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Erotik
des Reisens
Die nicht eingestandene Angst vor den stummen Träumen
der Reisenden
Von Bruno Krümpelmann
"Des
Bogens (biós) Name ist Leben (bíos),
seine Wirkung Tod". (Heraklit, Fragmente).
Sommerzeit.
Reisezeit. Urlaubsglück. "Wir versprechen Glückseligkeit",
lockt beispielsweise Euro-Disney in Paris. Die TUI ködert gar mit
biblischer Verheissung: "Adam und Eva wurden aus dem Paradies
vertrieben. Wir fliegen Sie jeden Tag hin".
Dass Reisen den Menschen mit dem Versprechen verkauft werden, sie würden
in den "schönsten Wochen des Jahres" paradiesische
Lebensbedingungen vorfinden, ist nicht gerade eine neue Erkenntnis.
Auch der Boom des Reisens und der Erfolg der Tourismusindustrie
sprechen scheinbar für sich.
Doch die Hartnäckigkeit, mit der immer noch an dem Mythos der
"Reiseparadiese" gestrickt wird, verwundert schon.
Rund ums Jahr
ist der Tagespresse zu entnehmen, dass der Urlaubsalltag oftmals sehr
schnöde ist: neben den hard cases wie Terroranschlägen, Entführungen
und lebensbedrohlichen Infektionen auch verspätete Urlaubsflieger, überbuchte
Hotels, Baulärm, verdreckte Strände und volle Pulle
Urlaubsprogramme, die zu Hektik und Leistungsdruck führen. Die
Urlauber erleben es sprichwörtlich hautnah:
- Die "Westfälischen
Nachrichten" am 6.5.1999 unter dem Titel "Tropenurlaub
macht krank": "Mehr als die Hälfte aller deutschen
Reisenden fühlt sich während eines Aufenthaltes in den Tropen
subjektiv krank....Rund 10% (müssen) einen Arzt aufsuchen".
- Die Nachrichtenagentur AP
verbreitete am 9.7.1999 die Ergebnisse der "Polis"-Umfrage
des Nachrichtenmagazins Focus: fast die Hälfte aller Reisenden
seien kurz vor dem Rückflug in die Heimat unzufrieden mit den
verlebten Ferien. Das Wetter verdarb 31 Prozent der Befragten die
Laune, 25 Prozent hatten Zoff mit ihrem Partner. Jeder vierte
Urlauber litt unter Streßzuständen.
Nach den 49
Wochen eines Jahres, in denen die Partner nach Angaben von Freizeitpädagogen
durchschnittlich pro Tag neun Minuten miteinander sprechen, soll der
Jahresurlaub so manches Defizit beheben und Lebenswünsche und –träume
Wirklichkeit werden lassen.
Während der Alltag Methoden und Techniken bereithält, mit den Unwägbarkeiten
des Lebens zurechtzukommen, sind diese im Urlaub schnell Anlaß für
die eine oder andere Psycho- oder Beziehungskrise.
So verwundert es nicht, dass jede dritte Scheidung nach einem
gemeinsamen Urlaub eingereicht wird.
Da gerade auch
auf Reisen prickelnde Sex-Abenteuer locken, ist die Neigung zu
Seitensprüngen sehr groß. Der WDR berichtet in einer Sendung vom
11.2.98, dass nach einer Umfrage 64% der Männer und 49% der Frauen
Seitensprünge zugeben. Diese Rate dürfte in der Urlaubszeit eher
noch höher liegen.
Den größten Liebeshunger bringen Singles mit. Jeder vierte
Alleinreisende – so eine britische Studie – hat im Urlaub Sex mit
einem Partner, den er erst im Ausland kennenlernte. Sechs Prozent
aller deutschen Single-Frauen haben im Urlaub Sex mit einem
Einheimischen (Quelle: GLOBO, 9/99).
Die Zeitschrift
"Cosmopolitan" zitiert in der Ausgabe 6/99 eine
Club-Angestellte: "In der Saison von Mai bis September verlieben
sich in einem Club von 10.000 Gästen rund 2000. 50% davon in einen
Mitreisenden, 50% in Animateure". Ein Animateur in der Türkei
berichtet: "Jede Woche vergucken sich etwa 10 Frauen in mich.
Letzte Saison hatte ich Sex mit 15 Urlauberinnen."
