepsis und Abneigung seitens einiger Dorfbewohner waren unausweichlich. Doch bestätigen die zunehmende Akzeptanz und das wachsende Interesse vieler Bewohner den Erfolg des Projektes.

Familie Moozhiyil bietet seit 1997 Projekttouristen einen Aufenthalt im Dorf in Verbindung mit einer Rundreise durch Südindien an. Um den familiären Charakter der Reise zu bewahren und um ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Tourismus und Entwicklungsarbeit zu schaffen, soll die Anzahl der Gästegruppen auf vier pro Jahr mit maximal je 12 Teilnehmern beschränkt bleiben. Neben der langfristigen finanziellen Unterstützung durch Reisegruppen spielt vor allem die Schaffung neuer Arbeitsplätze, wie Reiseleiter, Fahrer und Küchenangestellte, eine wichtige Rolle. Das Interesse ausländischer Besucher steigert nicht nur die Motivation aller am Projekt Beteiligten, sondern bietet auch Gelegenheit zum gegenseitige Austausch von Ideen und Meinungen.

Leela und Mathew führen die Gäste behutsam an die Lebensweise der Inder heran. Vorzüge wie Problemfelder werden gleichermaßen betrachtet. Den Besuchern bieten sich Gelegenheiten, individuelle Kontakte mit der einheimischen Bevölkerung zu knüpfen. Dies alles soll sich jedoch auf zwanglose Weise ergeben. Erfahrungen haben gezeigt, dass auch die Dorfbewohner großes Interesse an den Besuchern zeigen und sich gern mit den Fremden unterhalten. Seinen Aufenthalt frei zu gestalten, heißt natürlich auch, sich einfach mal zurückzuziehen und in der Hängematte zu liegen. Wer möchte, ist willkommen, am Abend an der gemeinsamen Gebets- und Gesangsrunde im Kreis der indischen Familie teilzunehmen. Mit Sicherheit ein schöner Tagesabschluss.

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Ohne eine intensive Vorbereitung der Touristen dürfte die Mission derartiger Reisen schwer zu erfüllen sein. Alle Veranstalter stellen ihren Kunden deshalb neben der allgemeinen Katalogausschreibung zusätzliches Informationsmaterial zur Verfügung. Zum Teil werden sogar Vorbereitungstreffen durchgeführt, bei denen anhand kurzer Diavorträge Konzept und Ablauf der Reise erläutert sowie auf soziale und ökologische Probleme im Zielgebiet hingewiesen wird. Einige nichtkommerzielle Anbieter klären auch explizit über die Probleme des Tourismus in der Dritten Welt auf. Einer der befragten Veranstalter nimmt die Vorbereitung der Reiseteilnehmer derart ernst, dass er sie im Rahmen eines Vorstellungsgesprächs zur Motivation für die Teilnehme an einer derartigen Reise befragt. Dabei wird geprüft, ob die Vorstellungen des Interessenten dem Reisekonzept entsprechen. Auf drei Wochenendseminaren werden im Anschluss Themen wie Motivationsabklärung, transkulturelles Lernen, Entwicklungspolitik, Sensibilisierung gegen Diskriminierung, Informationen über das Umfeld des besuchten Projektes sowie Grundbegriffe der jeweiligen Landessprache erörtert. Der Veranstalter legt den Schwerpunkt seiner Reisen also eindeutig auf das entwicklungspolitische Lernen und spricht gezielt Personen mit einschlägigen Interessen an.

Praktisch alle befragten Reiseveranstalter konstatieren einen relativ geringen Handlungsbedarf hinsichtlich der erforderlichen Infrastruktur. Oftmals werden die Projekte nur für einen Tag besucht, so dass keine Ausbaumaßnahmen getroffen werden müssen. Ansonsten werden häufig kleine Gästehäuser sowie zusätzliche sanitäre Anlagen und Servicegebäude (Küche) errichtet. Vielfach ist auch ein Ausbau der Trinkwasser- und Stromversorgung notwendig. Ein Projekt, das schwerpunktmäßig Informationsarbeit im Bereich des Regenwaldschutzes leistet, stellte zusätzlich deutschsprachiges Personal ein. Ansonsten wird überwiegend auf die bereits vorhandene Infrastruktur zurückgegriffen, um die Projekte nicht mit Mehraufwand zu belasten.

