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Globales Lernen: Reisen und Ferntourismus |
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Von
der Euphorie zur Integration: Ein Phasenmodell Wer reist,
lernt sich selber kennen - Von Guido Kaesbach Wenn man Menschen fragt, warum sie reisen, erhält man meist Antworten wie: "Ich will mich erholen, ich will was erleben, ich will mal was anderes sehen." Die meisten dieser Begründungen berücksichtigen nicht oder kaum, dass die Begegnung mit den Menschen einer anderen Kultur ein wesentlicher Teil der Reise sein kann. Außerdem vermitteln sie eine Erwartungshaltung an das neue Umfeld, die ausschließlich positiv behaftet ist. Damit wir uns auf die Begegnung mit einer anderen Kultur sinnvoll vorbereiten können und eine Reise für alle Beteiligten gewinnbringend sein kann, sollten wir uns bewusst sein, welche Prozesse sich dabei abspielen. Im Rahmen des Tourismus stoßen wir ja nicht nur auf andere Kulturen, sondern bringen auch unsere eigene mit und damit auch unsere Ansichten und Beurteilungen, die in einem anderen sozialen Umfeld an Relevanz verlieren können. Interkulturelle Begegnungen (1) müssen deshalb nicht automatisch zum Abbau von Vorurteilen führen, sondern es besteht im Gegenteil die Gefahr, dass diese verstärkt werden, wenn z. B. Enttäuschungen aufgrund falscher Erwartungen zur Ablehnung der bereisten Kultur führen. Jeder Mensch hat
ein eigenes Muster des Denkens, Handelns und Fühlens, das im
wesentlichen schon während der frühen Kindheit erlernt wird. Die
Bezeichnung "Mentale Software" (2)
verdeutlicht, dass es sich um ein tief verinnerlichtes, meist
unbewusstes Muster handelt, das unser gesamtes Denken, Fühlen und
Handeln bestimmt - also auch so scheinbar selbstverständliche Dinge
wie Grüßen, Essen oder Lachen. Die Quellen dieser "mentalen
Software" liegen im sozialen Umfeld, in dem man aufgewachsen ist
und Lebenserfahrungen gesammelt hat. Menschen aus
unterschiedlichen Kulturen denken, handeln und fühlen
unterschiedlich, da sie eine andere "mentale Software" mit
sich tragen. Diese Unterschiedlichkeit gibt allerdings keiner Kultur
das Recht, absolute und überall gültige Kriterien zu erstellen, um
die Werte einer anderen Kultur zu beurteilen. Es gibt keinen Standard,
der es erlaubt, eine Kultur über eine andere zu stellen. Die in diesem
Beispiel deutlich werdende, meist unbewusste Tendenz, andere Gruppen
und Ethnien "aus der Sicht einer Gruppe zu betrachten und die
eigenen Sitten und Normen zum Standard aller Beurteilungen zu
machen" (3), wird als
Ethnozentrismus bezeichnet. Bei einem Workcamp in Paraguay beschwerte
sich ein deutscher Teilnehmer darüber, dass die Paraguayer noch nicht
einmal in der Lage wären, richtigen Kaffee zu kochen, und die Eier
immer halb roh wären. Die Möglichkeit, dass die Menschen vor Ort
vielleicht Satzkaffee dem deutschen Filterkaffee vorziehen und sehr
weiche Eier gerne mögen, war ihm nicht gekommen. Aus dem gegenseitigen Unverständnis über unterschiedliche kulturelle Normen erwachsen insbesondere im Dritte - Welt - Tourismus Konflikte. Das beruht zum einen darauf, dass Touristen und ‚Bereiste' oftmals Gesellschaften mit sehr unterschiedlichen kulturellen Regelungssystemen angehören, die sich erheblich stärker voneinander unterscheiden wie z. B. nord- und südeuropäische Gesellschaften. Zum anderen ist die Wahrnehmung von Menschen aus der Dritten Welt aufgrund der historischen Tradition des Kolonialismus bis zum heutigen Tag von latentem Rassismus und Stereotypen bestimmt. Diese Stereotypen können sehr unterschiedliche