Auf Jamaica steht schon der Name fürs Programm. Ein Club der
erotischen Superlative soll die neueste Anlage "Hedonism
III" der All-inclusive-Kette Superclubs werden: für Ehepaare und
Singles, die eine erotische, leicht frivole Atmosphäre schätzen.
Jahr für Jahr wiederholt sich auf der Internationalen Tourismusbörse
(ITB) in Berlin die Show der Superlative. Wachstumsraten.
Buchungsrekorde. Zufriedene Gesichter rundum.
Doch das
Verliebtsein in den eigenen Erfolg macht die Tourismusbranche blind.
Erste Turbulenzen tauchen am weiss-blauen Ferienhimmel auf. Zwar beschäftigt
sich die "weisse Industrie" mit den tödlichen Folgen der
"weissen Pracht" in den Alpen, professionalisiert das
Beschwerdemanagement und entwickelt Strategien zur Abwehr von
Rechtsansprüchen. Zwar reagiert sie erschrocken und betroffen –
wirklich? –, wenn Urlauber in Afrika von Rebellen einer Hutu-Miliz
ermordet werden. Auf entführte Touristen im Jemen folgen mit
Kalaschnikows gesicherte feste Reiserouten. Und der türkische
Tourismusminister erdreistet sich zu sagen, dass es nicht sein dürfe,
dass potentielle Gäste wegen der Furcht vor Anschlägen eine Reise in
sein Land absagten. Grüßen die unsicheren Reisewege des Mittelalters
die Reisezukunft?
Doch es sind nicht nur derart spektakuläre Ereignisse, die
langfristig die Tourismuswirtschaft bedrohen. Zeichen, die sich nicht
so deutlich aufdrängen, werden leichter übersehen. Die Tageszeitung
taz titelt in ihrem Reisemagazin: "Endlich daheim" und
formuliert damit erstmals pointiert eine Bruchstelle, (noch) leise
Rufe der Reisenden, die von der Tourismusindustrie wahrscheinlich
solange geflissentlich überhört werden, wie diese sich nicht in
Buchungsrückgängen äussern.
Die praktizierte Verdrängung ist verständlich – aber....
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Von welchen
Zeichen spreche ich?
Erotische Sehnsüchte
und deren Befriedigung werden am Ausgang des 20. Jahrhunderts in sehr
starkem Maße auf die Freizeit und insbesondere das Reisen projiziert.
Die Lust auf erotisches Erleben und die Reise sind abhängige
Variablen. Die Reiseindustrie beherrscht ihr Geschäft und lässt
– professionell alle Möglichkeiten von Symbolmanagement nutzend –
erotische Reise-Wunsch-Images zirkulieren, die in dem allgemeinen,
weit verbreiteten Mangel an Erotik einen guten Nährboden finden. Die
gesteigerte Erwartungshaltung der Menschen ist eine zwangsläufige
Folge. So lassen sich Reisen gut verkaufen.
Bleibt die Frage, ob die Tourismusindustrie den bestehenden
Erwartungen und der Befriedigung, die sie verspricht, gerecht wird?
Verwunderlich,
dass die Beziehung zwischen Erotik und Reisen kaum Gegenstand öffentlicher
Diskurse ist und in der touristischen Forschungsarbeit, wenn überhaupt,
nur im Rahmen anderer Fragestellungen (z.B. von Reisemotivationen oder
sexuellem Verhalten auf Reisen) implizit thematisiert wird.
Die
Forschungsergebnisse lassen sich kurz so skizzieren:
- Die Speerspitze der Marketing-Forschung
orientiert sich an dem Leitbild "Konsum muss Spaß
machen" und möchte dem "individualisierten,
multioptionalen Konsumenten" über unterschiedlichste reale
oder auch virtuelle Erlebniswelten behilflich sein (sic!) bei der
Beantwortung der Frage "Wer bin ich". Ein großes
Versprechen! Ich lasse einmal offen, ob dieser Anspruch eingelöst
wird. Symphatisch ist die Offenheit, mit der auch erklärt wird,
der zu leerende Geldbeutel des Kunden sei das eigentliche Ziel der
Tourismusindustrie – mithin monetäre Wollust.
- Die Trendforschung
konstatiert: "Der Erlebniskonsument will perfekte Illusionen,
er ist mit Scheinwelten zufrieden, sofern sie die Realität übertreffen."
(Horst Opaschowski). Zwar begäben die Touristen sich auf eine
Stress-Rally. "Sie wollen alles erleben und nichts
verpassen" (Opaschowski). Hier erstaunt die Nachlässigkeit,
gerade nicht zu untersuchen, was die Touristen möglicherweise
alles verpassen und was sie nicht erleben.