Die Planungen für das Besuchsprogramm werden nach Angaben der Veranstalter von den Projektorganisatoren vor Ort vorgenommen. Die Veranstalter betonen explizit, keine Anforderungen an die Projekte zu stellen. Sie wirken zwar beratend mit, letztendlich wird es aber den Projekten überlassen, ob und in welchem Ausmaß der Tourismus ausgebaut wird. Offenheit auf beiden Seiten wird als Grundlage für eine gute partnerschaftliche Zusammenarbeit gesehen. Finanziert werden die Maßnahmen (z. B. Kauf eines Fahrzeugs für Besichtigungsfahrten der Projektbesucher) hauptsächlich durch allgemeine Spendengelder, in einigen Fällen auch durch selbst erwirtschaftete Mittel der Projekte (z. B. durch den Verkauf von eigenen Produkten). Alle Veranstalter merken an, dass die Einnahmen aus den Besuchen in der Anfangsphase hauptsächlich zur Deckung der tourismusbedingten Aufwendungen benötigt werden. So muss beispielsweise die Investition für ein Gästehaus oder für ein Fahrzeug schrittweise abbezahlt werden. Es besteht aber in jedem Fall das Ziel, mit den Projektbesuchen Überschüsse zu erzielen, die sowohl in laufende Projektarbeit als auch in neue Projektvorhaben investiert werden können.

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Eng verbunden mit der Planung und Finanzierung ist die Frage, von wem der Impuls ausgeht, ein touristisches Programm in den Projekten aufzubauen. Überwiegend geht diese Initiative von den Projektmitarbeitern beziehungsweise den Projektleitern aus. Veranstalter sehen sich dagegen überwiegend als Projektpartner, die für die Vermarktung des Besucherprogramms sorgen.
Den Teilnehmern werden während ihres Projektaufenthalts verschiedene Informationsprogramme angeboten. Dabei handelt es sich um projektspezifische Informationen oder um Hinweise auf sozio - kulturelle, politische, ökologische oder ökonomische Probleme im Reiseland. Darüber hinaus werden Gesprächsrunden mit der einheimischen Bevölkerung organisiert. Um eine möglichst abwechslungsreiche Reise zu gewährleisten, können die Teilnehmer an verschiedenen Ausflugsfahrten, an kulturellen Veranstaltungen sowie an Sprachkursen oder Wanderprogrammen teilnehmen. Einen positiven Einfluss der Projektbesuche sehen die Veranstalter vor allem bezüglich der Motivation der Projektmitglieder für ihre Arbeit. Sie gewinnt durch das Interesse von außen für den einzelnen an Wert. Ebenso steigt in vielen Fällen das Selbstwertgefühl.
Auf der anderen Seite wird erkannt, dass die Besuche die Arbeitsabläufe im Projekt stören bzw. Projektmitarbeiter sich durch die Reisenden gestört fühlen könnten. Wenn auch die Veranstalter mehrheitlich nur geringe negative Einflüsse für die tägliche Projektarbeit angeben, so legt manche Aussage doch nahe, dass ihnen die Kehrseite der Medaille sehr wohl vertraut ist. Zum einen können Besuchsprogramme wichtige Abläufe im Projekt unterbrechen (z. B. Ernte, traditionelle Feste), zum anderen versuchen offensichtlich einzelne Besucher, die Einheimischen mit hartnäckigen Verbesserungsvorschlägen von ihrer Meinung zu überzeugen. Oft fehlt es bei Besuchern auch an Verständnis für die spezifischen Rahmenbedingungen der Projektarbeit. Eine differenziertere Sichtweise ergibt sich bei einem Veranstalter, der seinen Teilnehmern sogar einen festen Tätigkeitsbereich in den Projekten vermittelt. Das Projekt können danach sogar stark von neuen Ideen und Vorschlägen profitieren. Lediglich die Einarbeitung der freiwilligen Helfer belaste die Projekte zusätzlich, was sich aber durch die anschließende hilfreiche Tätigkeit der Besucher wieder ausgleiche. Kritiker werfen dem Projekttourismus insbesondere seine Einseitigkeit vor. Den Menschen in den Entwicklungsländern blieben Gegenbesuche in den Industrieländern meistens verwehrt. Im Hinblick auf einen kulturellen Austausch werden deshalb Gegenbesuchsprogramme gefordert. Das Prinzip der Völkerverständigung im Rahmen des Dritte-Welt-Tourismus könne nur dann funktionieren, wenn sich auch Vertreter aus den Entwicklungsländern durch Besuche in den Industrieländern ein realistisches Bild von den dortigen wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen machen könnten. Der Tourismus kann dabei Impulsgeber sein. Vor allem die nichtkommerziellen Veranstalter ermöglichen den Projektmitarbeitern deshalb Gegenbesuche. Diese kommen entweder durch private Einladungen von Reiseteilnehmern zustande oder werden vom Veranstalter selbst organisiert. So bietet eine der befragten Organisationen ihren Projektpartnern einmal im Jahr die Möglichkeit, im Rahmen eines Besuchsprogramms die Lebens- und Arbeitsbedingungen in Europa kennen zulernen. Inwieweit sich die Besucher hierdurch tatsächlich ein authentisches Bild vom Alltag in den Industrienationen verschaffen können, ist ohne Frage in hohem Maße von einer intensiven Vor- und Nachbereitung abhängig.