Ausdrucksformen haben. Keinesfalls müssen sie immer mit Geringschätzung und Diskriminierung einhergehen; sie können sich auch in der Idealisierung von Menschen aus der Dritten Welt ausdrücken (vgl. den Beitrag von J. Bertram). Dass Enttäuschungen vorprogrammiert sind, wenn die ‚Bereisten' derartigen Wunschbildern in der Realität nicht genügen, liegt auf der Hand. Eine Mindestanforderung für das Gelingen von interkulturellen Begegnungen ist daher in jedem Fall, dass der Beurteilung von anderen Kulturen Informationen über deren Normen und Regelungen vorausgehen. Dabei stellt sich aber die Frage, wie tief wir in eine andere Kultur eindringen und diese überhaupt verstehen können. Man kann zwischen verschiedenen Ausdrucksformen und Inhalten einer Kultur unterscheiden. Jede Kultur hat oberflächliche Ausdrucksformen wie Gesten, Bilder und Wörter, die zunächst nur von Insidern - d. h. Menschen der gleichen Kultur - gedeutet werden können, die aber auch von Außenstehenden erlernt werden. Ebenso können bestimmte Rituale gedeutet oder erlernt werden, wie zum Beispiel Begrüßungen oder Respekterweisungen. Hinter diesen mehr oder weniger oberflächlichen oder äußerlichen Ausdrucksformen stecken jedoch die nur schwer oder gar nicht erlernbaren Werte. Sie gehören zu den ersten Kulturelementen, die Kinder von ihrer Umwelt übernehmen. Nach psychologischen Untersuchungen haben die meisten Kinder im Alter von 10 Jahren ihr Wertesystem fest etabliert. Dieses ist im weiteren Lebensverlauf nur noch schwer zu ändern. Weil Werte schon so frühzeitig angenommen werden, bleiben sie oft unbewusst und können nicht diskutiert oder von Outsidern beobachtet oder bemerkt werden. Sie können allenfalls in bestimmten Situationen vom Handeln der anderen Person abgeleitet werden. Folgendes
Beispiel verdeutlicht dies: Von der Euphorie zur Integration: Ein Phasenmodell Es gibt eine Anzahl von psychologischen und sozialen Prozessen, die interkulturelle Begegnungen begleiten. Ist man sich dieser Prozesse bewusst, so wird der Umgang mit ihnen einfacher und man kann dem Neuen gegenüber aufgeschlossener auftreten. Die verschiedenen Prozesse treten meist während unterschiedlicher Phasen eines Auslandaufenthaltes ein. (4) Die erste Phase zeichnet sich durch Euphorie aus. Vor der Reise und während der ersten Tage des Aufenthalts dominiert das oftmals berauschende Gefühl, Neues sehen und erleben zu wollen. Die "neue Welt" wird als besonders interessant und anregend eingestuft. In der zweiten Phase des Aufenthalts kommt es zum Kulturschock. Plötzlich stimmen die aus der eigenen Kultur gewohnten Werte nicht mehr; die Gesten und Rituale der Fremden werden nicht verstanden. Der Besucher merkt, dass seine ethnozentrischen Beurteilungsmechanismen nicht passen. In gewisser Weise ist der Besucher in ein Kindheitsstadium zurückversetzt, wo selbst einfachste Dinge wieder gelernt werden müssen (z. B. Begrüßen, Bedanken, Handeln beim Einkaufen). Diese Unsicherheit führt häufig zu Frust- und Stresssituationen und resultiert in Hilflosigkeit und Reserviertheit oder gar Ablehnung der neuen Umwelt. Das Unbehagen an der ungewohnten Umgebung kann bis hin zu physischen Problemen und Krankheiten führen. Bei vielen Reisenden bringt zum Beispiel die Bewertung von Pünktlichkeit und verbindlichen Verabredungen immer wieder Schwierigkeiten mit sich. Wie sind es aus unserer Kultur meist gewohnt, dass man zu einem verabredeten Zeitpunkt an einem verabredeten Ort auch wirklich erscheint. Eine kleine Verspätung von einigen Minuten oder gar einer halben Stunde kann akzeptiert werden. Erscheint jemand jedoch zu einer Verabredung erst eine Stunde später oder gar nicht, empfinden wir dies als Beleidigung. In anderen Kulturen ist es aber oftmals wichtiger, dass man überhaupt kommt, während Zeitangaben eher als grobe Richtlinie denn als Verbindlichkeit betrachtet werden. Manchmal gilt es als unhöflich, bei dem anderen sofort einzutreffen, ohne eine entsprechende Zeit verstreichen zu lassen, oder es ist unhöflich, sich voneinander zu verabschieden, ohne eine feste Verabredung fürs Wiedersehen vereinbart zu haben. Ob diese Verabredung dann wirklich eingehalten wird, ist zweitrangig. Der Umgang mit Verabredungen im Ausland wird von vielen Reisenden, die aus einem Umfeld kommen, wo "Zeit Geld ist" und zeitliche Verbindlichkeit ein hoher Wert ist, als frustrierend empfunden. Die Menschen der anderen Kultur werden nach den eigenen Maßstäben als unhöflich und unzuverlässig eingestuft. In der dritten Phase hat der Besucher langsam gelernt, unter den neuen Bedingungen zu leben und zu funktionieren, hat einige der lokalen Symbole und Rituale angenommen, wird selbstbewusster und fühlt sich wohler. In der vierten und letzten Phase bewegt man sich in der neuen Kultur schon sehr sicher und fühlt sich integriert. Dieses Stadium der Integration kann aber in der Regel von Reisenden aufgrund der kurzen Aufenthaltsdauer nicht erreicht werden. Es sollte das Ziel jeder Reise sein, am Ende des Aufenthalts schon in der dritten Phase angelangt und positive Erfahrungen im Gastland gesammelt zu haben. Dies setzt voraus, dass man durch entsprechende Vorbereitung den Kulturschock schnell überwinden kann. Das Bewusstsein über die bei einer interkulturellen Begegnung ablaufenden Prozesse kann helfen, ethnozentrische Sichtweisen abzulegen. Ebenso wie bei den Besuchern gibt es natürlich auch bei den Gastgebern bestimmte Reaktionsmuster. So ist die erste Phase der Begegnung ungefähr der Begeisterung des Besuchers gleichzusetzen und von Neugierde auf die Gäste geprägt. Auch die Menschen in den bereisten Ländern sind in ihrer ethnozentrischen Sichtweise gefangen und bewerten den Besucher nach ihren Maßstäben. Dabei kommt der Gast oft schlecht weg, da er sich in den örtlichen Gepflogenheiten nicht auskennt und in den Augen der Gastgeber keine Manieren hat und dumm oder naiv ist. In Ländern der Dritten Welt kommt erschwerend hinzu, dass die Gastgeber oft weniger Zugriff auf Informationen über unsere Kultur haben als wir über ihre. Das Phasenmodell lässt sich auch am obigen Beispiel des Workcamps im Senegal verdeutlichen: Die Teilnehmer waren hier wahrscheinlich in der Phase des Kulturschocks. Sie kannten die Symbole und Rituale des Projektpartners noch nicht und merkten, dass sie auf Ablehnung stießen. Sie waren frustriert, weil sie nicht ergründen konnten, warum sie abgelehnt wurden. Hinzu kommt in einem solchen Fall auch, dass die Erwartungen der Teilnehmer zunächst enttäuscht wurden. Die gastgebenden Familien wiederum beurteilten das Verhalten der Teilnehmer aus ihrer ethnozentrischen Sicht als unhöflich und abweisend. Durch das anschließende gemeinsame Aufklären und Erklären des Missverständnisses konnte aber auf beiden Seiten der Schritt zur nächsten Phase ermöglicht werden. Man hatte erfahren, dass die eigenen Normen nicht unbedingt auch in der anderen Kultur gelten und konnte nun bei weiteren Missverständnissen davon ausgehen, dass die andere Seite mit der besten Absicht handelt. Die Grenzen interkultureller Begegnungen Schon vor Antritt einer Reise sollte man sich der Grenzen von interkulturellen Begegnungen, vor allem im befristeten Zeitraum eines Urlaubs, bewusst sein. Wie schon erwähnt, wird es kaum möglich sein, die vierte Phase der Integration zu erreichen. Aber auch der Schritt, den Kulturschock zu überwinden, ist nicht einfach. Oft verhindert der Frust über nicht erfüllte Erwartungen eine weitere Annäherung und bewirkt einen Rückzug auf die Gruppe der Mitreisenden, die ja oft die gleichen Startprobleme haben und sich dann gegenseitig in der Ablehnung des Neuen bestärken.(5) Negative Vorurteile finden in dieser Atmosphäre leicht eine Bestätigung, während positive Vorurteile oder Erwartungen, wie zum Beispiel von einer sprichwörtlichen Naturverbundenheit oder Gastfreundschaft der Einheimischen, enttäuscht werden. Bei einem
Workcamp in Mexiko sagte nach einigen Tagen des Mitlebens in einem
Dorf ein Teilnehmer: "Es ist ja kein Wunder, dass die Leute hier
zu nichts kommen, die sitzen ja den ganzen Tag nur rum und tun
nichts." In den Tagen vor dieser Äußerung war es der
Besuchergruppe schwergefallen, den erhofften schnellen Anschluss im
Dorf zu finden. Wie sich später herausstellte, hatte der Frust darüber
bei einigen Mitgliedern Ablehnung ausgelöst, und die Berechtigung
dazu gab man sich durch die einfache Bestätigung bestehender
Vorurteile selbst. Erst im weiteren Laufe des Aufenthalts wurde den
Besuchern deutlich, dass die Dorfbewohner verzweifelt auf den Beginn
der Regenzeit warteten, um endlich ihre Felder bestellen zu können.
Andere waren, als die deutsche Gruppe ihr Frühstück einnahm, schon
seit vielen Stunden aufgewesen und hatten die kühleren Morgenstunden
für die Feldarbeit genutzt. Die Vorurteilsforschung liefert eine Erklärung für diesen Befund. Sie weist darauf hin, dass der Abbau von Vorurteilen außerordentlich schwer ist, denn diese erfüllen mehrere wichtige psychologische Funktionen. Sie vereinfachen die kognitive (verstandesmäßige) Orientierung in einer komplexen Umwelt und dienen dem Selbstschutz, indem eine positive Selbsteinschätzung auf Kosten anderer Personen oder Gruppen erreicht wird. Innerhalb einer Gruppe fördern sie ein Zusammengehörigkeitsgefühl und somit die Abgrenzung gegenüber meist negativ bewerteten anderen Gruppen.(6) Somit sind Vorurteile notwendiger Bestandteil jeder Wahrnehmung der Umwelt. Deswegen ist auch fraglich, ob Vorurteile überhaupt abgebaut werden können. Vermutlich müssen wir uns damit zufrieden geben, Vor-Urteile zu bilden, die einen konstruktiven, gleichberechtigten Umgang mit Fremden erleichtern, und die allzu starke Vereinfachung der Realität aufgeben.(7) Entscheidend für einen bewussten Umgang mit Vorurteilen ist die gute Vor- und Nachbereitung einer Reise, die nicht nur Wissen über das zu besuchende Land vermittelt, sondern auch die Akzeptanz der neuen Kultur als absolut gleichberechtigt fördert. Weiterhin ist die Begleitung vor Ort durch eine Person, die beide Kulturen kennt und als Vermittler oder Integrationsfigur fungieren kann, von zentraler Bedeutung. Beim den genannten Fallbeispielen in Mexiko und im Senegal ist es nur durch die kulturelle Kompetenz eines Vermittlers (in diesem Fall des Workcamp - Leiters) möglich gewesen, Vorurteile zu entkräften und gegenseitiges Unverständnis aufzulösen. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum es für Individualtouristen oftmals wesentlich schwieriger ist, einen konstruktiven, dauerhaften Kontakt herzustellen, als für die Teilnehmer einer gut vorbereiteten und begleiteten Begegnung. Aber auch bei Gruppenbegegnungen kommt es auf die individuelle Sensibilität und Bereitschaft der einzelnen Gruppenmitglieder an. Da die Aufgabe oder Infragestellung eigener Bewertungsmaßstäbe nicht einfach ist, ist die Motivation für die Reise ein zentraler Punkt für ihr Gelingen. Es ist fraglich, ob Reisende, deren primäre Motivation Abenteuerlust oder Flucht aus dem Alltag ist, bereit sind, die Anstrengungen zur Infragestellung der eigenen "mentalen Software" auf sich zu nehmen. Je geringer diese Bereitschaft ist, desto größer ist die Gefahr, dass der Sinn und Zweck einer Begegnungsreise nicht nur verfehlt, sondern sogar eine gegenteilige Wirkung erzielt wird. Deswegen sind die in den 90er Jahren aufgekommenen ‚Begegnungsreisen', die mit rechtsradikalen Jugendlichen zum Zweck des Abbaus von rassistischen Einstellungen durchgeführt wurden, äußerst skeptisch zu beurteilen. Die Bereitschaft zum interkulturellen Lernen lässt sich nicht durch wohlmeinende Pädagogen erzwingen.(8) Eine weitere Voraussetzung für den sinnvollen Umgang mit Vorurteilen im Rahmen interkultureller Begegnungen ist nach Ansicht des Vorurteilsforschers Alexander Thomas ein gleicher (oder zumindest ähnlicher ) ökonomischer und sozialer Status aller Beteiligten. Förderlich ist auch, wenn die Teilnehmer aus verschiedenen Kulturen zusammen an der Umsetzung eines gemeinsamen Ziels arbeiten. Ferner sollten die jeweiligen gegenseitigen Einschätzungen in der Ausgangssituation nicht zu extrem und zu negativ sein, und die Kontakte sollten möglichst eng sein und sich auf zentrale Erlebnisbereiche beziehen. Diese Voraussetzungen zeigen sowohl die Begrenzungen wie auch die Möglichkeiten interkultureller Begegnungen im Dritte - Welt - Tourismus auf. Limitierend wirkt sich sicherlich aus, dass der ökonomische Status von Reisenden und ‚Bereisten' in den Ländern der Dritten Welt oft sehr verschieden ist. Allein der Umstand, dass wir uns einen Flug dorthin leisten können, lässt uns in den Augen der dortigen Menschen als reich erscheinen (und wir sind es vergleichsweise ja auch). Der Demonstrationseffekt unseres Wohlstands weckt neue Bedürfnisse bei ihnen. Bei Freundschaften, die sich entwickeln, kommt es immer wieder vor, dass um Geld oder Geschenke gebeten wird. Bei einem Workcamp in Togo hatte sich gegen Ende aus diesem Grund eine schlechte Stimmung eingestellt, und die deutschen Teilnehmer wollten frühzeitig das Camp verlassen. Die Leiter der deutschen und der togolesischen Gruppe vereinbarten einen Theaternachmittag, bei dem beide Gruppen der jeweils anderen einen Spiegel vorhalten sollten. Beide Gruppen zeichneten prompt ein schlechtes Bild voneinander. Trotzdem verstanden die deutschen Teilnehmer, dass sie den Erwartungen der Togolesen - als Freunde auch Sachwerte zu teilen und als Gäste Geschenke zu machen - nicht nachgekommen waren. Die Togolesen wiederum sahen ein, dass die Deutschen sich missbraucht fühlten. Eine Wiederannäherung war jedoch aufgrund der kurzen verbleibenden Zeit nicht möglich. Die durch unterschiedlichen ökonomischen und sozialen Status entstehende Abgrenzung kann - zumindest teilweise - durch die Betonung anderer, verbindender Elemente überwunden werden. Gerade das gemeinsame Arbeiten und Leben innerhalb von Workcamps schafft viele Bezugspunkte für einen produktiven Austausch. Jedoch geschieht dieser, wie die aufgeführten Beispiele zeigen, nicht automatisch, sondern ist von der Motivation der Teilnehmer sowie Begleitumständen, Vor- und Nachbereitung und Begleitung abhängig. Was tun in Konfliktsituationen? Ein Patentrezept zur Lösung von Konfliktsituationen bei Begegnungen von Menschen verschiedener Kulturen gibt es nicht, da auch die Konfliktbewältigung in den einzelnen Gesellschaften sehr unterschiedlich ausfällt. Der Versuch einer Konfliktbewältigung im offenen Gespräch, bei dem man frank und frei die beobachteten Probleme anspricht, kann unter Umständen genau das Gegenteil des Erhofften bewirken - nämlich einen Rückzug des Gastgebers, der sich darin bestätigt fühlt, dass der Gast keine Manieren hat, wenn er ohne Rücksicht auf den "Gesichtsverlust" des Gegenübers unangenehme Dinge anspricht. Man sollte sich also zunächst einmal mit den Konfliktlösungsmechanismen der anderen Kultur vertraut machen. Wie aber frühzeitig feststellen, dass es überhaupt Probleme gibt und wodurch sie entstehen? In einem dreistufigen Modell, das für das Erkennen von Problemen und ihre Lösung hilfreich ist, lässt sich die Wechselwirkung von Reflexion, Wahrnehmung und Umsetzung darstellen. Regelmäßige Reflexionen über das Erlebte und die eigenen Handlungen lassen erkennen, was in der Begegnung mit anderen Menschen nicht ganz stimmig ist. Aufbauend auf dieser Sensibilisierung nimmt man beim nächsten Mal vielleicht mehr (potentielle) Schwierigkeiten wahr und bemerkt früher, wann sie auftreten. Durch die Änderung des Handelns und der Reaktionen auf andere Menschen kann man in der auf meiner Wahrnehmung aufbauenden Reflexion Fehler vermeiden. So kommt man selbst Schritt für Schritt weiter. Am besten ist es, wenn man sich innerhalb einer Gruppe die gegenseitigen Wahrnehmungen in einer Gesprächsrunde mitteilt und eventuelle Projektpartner einbezieht. Durch regelmäßige Reflexion hat man die Möglichkeit, Konflikte frühzeitig wahrzunehmen und durch Umsetzung von Lösungsansätzen zu entschärfen. Eine Eskalation kann dadurch vermieden werden. Vielleicht sollte man auch einfach ein afrikanisches Sprichwort beherzigen: "Wer andere besucht, soll seine Augen öffnen, nicht seinen Mund." (Quelle: Christian Stock (Hrsg) (1997): Trouble in Paradise, Tourismus in die Dritte Welt, iz3w-Verlag, informationszentrum 3. welt, Freiburg, S. 123-132) Mit freundlicher Genehmigung von FernWeh (1) Im Gegensatz
zum Begriff der ‚Völkerverständigung' ist der Terminus
‚interkulturelle Begegnung' weitgehend wertfrei. Er geht nicht davon
aus, dass es beim Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen immer zur
Verständigung kommt, sondern konstatiert lediglich, dass es
unterschiedliche Kulturen gibt. Bewusst wird im Begriff der
interkulturellen Begegnung auf das Wort ‚Volk' verzichtet. Denn
nicht die Abstammung von einem ‚Volk' oder einer ‚Ethnie' bestimmt
die kulturelle Prägung des Einzelnen, sondern der gesellschaftliche
Sozialisierungsprozess. Der Begriff der ‚Völkerverständigung', der
aus dem ideologischen Arsenal der Nachkriegszeit stammt (Plüss 1994,
27), klumpt hingegen alle ‚Deutschen' oder ‚Afrikaner' aufgrund
ihrer Abstammung zu einer homogenen Masse mit gemeinsamen Merkmalen
zusammen. Allerdings muss angemerkt werden, dass auch der Begriff der
‚Kultur' nicht unproblematisch ist, weil auch er alle Menschen
abgrenzbaren Gruppen bzw. ‚Kulturen' zuordnet. Diese Zuordnung des
Individuums zu Gruppen, gleich ob sie mit vermeintlichen physischen,
‚rassischen' Merkmalen wie z. B. Hautfarbe begründet wird oder mit
‚kulturalistischen' Argumenten, ist gefährlich, weil sie die
Grundvoraussetzung von Rassismus und sog. ethnischen Konflikten ist.
Wenn in diesem Beitrag der Begriff ‚Kultur' verwendet wird, dann nur
mit der Einschränkung, dass Kulturen nicht homogen und klar
abgrenzbar sind, und dass die Individualität des Einzelnen allemal
bedeutsamer ist als die Zugehörigkeit zu einer Kultur. |
| Eingerichtet: 15.06.01 |
Modifiziert: 14.10.03 |