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Touristen sind
wie Devisen - sie kommen und gehen Der internationale Tourismus gilt als eine der wichtigsten Wachstumsbranchen weltweit. Unaufhörlich steigt die Anzahl der Reisenden und der Reisen - zunehmend auch die der Fernreisen. Der vorliegende Reader gibt einen Überblick über die Ausmaße dieser "Wachstumsbranche". Er versammelt Daten und Fakten mit dem Schwerpunkt Tourismus in die Dritte Welt, die sowohl aktuelle Entwicklungen veranschaulichen, wie auch wichtige Hintergrundinformationen für inhaltliche Argumentationen liefern. Ein Großteil der Datenbasis für die hier versammelten Tabellen und Graphiken beruht auf Zahlen der Welttourismusorganisation (WTO), die bei ihr jährlich über einreisenden (inbound) und ausreisenden (outbound) Tourismus der einzelnen Länder zusammenlaufen. Trotz verstärkter Anstrengungen, ein einheitliches statistisches Verfahren für die Erfassung von tourismusrelevanten Daten anzuwenden, um den Einfluss touristischer Aktivitäten auf die Wirtschaft der einzelnen Länder zu ermitteln, sind bei der Datenerhebung weltweit noch sehr große Unterschiede auszumachen. Das liegt zunächst einmal an den unterschiedlichen infrastrukturellen Möglichkeiten und finanziellen Spielräumen, die den einzelnen Ländern für aufwendige statistische Erhebungen zur Verfügung stehen. Zudem gibt es von Land zu Land unterschiedliche Definitionen darüber, wer ein Tourist ist. Viele Erhebungsmethoden sind unzuverlässig. Ein Großteil der Daten und Statistiken beruht auf Schätzungen, die nicht frei von ökonomischen und politischen Interessen sind. Denn schließlich dienen überhöhte Tourismuszahlen gerne dazu, Investoren anzulocken oder bei internationalen Entwicklungsorganisationen (z.B. EU, Weltbank...) Geld für den Ausbau touristischer Infrastruktur zu beantragen. Die Daten; die die einzelnen Länder jährlich an die WTO weiterleiten, sind daher oft ungenau und nur bedingt vergleichbar. Bei aller Vorsicht, mit der die WTO-Statistiken gelesen werden müssen, ermöglichen sie es doch, Entwicklungen und Trends sowie regionale Unterschiede bezüglich der Anzahl der erfolgten Reisen wie auch der Einnahmen durch Tourismus auszumachen. Für eine adäquate Interpretation der Tabellen ist es allerdings unerlässlich, über die grundlegenden Kategorien und Methoden der Datenerhebung informiert zu sein. Die WTO erfasst die sogenannten internationalen Touristenankünfte". Sie zählt damit die grenzüberschreitenden Ankünfte von Urlaubs- und Geschäftsreisenden jeden Alters. Personen, die die Grenze eines Landes im Laufe eines Jahres bzw. einer Reise mehrfach überschreiten, werden auch mehrfach gezählt. Insofern geben die WTO-Zahlen keine genaue Auskunft darüber, wie viele Menschen überhaupt weltweit grenzüberschreitend reisen. Die Zahlen sagen auch nichts über die jeweilige Aufenthaltsdauer der Touristen aus. Unberücksichtigt bleiben überdies die nationalen Touristenströme, d.h. die Reisen im eigenen Land, die nach Schätzungen der WTO etwa ein Zehnfaches des internationalen Tourismus ausmachen. Vor allem aber unterscheiden die WTO-Zahlen nicht nach dem Zweck der Reise. Grob geschätzt kann man davon ausgehen, dass nur ca. 70 Prozent aller erfassten TouristInnen zu Urlaubszwecken reisen, der Rest verteilt sich auf Geschäftsreisen und Familienbesuche. Im allgemeinen wird von der WTO jedeR AusländerIn erfasst, der/die eine Grenze überschreitet und sich mindestens 24 Stunden in einem anderen Land aufhält (ohne Transitreisende, ausländische ArbeitnehmerInnen u.ä.). Die definitorischen Abgrenzungen der WTO zwischen "Visitors" (Tourist) und "other travelers" gehen aus der Übersicht auf Seite 5 hervor. Die von der WTO zusammengestellten Zahlen - eingeteilt in "Weltregionen" oder "Subregionen" - beinhalten Hochrechnungen, die die unvollständigen Länderangaben ausgleichen sollen. Die WTO unterscheidet bei ihrer Zuordnung der einzelnen Länder zu Regionen (vgl. Seite 5) nicht nach Entwicklungs- und Industrieländern. So wird bei aggregierten Daten nur in detaillierteren Zuordnungen noch zwischen Nord- und Südamerika unterschieden, wobei Mexiko dann erstaunlicherweise zu Nordamerika gezählt wird. Auch die Zuordnung Israels und der Türkei zu Europa überrascht. Die relative Unzuverlässigkeit der Datenbasis sowie die Kategorien der regionalen Zuordnung machen deutlich, wie schwierig es ist, anhand der WTO-Statistiken Aussagen über die Bedeutung des internationalen Tourismus für die Länder des Südens zu treffen. Dennoch ist nach wie vor unübersehbar, dass die Entwicklungsländer aufgrund der zunehmenden Fernreisen zwar etwas mehr als früher im touristischen Geschäft mitmischen, auf der Gewinnerseite sind sie jedoch nach wie vor kaum vertreten. So rangieren auf der WTO Top-Ten-Liste der Tourismusdestinationen für 1999 nur China (Platz 5) und Mexiko (Platz 7) als Vertreter sogenannter Entwicklungsländer. Und bei beiden dürfte der Anteil von Familien- und Geschäftsreisen der vielen Auslandschinesen bzw. in die USA emigrierten MexikanerInnen den Großteil der internationalen Ankünfte ausmachen. Europa nimmt noch immer unangefochten den Spitzenplatz ein - sowohl als Zieldestination (hier vor allem Westeuropa) wie auch als Herkunftsregion der Touristlnnen. Tendenziell nimmt der europäische Anteil von 58,7% am Gesamtaufkommen der internationalen Tourismusankünfte jedoch ab - hauptsächlich zu Gunsten der Region Ostasien/Pazifik (Vgl. S. 17-19). An den bevorzugten Reisezielen der Deutschen (S. 22-23) lässt sich zeigen, in wieweit.der Trend mehr und mehr in die Ferne geht. Die Karibik und Nordafrika haben in den letzten Jahren einen Boom erlebt, begründet vor allem durch die Zunahme der allinclusive Billigangebote. Andere Fernreiseziele wie beispielsweise Länder in Ost- und Zentralafrika mussten aufgrund politischer Entwicklungen schwere Einbußen hinnehmen. Weitaus wichtiger als die Zahl der internationalen Ankünfte sind für die Länder natürlich die erzielten Einnahmen. Aus den Tabellen auf den Seiten 26-27 geht hervor, dass ein Wachstum der Ankünfte nicht unbedingt mit den Einnahmen korreliert. Ein konkreter Vergleich zeigt, dass verschiedene Länder pro Tourist unterschiedlich viele Devisen einnehmen. Abhängig von der wirtschaftlichen und politischen Situation eines Landes schwanken die täglichen Durchschnittseinnahmen beispielsweise zwischen US $ 0,38 pro Urlauberln in Kenia und US $ 2,15 in Australien. Die von der WTOStatistik erfassten Einnahmen sind nur die als Devisen ins Land kommenden BruttoEinnahmen, nicht jedoch der tatsächliche Gewinn. Die Ausgaben für tourismusbedingte Importe, mit denen ein nicht zu unterschätzender Anteil dieser Devisen das Land wieder verlässt, bleiben dabei unberücksichtigt. Diese sogenannten Sickerraten variieren je nach wirtschaftlicher Lage eines Landes: je stärker die Wirtschaft desto geringer die Sickerrate. Weiterhin ist es natürlich zentral, wie sich die Einnahmen auf die unterschiedlichen Akteure in Herkunfts- und Zielländern verteilen. Meist verlassen über 60% der Reiseausgaben nie das Herkunftsland der TouristInnen. Aus diesen Zahlen und Statistiken gehen die Schattenseiten des Tourismus nur indirekt hervor und können nur mit einigem Vorwissen herausgelesen werden. Tina Goethe |
| Eingerichtet: 15.06.01 |
Modifiziert: 14.10.03 |