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Letztlich stellt sich die Frage, was den Touristen nach Abschluss ihrer Reise bleibt. Dias, Souvenirs oder mehr? Die von vielen Tourismuskritikern angemahnte Nachbereitung der Reise wird sich in den meisten Fällen nicht von alleine ergeben, sondern muss initiiert und organisiert werden. Eine Nachbereitung soll dem einzelnen Teilnehmer die Gelegenheit geben, seine Erlebnisse noch einmal zu reflektieren und gemeinsam in der Gruppe die Frage zu diskutieren: Was hatten die Besuchten von unserem Aufenthalt? Auf diese Art kann der Tourist seine Reiseerfahrungen zugleich einem größeren Personenkreis zugänglich machen und dem Veranstalter wichtige Hinweise für die weitere Gestaltung von Reiseprogrammen liefern. Viele Veranstalter bieten den Teilnehmern eine entsprechende Nachbereitung an. Diese reicht von regelmäßigen Informationen über den neuesten Stand der Projektarbeit bis hin zu Wochenendtreffen, auf denen Möglichkeiten eines weiterführenden Engagements in der Entwicklungshilfe vorgestellt werden.

Insgesamt lässt sich nach der Auswertung der Fragebögen folgendes Resumee ziehen: Einschneidende Verbesserungen innerhalb der besuchten Projekte konnten bisher kaum festgestellt werden. Oft befinden sich die Besuchsprogramme noch in der Entwicklungsphase, längerfristige Erfahrungen liegen noch nicht vor. Einige Veranstalter glauben, eine erhöhte Spendenbereitschaft der Besucher feststellen zu können, nachdem diese das Projekt persönlich kennen gelernt haben. Häufiger waren die Reisen auch Auslöser für gemeinsame Aktionen der Teilnehmer und des Veranstalters (z. B. der Kauf von dringend benötigten Rollstühlen für ein Projekt in Ecuador).

Eine wesentliche Schwierigkeit stellen offensichtlich die häufigen Kommunikationsprobleme zwischen Reiseveranstaltern und Projektträgern dar, aber auch zwischen dem Veranstalter und den Reiseteilnehmern. Aus Veranstaltersicht gestaltet es sich schwierig, den Projektbeteiligten am Zielort ein realistisches Bild des Tourismus zu vermitteln. Diese haben Schwierigkeiten, sich auf die Anforderungen des westlichen Besuchers hinsichtlich Komfort und Erlebnisgehalt der Reise einzustellen. Andererseits bereitet es dem Veranstalter große Probleme, dem Reisenden die Situation vor Ort mit sämtlichen damit verbundenen Einschränkungen verständlich zu machen. Informations- und Aufklärungsarbeit müssen deshalb intensiviert werden.

Der Begriff "Projekttourismus" muss noch bekannter, seine Inhalte noch deutlicher herausgestellt werden. Denn es besteht die Gefahr, dass sich die Projekte in eine zu starke Abhängigkeit von ausländischen Besuchern begeben. Problematisch wird es vor allem dann, wenn immer mehr Anbieter Projekte mit zu vielen und zu großen Besuchergruppen überfordern.

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Um den Organisatoren vor Ort auch weiterhin faire Preise zahlen zu können, müssen die Reisepreise auf hohem Niveau gehalten werden. Dadurch werden Projektreisen natürlich immer nur einem kleinen Personenkreis vorbehalten bleiben. Wichtig erscheint auch, den Projekttourismus durch selbst erwirtschaftete Gelder auf gesunder wirtschaftlicher Basis zu entwickeln und ihn durch die Reinvestition der touristischen Einnahmen völlig von Spendengeldern unabhängig zu machen.
Dabei gilt es einer weiteren Gefahr vorzubeugen: Der Tourismus wird in den Entwicklungsländern schnell als sichere Einkommensquelle und als Garantie für Wohlstand betrachtet. Dies kann dazu führen, dass die Einnahmen aus den Besucherprogrammen überwiegend in touristische Leistungen investiert werden, anstatt sie anderen Projektaktivitäten zufließen zu lassen. Am Ende einer solchen Spirale kann die ausschließliche Konzentration auf das Reisegeschäft und die Aufgabe anderer Arbeitsbereiche stehen. Den eigentlichen entwicklungspolitischen Aufgaben wird es dann nicht mehr gerecht. Wichtig für einen konfliktfreien Kontakt zwischen Einheimischen und Besuchern ist, dass die touristischen Leistungen weitestgehend dem Lebensstandard der lokalen Bevölkerung angepasst werden, auch wenn dies für den Reisenden Komforteinbußen mit sich bringt. Ziel muss ein Gefühl der Partnerschaft sowie der Gleichwertigkeit anstelle von Über- und Unterordnung sein. Die Projektbesucher sollten ernsthaft an der Arbeit der Entwicklungshilfe- und Umweltschutzorganisationen interessiert sein, die Einheimischen ernst nehmen und sich auch bemühen, ein realistisches Bild vom Leben in den Industrieländern zu zeichnen. Belehrende Kommentare hört keine Seite gern.

Schwierig bleibt auch immer die Einschätzung der sozialen Konsequenzen von touristischen Besuchen. Die Projektreiseveranstalter meiden fast ausnahmslos touristische Zentren, um den Reiseteilnehmern stattdessen authentisches Leben in den Dörfern und einzigartige Naturlandschaften näher zu bringen. Dies hat zur Folge, dass der Tourismus immer tiefer in die Länder vordringt und sich touristisch bislang unerschlossene Gebiete plötzlich mit dem Fremdenverkehr konfrontiert sehen. Und Projektreisen bringen immer ein Eindringen von Touristen in das Privatleben der Einheimischen mit sich. Im voraus abzuschätzen, inwieweit alle Bewohner die Besuche wünschen und welche Auswirkungen auf die sozialen Strukturen zu erwarten sind, ist nur sehr bedingt möglich. Natürlich kann auch Widerstand von Seiten der Bewohner in der Umgebung und deren Protest gegenüber den Fremden nicht ausgeschlossen werden.

Trotz der genannten Problemfelder weist der Projekttourismus insbesondere dann förderungswürdige Aspekte auf, wenn Form und Ziele maßgeblich von den Projektleitern vor Ort bestimmt werden. Von besonderem Interesse sind Projektreisen auch deshalb, weil sie wertvolle Erfahrungen liefern können für ein Umdenken in der Reiseindustrie hinsichtlich neuer umwelt- und sozialverträglicher Tourismusformen. Die partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen den Projekten und Reiseveranstaltern in Planungs- und Organisationsfragen ist beispielhaft für die Tourismusentwicklung in der Dritten Welt. Man sollte deshalb die alternative Reiseform Projekttourismus als Impulsgeber für die kritische Weiterentwicklung des Massentourismus intensiv nutzen.

Quelle: ökozid journal, Zeitschrift für Ökologie und ‚Dritte Welt', Nr. 15, 1/98, S. 15-22. 
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Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion

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