- Die ökonomische und im
engeren Sinn touristische Forschung macht zwei zentrale
Entwicklungen aus. Erstens eine ungebremste Nachfrage nach Reisen,
um den Bedürfnissen Ruhe, Erholung, Abwechslung und Thrill
Nahrung zu geben. Zweitens einen zunehmenden Verzicht auf Reisen
im Segment "reiseerfahrene und wohlhabende Kunden",
hervorgerufen durch Reiseenttäuschungen aufgrund des Verlustes
von "Ursprünglichkeit in den Zielgebieten" und
nachlassender Neugier aufgrund von Mangel an wirklich
"Neuem". Hier erstaunt die Nachlässigkeit, die immerhin
schon angesprochenen und registrierten Reiseenttäuschungen nicht
präziser zu untersuchen, bilden sie doch ein erhebliches GefährdungsPotenzial
für die Tourismuswirtschaft.
- Die sozial- und
gesellschaftspolitischen als auch individualpsychologischen
Forschungen entschlüsseln das touristische Reisen und die
modernen Erlebniswelten als "Gestaltung von Räumen in
Jetzt-Zeit" (Romeiß-Stracke), die moderne Lebensgefühle und
Emotionen befriedigen sollen und dafür weder Authentizität noch
reale Lebenswirklichkeiten als Basis notwendig machen.
Beispielsweise benennt die Freizeitforscherin Romeiß-Stracke
neben "Extroversionen, Extremen, Eklektiken und
Exotiken" als Bedingungsfaktoren des Reisens nun auch
"Intimität, Introvertiertheit, Intensität und
Integration" – auf "Sinnlichkeit" ausgerichtete
Trendbündel. Gerade da der Blick hier umfassender und
weitsichtiger ist und viel Verdruß im Seelenhaushalt unserer
Reiseaktivitäten registriert, erstaunt die Nachlässigkeit, diese
Trends nicht präzise in ihren Wechselwirkungen mit
gesellschaftlichen, sozialen und kulturellen Entwicklungen zu
analysieren und so zu einem tieferen Verständnis der benannten Phänomene
zu gelangen.
Die wissenschaftliche
Tourismusforschung muss einen nächsten Schritt gehen. Die vielfältigen
Rationalisierungen der Reisenden eins zu eins in Forschungsprojekte
und Fragenkataloge aufzunehmen und damit zu verstärken und zu
verfestigen, ist zu wenig. Sie muss das "Unsichtbare der
Reise" ins Blickfeld nehmen: erotische Wünsche und erotisches
Verhalten auf Reisen - verborgene Aufenthalte - heimliche Tätigkeiten
- stumme Träume - versteckte und tabuisierte Motive von
Reiseentscheidungen.
Solange sich die Wissenschaft hier ignorant zeigt, wird ihr "Die
Reise" weitgehend eine "terra incognita" bleiben, deren
Sinn sie nicht versteht.
Dann erübrigt sich auch die von den Tourismusakteuren so oft mit lässigem
Achselzucken eines "gar nichts" beantwortete Frage danach,
was die touristische Praxis denn von der Wissenschaft zu erwarten
habe.
Denn die
Tourismuswirtschaft weiss, wovon sie redet und was sie tut. Möglicherweise
nur intuitiv. Das aber ist ausreichend. Zunächst einmal. Sie
verspricht: "Tolle Aussichten zu knackigen Preisen. Sie sind
heiss. Sie sind neu. Und sie machen einfach an. Alles – aber günstig."
(Alltours) Die Tourismusindustrie nimmt die verborgenen Sehnsüchte
der Reisenden auf und bedient diese mit ihren standardisierten
Produkten.
Ich stelle die Frage erneut: wird die Tourismusindustrie mit ihren
Reiseprodukten den bestehenden Erwartungen und der Befriedigung, die
sie verspricht, gerecht?
Die Antwort
lautet: nein!
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These 1:
"Das Leben in der Postmoderne stellt sich – unter dem Aspekt
von Erotik – als sehr spannungsarme Kultur dar. Die Produktions-,
Mobilitäts- und Konsumlogik zerstört den Eros.
Für Hesiod ist
Eros der Sohn des Ares und der Aphrodite. Die Schönheit von Aphrodite
ist ohne die Kraft und den Biss von Ares fade, doch der Kampf, den
Ares symbolisiert, wäre ohne Schönheit bloße Gewalt. Eros ist auch
der geflügelte Lausbube, der es faustdick hinter den Ohren hat, der
spielerisch, trickreich, schelmisch und tanzend seine Ziele erreicht.
Eros ist die schöpferische Kraft, die Herausforderungen und Zeit
braucht, um sich zu voller Blüte zu entfalten.
Welchen Platz hat dieses Lustelement noch in unserer Welt, in einer
Welt, die im Zeichen der Entzauberung lebt. Produktivität, Effizienz
und Leistung prägen die Moderne. Im Alltag werden unsere emotionalen,
erotischen und sexuellen Affekte rationalisiert, kontrolliert und
diszipliniert. Doch unter dieser dünnen zivilisatorischen Schicht
liegt eine "wahnsinnige Welt" voller "infernalischer
Abgründe". (Bataille)
In unserer Kultur hat Eros Kreide gefressen. Doch Erotik wächst aus
Reibung und Irritation. Alle Antagonismen bergen erotische Momente.
Risse und Befremdlichkeiten führen dazu, dass sich Begehren entfalten
kann.
Das Ignorieren vorgebener Pfade, plötzliche Konfrontationen mit
Neuem, schneidende Provokationen und Tabubrüche schaffen Erotik. Die
Produktions- und Konsumlogik ist rücksichtslos gegenüber der
"inneren Uhr" des Menschen. Die Primärsinne wie Fühlen,
Schmecken, Riechen regredieren mit der Einschränkung ihres Betätigungsfeldes.
Stress führt zu Aggression und/oder Regression und tötet Eros.
Das Eingebundensein in komplexe Prozesse, die vom einzelnen Menschen
kaum noch beeinflußbar sind, hinterläßt vermehrt ein Gefühl von
Ohnmacht. Auch Ohnmachts-Gefühle töten Eros.
Die mächtigen Gegenspieler des auf Effizienz, Perfektion und
Beschleunigung ausgerichteten Systems sind die erotischen Verführungen
und erotische Begehrlichkeiten. Die Erotik ist der Einbruch des Unbewußten
in die rationalen Gefilde des Selbst, das, in dieser Welt entzaubert,
sich doch behaupten muss.
Unser Alltag bestraft dieses "sich der Gefahr aussetzen".
Selbstbindungen, Entsagungen und Verhärtungen sind die Folge. Ein
zweckgerichtetes, gepanzertes Individuum. Daran leiden die Menschen.
Das Verschwinden der Erotik aus der gesellschaftlichen Praxis trägt
zur Auflösung sozialer Bindungen bei und führt als Reaktionsbildung
zu Fluchtbewegungen, sei es in die Droge oder in unterschiedlichste
Formen von Hyperaktivität.
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Auch
der unmäßige Reisekonsum weist die Reise selbst als Droge aus und
ist damit Teil dieser Reaktionsbildung.
Die Enterotisierung der
Gesellschaft ist auch kein Gewinn, der etwa sexuellen Beziehungen
zugute käme, denn diese werden ja durch einen erotischen Rahmen
vorbereitet. Untersuchungen zeigen, dass sich praktizierter Sex auf
dem Rückzug befindet. Stichworte sind hier: "low sexual desire"
und "lean sex, selbstdiszipliniert und selbstoptimiert", die
"Neosexuelle Revolution" (Volkmar Sigusch). Focus fragt:
"Deutschland, schlaffes Vaterland"? Der
Sexualwissenschaftler Gunter Schmidt stellt fest: "Was man früher
mal unter Erotik verstanden hat – der spielerische Kampf, der Wunsch
nach Verführung und Verführtwerden, auch die spielerische
Inszenierung von Macht und Ohnmacht, überwältigen und sich überwältigen
lassen -, all das fällt unter Verdacht und steht in Gefahr, aus der
Sexualität vertrieben zu werden". (Spiegel, 23/1996)
Das "Drama der Erotik" verschwindet in der deutschen
Konsenskultur und einer neuen "Verhandlungsmoral", für die
sich die Menschen mittels "Emotions-Management" rüsten
(Schmidt, Focus 7/99).
Nüchtern und mit Verstand wird verhandelt und Eros getötet.
In der Gesellschaft des "Öffentlichen Sex", in der Intimität
bis zum Gipfel der sexuellen Erregungskurve analysiert wird, ist die
erotische Welt um ihre Geheimnisse gebracht. Der primitiv
daherkommende öffentliche Diskurs über Sex enterotisiert die
Gesellschaft und führt in der Praxis zu weniger Sex.
Wo bleiben jene Wünsche, die im Konsens nivelliert werden? Wo
verschwindet das, was sich hinter den Lifestyle-Masken an Begierden
verbirgt?
Dorthin...? Eine Studie des Robert Koch Instituts in Berlin hat
herausgefunden, dass 40 Prozent der Touristen in der Dominikanischen
Republik "Sex außerhalb einer monogamen Beziehung während des
Urlaubs haben". Natürlich ist die Gleichung Promiskuität und
Sexualität = Erotik = Reisesehnsucht unzulässig, doch dass beide
nichts miteinander zu tun hätten.....Warum dort, und nicht hier...?
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These 2:
Die in hochtechnologischen und damit beschleunigten Kulturen sterbende
Erotik findet im Reisen eine der letzten Räume, in denen sie sich
entfalten kann. Die Reise impliziert grundsätzlich hohe erotische
Potenziale.
Der zentrale Impuls für die elementare Sehnsucht nach Erotik und
deren Befriedigung ist ein grundlegendes menschliches Bedürfnis, das
Adorno folgendermaßen benannte: "Ohne Angst anders sein zu können".
Ein universeller und zeitloser Impuls. Das weiß auch Horst Martin Müllenmeister,
der unter kulturanthropologischen Aspekten Reisen von der Antike bis
in die Neuzeit betrachtet hat. Sein Urteil ist eindeutig.
"Dass die Reisenden sich unterwegs vergnügten, hat man natürlich
von Anfang an vermutet. Man ahnte, dass sie sich zumindest vorübergehend
ihren sozialen Pflichten entziehen wollten, der täglichen Arbeit, der
ermüdenden Langeweile und der lästigen Kontrolle durch die Nachbarn.
Man argwöhnte, dass sie der heimischen Kost überdrüssig waren und
Appetit verspürten auf exotische Genüsse. Man hegte den Verdacht,
dass sie sich im Ausland paradiesischen Freuden hingaben, märchenhaften
Lüsten und paradiesischen Lastern.
Reisende haben immer nach Entschuldigungen suchen müssen und nach
Rechtfertigungen...Die Reisenden haben immer gewusst, dass die
Daheimgebliebenen ihnen misstrauten..."
Dieses Misstrauen führt unweigerlich dazu, dass Reisende immer wieder
sehr kreativ Wege erfinden, der sozialen Inquisition und Kontrolle zu
entgehen.
Müllenmeister verweist auf Homer´s Odysseus, den abendländischen
Urahn der Reisenden. Die vordergründige und allgemein adaptierte
Essenz dieses Mythos ist verwunderlich: erst der lange Krieg in Troja,
dann 10 entbehrungsreiche schreckliche Jahre – und all die Wochen
und Monate verzehrt von brennender Sehnsucht nach den Seinen. 10 Jahre
Leiden und Sehnsucht nach der Familie? Allein 1 Jahr verbrachte er bei
der bezaubernden Kirke , sieben Jahre bei der Nymphe. Acht fette
Jahre, so sagt man doch.
Erst in neuerer Zeit bekennt sich eine Minorität der Reisenden zu
Vergnügen und "der reinen Lust am Leben" (Songzeile),
allerdings werden "erotische Absichten" eher verschämt
versteckt.
Die erotische
Hoffnung reagiert auf die Zerrissenheit der gelebten Existenz. Hinter
jeder Reise stecken erotische Möglichkeiten, die uns aus dem Kerker
des Existierenden befreien könnten. Die Reise ist wie eine letzte
Zuflucht. Sie soll richten, was wir im Alltag nicht mehr realisieren:
uns mit uns selbst zu versöhnen, mit der Fülle unserer eigenen Möglichkeiten
und der eigenen Triebe. Reisen bietet die Möglichkeit zur Enthemmung
(so ist auch Ballermann 6 diesem System zugehörig und nur eine von
zahlreichen Spielarten); Reisen ist ein Aphrodisiakum.
Elementare
erotische Komponenten der Reise sind:
das Wasser als verwandelndes Element, als Symbol von Ende/Neubeginn,
von Regeneration, von Auflösung/Transzendenz; die Wärme der Sonne;
der Strand mit verführerisch bekleideten oder auch nackten Körpern
und der besonderen Intensität der physischen Nähe; die erlaubte,
beneidete und allenfalls mit einem verunsicherten Lächeln begleitete
Regression der Erwachsenen in kindliches Empfinden und Verhalten mit
dem Ziel des Wohlbefindens (biotisches Erleben); andere und wenig
strukturierte Zeit- und Bewegungsrhythmen; Gegenentwürfe zum Alltag
(dynamische Orientierung; optimierendes Erleben) oder deren mehr
spielerische Neukonstruktion in anderer Umgebung (exploratives
Erleben); das Überschreiten von Alltagsnormen; die geringere
Bedeutung des sozialen Status; kollektive Akte bei Besichtigungen und
bei Feiern; die Auflösung von Zweckorientierung des Handelns;
Anreize, sich gehen zu lassen und verschwenderischer zu leben (sich
selbst und den Geldbeutel nicht zusammenzuhalten, sondern zu
verausgaben!); spontane (hier und jetzt!) und weniger komplexe
Interaktionen, eine geringere Angst vor sozialen Sanktionen und damit
eine größere Zwanglosigkeit. Alles in allem: in der Anonymität der
Reise kann das "alter ego" leichter enthüllt und
ungehemmter ausgelebt werden.
Die Beispiele
sind zahlreich:
Der Urlaub in den "Super-inclusive" Clubs und "Hedonism-Resorts"
in der Karibik steht unter dem Motto: "Be wicked for a week",
was frei übersetzt soviel heisst wie "Lass dich eine Woche lang
von der Lust leiten". So gilt auch für die Kleiderordnung in
diesen Clubs: "Dress down. As bare as you dare".
Reisen und Reiseziele sind darüber hinaus mit erotischen Symbolen
belegt: Venedig als Stadt der Liebenden, die Toskana als Region
sinnlichen Lebensgenusses, Asiens Hingabe in Lächeln und Stille usw.
Die Reiseliteratur wäre ohne die von ihr erzeugte erotische Verführung
als Gattung nicht existent. Kurz erinnert sei nur an die kindliche
Erotik bei Jules Verne, die Darstellung der Erotik der Fremde in den
Robinsonaden, Goethes Lust in anderen Natur- und Kulturlandschaften
und die tausendfach beschriebene Neugier, die Veränderungslust und
der Erfahrungshunger – auch nach sexuellem Erleben – in den
modernen Reiseberichten.
Hier steht Corinne Hofmann´s Erfolgsstory "Die weiße Massai"
stellvertretend für den nun auch offeneren Umgang von Frauen mit
diesem Thema. Die Journalistin Edith Kresta weist darauf hin, dass
sich die "reisenden, schreibenden Frauen hemmungslos fallen
lassen. Sie lassen sich ein auf die Fremde, den fremden Mann. Sie sind
bereit, mit dem Land, den Leuten, dem fremden Liebsten zu
verschmelzen...Die Frauen holen sich, was sie brauchen".
Dass auch das Marketing (der erotische Symbolgehalt von Werbung bedarf
hier keiner weiteren Erläuterung) direkt und offen auf Erotik setzt,
ist ein konsequenter Schritt. Der Reiseveranstalter Alltours hat seine
Radio-Werbespots unter dem Motto "Alles – aber günstig" kürzlich
mit dem Lockruf erweitert, auch ein Prinz sei zu haben. Die
Verkaufspraxis in Reisebüros setzt auf exotischen Sound und
Duftterminals. Die Zeitschrift TM 1-2/99 berichtet: "Sinnliche
Verführer: Duft, Musik und Farbe verwandeln ein 08/15-Reisebüro zum
sinnlichen Erlebnisraum. Ein Ambiente, das die Kassen klingeln läßt..."
Ziel ist das Limbische System. Über den Reiz von Düften werden Gefühle
zur Reisebuchung stimuliert. "Sehnsucht und Vertrauen" sind
die Bedürfnisse, die gezielt angesprochen werden sollen.
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Neben diesen
Elementen konstituieren vier weitere die besondere Erotik von Reisen:
1. Eine andere erotische Dynamik
in "vorzivilisatorischen" Ländern. Wir finden dort einen
gemächlicheren Lebensrhythmus, oftmals prägen noch zyklische
anstelle linearer Zeitverständnisse den Alltag. Natur- und Kulturräume
werden als lebendiger empfunden, die Bedeutung von
zwischenmenschlichen Beziehungen, Gastfreundschaft, Nachbarschaft ist
stärker erhalten. Roland Barthes hat gesagt: "Aber was heisst
denn reisen. Zusammentreffen. