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Globales Lernen: Reisen und Ferntourismus |
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| Ein Gefühl für
die Bedürfnisse der Basis Projektreisen als effektiver Beitrag zur Entwicklungshilfe? von Stefan Ehrenfried Entwicklungshilfe- wie Naturschutzprojekte suchen nach finanzieller Unterstützung und möchten darüber hinaus auf breiter gesellschaftlicher Ebene Interesse und Verständnis für ihre Arbeit wecken. Gleichzeitig sind Reiseveranstalter in Zeiten zunehmender Kritik an den sozialen und ökologischen Folgen ihrer Aktivitäten auf der Suche nach neuen, umwelt- und sozialverträglichen Urlaubsformen. Mit sogenannten Projektreisen versuchen sich kommerzielle wie nichtkommerzielle Veranstalter eine exklusive Nische zu schaffen. Unter bestimmten Bedingungen befriedigen sie damit eine Sehnsucht nach neuen Erfahrungen und Eindrücken und unterstützen gleichzeitig Entwicklungshilfe- und Umweltschutzprojekte. "...Wir stehen als Empfangskomitee in sengender Sonne auf dem Rollfeld. Es ist bereits 10.48 Uhr. Als der VIP - zwei Tage später - endlich aufkreuzt, wird uns eröffnet, dass der Besuch leider etwas gestrafft werden müsse, von den geplanten 48 auf maximal eine Stunde. Das reicht gerade für einen Besuch auf der Hühnerfarm und eine kurze Unterhaltung mit deren Eigentümer. VIP: ‚Eine schöne Farm haben Sie, hätten Sie was dagegen, wenn Mr. Jones ein Foto von uns allen macht - kommen Sie hier rüber, damit das neue Hühnerhaus aufs Foto kommt. Jetzt müssen wir uns die Hände schütteln - lächeln, lächeln, so, das war's.' Er fängt den Blicke seines Referenten ein, der auf seine Armbanduhr deutet. ‚Na, vielen Dank, es war ein sehr aufschlussreicher Besuch. (...)' Ein paar Wochen später entdecken wir das Foto und einen Artikel in einer Zeitung mit dem Tenor: Unser VIP hat auf seiner Reise durch die engen Kontakte mit vielen Bauern ein Gefühl für die Bedürfnisse der Basis bekommen." (Butler 1991, S. 18) Gleich dem von
Butler beschriebenen VIP reizt es auch viele ‚normale' Menschen,
einen Blick hinter Projektkulissen zu werfen. Vor allem diejenigen,
die sich über Jahre in der Dritte Welt Arbeit engagiert haben, verspüren
irgendwann den Wunsch, die dort arbeitenden und lebenden Menschen zu
besuchen und persönlich kennen zu lernen.
Ein Beispiel
belegt, dass derartige Kritik durchaus berechtigt ist. So beschloss
die indische Nichtregierungsorganisation (NRO) Society for Integrated
Rural Development (SIRD) 1989 aufgrund zahlreicher negativer
Erfahrungen, keine ausländischen Projektbesucher mehr aufzunehmen.
Von Beginn an hatten die Besuche zu einer zusätzlichen hohen
Arbeitsbelastung neben der eigentlichen Dorfentwicklungsarbeit geführt.
Unterkunft, Essen sowie Besuchsprogramme und Gesprächsrunden mussten
organisiert werden. Auf Bitten der SIRD fassten die
Partnerorganisationen in den Entsenderländern die Besucher daraufhin
in Gruppen zusammen. Als größeres Problem entpuppte sich jedoch die
ungleiche Begegnung zwischen Besuchern und Besuchten. Das Auftreten
der finanzstarken Besucher (Geldgeschenke) erweckte bei der lokalen
Bevölkerung schnell den Eindruck, dass nun kräftig Devisen fließen
würden. Die Motivation, sich selbst aktiv an der Dorfentwicklung zu
beteiligen, sank. Die Projektverantwortlichen beklagten zudem das häufig
zu beobachtende Desinteresse der Besucher am Projektalltag. Der
indischen SIRD reichte es; sie beendete das Besuchsprogramm (Funke u.
Schnabel 1993). Ist
Projektreiseveranstaltern der dünne Grat bewusst, auf dem sie sich
mit ihren Angeboten bewegen? Wie beurteilen sie selbst ihre Programme?
Eine Umfrage unter elf deutschen, österreichischen und Schweizer
Veranstaltern, durchgeführt von März bis Juli 1997, versucht
Antworten auf diese Fragestellungen zu finden (Ehrenfried 1997).
Untersucht wurden sowohl kommerzielle als auch nichtkommerzielle
Reiseveranstalter, wie zum Beispiel staatliche und kirchliche
Organisationen oder private Fördervereine, die regelmäßig für
jedermann buchbare Projektreisen anbieten. Die kommerziellen Veranstalter sind sich in ihrer Zielsetzung nahezu einig. Sie wollen interessierten Menschen Einblick in die Arbeit von Entwicklungshilfe- und Umweltschutzorganisationen bieten. Ob dies gelingt, hängt in hohem Maße von der Motivation und vom Interesse der Reiseteilnehmer ab. Daneben spielt aber auch der finanzielle Aspekt eine zentrale Rolle. Durch die Reisen sollen den Projekten direkte Einkommen entstehen. Der Projektbesuch wird als Basis für eine längerfristige Unterstützung der Projekte seitens der Reiseteilnehmer über die Reise hinaus gesehen. Die Zielsetzung der nichtkommerziellen Anbieter ist etwas anders ausgerichtet. Sie möchten mit ihren Reiseangeboten hauptsächlich einen Dialog zwischen den Einheimischen und den Besuchern einleiten. Die Besuchsprogramme werden als Kontaktpflege zu den Partnerorganisationen in den Entwicklungsländern betrachtet, mit denen bereits jahrelang zusammengearbeitet wird. Dadurch können auch immer wieder neue Erfahrungen in bezug auf die partnerschaftliche Zusammenarbeit ausgetauscht werden. Mit den Projektreisen soll eine breite Lobby für entwicklungspolitische Anliegen aufgebaut werden, indem die Reisen nicht nur für die eigenen Mitglieder der NRO, sondern für jedermann angeboten werden. Einer der befragten Veranstalter möchte den Projekten über seine Reisen insbesondere Hilfskräfte zur Verfügung stellen. Für Biologen, Sozialarbeiter und Mediziner also eine Chance, Entwicklungshelfer auf Zeit zu sein (vgl. Kreib 1997, 44 ff).
Ohne eine intensive Vorbereitung der Touristen dürfte die Mission derartiger Reisen schwer zu erfüllen sein. Alle Veranstalter stellen ihren Kunden deshalb neben der allgemeinen Katalogausschreibung zusätzliches Informationsmaterial zur Verfügung. Zum Teil werden sogar Vorbereitungstreffen durchgeführt, bei denen anhand kurzer Diavorträge Konzept und Ablauf der Reise erläutert sowie auf soziale und ökologische Probleme im Zielgebiet hingewiesen wird. Einige nichtkommerzielle Anbieter klären auch explizit über die Probleme des Tourismus in der Dritten Welt auf. Einer der befragten Veranstalter nimmt die Vorbereitung der Reiseteilnehmer derart ernst, dass er sie im Rahmen eines Vorstellungsgesprächs zur Motivation für die Teilnehme an einer derartigen Reise befragt. Dabei wird geprüft, ob die Vorstellungen des Interessenten dem Reisekonzept entsprechen. Auf drei Wochenendseminaren werden im Anschluss Themen wie Motivationsabklärung, transkulturelles Lernen, Entwicklungspolitik, Sensibilisierung gegen Diskriminierung, Informationen über das Umfeld des besuchten Projektes sowie Grundbegriffe der jeweiligen Landessprache erörtert. Der Veranstalter legt den Schwerpunkt seiner Reisen also eindeutig auf das entwicklungspolitische Lernen und spricht gezielt Personen mit einschlägigen Interessen an. Praktisch alle befragten Reiseveranstalter konstatieren einen relativ geringen Handlungsbedarf hinsichtlich der erforderlichen Infrastruktur. Oftmals werden die Projekte nur für einen Tag besucht, so dass keine Ausbaumaßnahmen getroffen werden müssen. Ansonsten werden häufig kleine Gästehäuser sowie zusätzliche sanitäre Anlagen und Servicegebäude (Küche) errichtet. Vielfach ist auch ein Ausbau der Trinkwasser- und Stromversorgung notwendig. Ein Projekt, das schwerpunktmäßig Informationsarbeit im Bereich des Regenwaldschutzes leistet, stellte zusätzlich deutschsprachiges Personal ein. Ansonsten wird überwiegend auf die bereits vorhandene Infrastruktur zurückgegriffen, um die Projekte nicht mit Mehraufwand zu belasten. Die Planungen für das Besuchsprogramm werden nach Angaben der Veranstalter von den Projektorganisatoren vor Ort vorgenommen. Die Veranstalter betonen explizit, keine Anforderungen an die Projekte zu stellen. Sie wirken zwar beratend mit, letztendlich wird es aber den Projekten überlassen, ob und in welchem Ausmaß der Tourismus ausgebaut wird. Offenheit auf beiden Seiten wird als Grundlage für eine gute partnerschaftliche Zusammenarbeit gesehen. Finanziert werden die Maßnahmen (z. B. Kauf eines Fahrzeugs für Besichtigungsfahrten der Projektbesucher) hauptsächlich durch allgemeine Spendengelder, in einigen Fällen auch durch selbst erwirtschaftete Mittel der Projekte (z. B. durch den Verkauf von eigenen Produkten). Alle Veranstalter merken an, dass die Einnahmen aus den Besuchen in der Anfangsphase hauptsächlich zur Deckung der tourismusbedingten Aufwendungen benötigt werden. So muss beispielsweise die Investition für ein Gästehaus oder für ein Fahrzeug schrittweise abbezahlt werden. Es besteht aber in jedem Fall das Ziel, mit den Projektbesuchen Überschüsse zu erzielen, die sowohl in laufende Projektarbeit als auch in neue Projektvorhaben investiert werden können. Eng verbunden
mit der Planung und Finanzierung ist die Frage, von wem der Impuls
ausgeht, ein touristisches Programm in den Projekten aufzubauen. Überwiegend
geht diese Initiative von den Projektmitarbeitern beziehungsweise den
Projektleitern aus. Veranstalter sehen sich dagegen überwiegend als
Projektpartner, die für die Vermarktung des Besucherprogramms sorgen. Letztlich stellt sich die Frage, was den Touristen nach Abschluss ihrer Reise bleibt. Dias, Souvenirs oder mehr? Die von vielen Tourismuskritikern angemahnte Nachbereitung der Reise wird sich in den meisten Fällen nicht von alleine ergeben, sondern muss initiiert und organisiert werden. Eine Nachbereitung soll dem einzelnen Teilnehmer die Gelegenheit geben, seine Erlebnisse noch einmal zu reflektieren und gemeinsam in der Gruppe die Frage zu diskutieren: Was hatten die Besuchten von unserem Aufenthalt? Auf diese Art kann der Tourist seine Reiseerfahrungen zugleich einem größeren Personenkreis zugänglich machen und dem Veranstalter wichtige Hinweise für die weitere Gestaltung von Reiseprogrammen liefern. Viele Veranstalter bieten den Teilnehmern eine entsprechende Nachbereitung an. Diese reicht von regelmäßigen Informationen über den neuesten Stand der Projektarbeit bis hin zu Wochenendtreffen, auf denen Möglichkeiten eines weiterführenden Engagements in der Entwicklungshilfe vorgestellt werden. Insgesamt lässt sich nach der Auswertung der Fragebögen folgendes Resumee ziehen: Einschneidende Verbesserungen innerhalb der besuchten Projekte konnten bisher kaum festgestellt werden. Oft befinden sich die Besuchsprogramme noch in der Entwicklungsphase, längerfristige Erfahrungen liegen noch nicht vor. Einige Veranstalter glauben, eine erhöhte Spendenbereitschaft der Besucher feststellen zu können, nachdem diese das Projekt persönlich kennen gelernt haben. Häufiger waren die Reisen auch Auslöser für gemeinsame Aktionen der Teilnehmer und des Veranstalters (z. B. der Kauf von dringend benötigten Rollstühlen für ein Projekt in Ecuador). Eine wesentliche Schwierigkeit stellen offensichtlich die häufigen Kommunikationsprobleme zwischen Reiseveranstaltern und Projektträgern dar, aber auch zwischen dem Veranstalter und den Reiseteilnehmern. Aus Veranstaltersicht gestaltet es sich schwierig, den Projektbeteiligten am Zielort ein realistisches Bild des Tourismus zu vermitteln. Diese haben Schwierigkeiten, sich auf die Anforderungen des westlichen Besuchers hinsichtlich Komfort und Erlebnisgehalt der Reise einzustellen. Andererseits bereitet es dem Veranstalter große Probleme, dem Reisenden die Situation vor Ort mit sämtlichen damit verbundenen Einschränkungen verständlich zu machen. Informations- und Aufklärungsarbeit müssen deshalb intensiviert werden. Der Begriff "Projekttourismus" muss noch bekannter, seine Inhalte noch deutlicher herausgestellt werden. Denn es besteht die Gefahr, dass sich die Projekte in eine zu starke Abhängigkeit von ausländischen Besuchern begeben. Problematisch wird es vor allem dann, wenn immer mehr Anbieter Projekte mit zu vielen und zu großen Besuchergruppen überfordern. Um den
Organisatoren vor Ort auch weiterhin faire Preise zahlen zu können, müssen
die Reisepreise auf hohem Niveau gehalten werden. Dadurch werden
Projektreisen natürlich immer nur einem kleinen Personenkreis
vorbehalten bleiben. Wichtig erscheint auch, den Projekttourismus
durch selbst erwirtschaftete Gelder auf gesunder wirtschaftlicher
Basis zu entwickeln und ihn durch die Reinvestition der touristischen
Einnahmen völlig von Spendengeldern unabhängig zu machen. Schwierig bleibt auch immer die Einschätzung der sozialen Konsequenzen von touristischen Besuchen. Die Projektreiseveranstalter meiden fast ausnahmslos touristische Zentren, um den Reiseteilnehmern stattdessen authentisches Leben in den Dörfern und einzigartige Naturlandschaften näher zu bringen. Dies hat zur Folge, dass der Tourismus immer tiefer in die Länder vordringt und sich touristisch bislang unerschlossene Gebiete plötzlich mit dem Fremdenverkehr konfrontiert sehen. Und Projektreisen bringen immer ein Eindringen von Touristen in das Privatleben der Einheimischen mit sich. Im voraus abzuschätzen, inwieweit alle Bewohner die Besuche wünschen und welche Auswirkungen auf die sozialen Strukturen zu erwarten sind, ist nur sehr bedingt möglich. Natürlich kann auch Widerstand von Seiten der Bewohner in der Umgebung und deren Protest gegenüber den Fremden nicht ausgeschlossen werden. Trotz der genannten Problemfelder weist der Projekttourismus insbesondere dann förderungswürdige Aspekte auf, wenn Form und Ziele maßgeblich von den Projektleitern vor Ort bestimmt werden. Von besonderem Interesse sind Projektreisen auch deshalb, weil sie wertvolle Erfahrungen liefern können für ein Umdenken in der Reiseindustrie hinsichtlich neuer umwelt- und sozialverträglicher Tourismusformen. Die partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen den Projekten und Reiseveranstaltern in Planungs- und Organisationsfragen ist beispielhaft für die Tourismusentwicklung in der Dritten Welt. Man sollte deshalb die alternative Reiseform Projekttourismus als Impulsgeber für die kritische Weiterentwicklung des Massentourismus intensiv nutzen. Quelle: ökozid
journal, Zeitschrift für Ökologie und ‚Dritte Welt', Nr. 15, 1/98,
S. 15-22. |
| Eingerichtet: 15.06.01 |
Modifiziert: 14.10.03 |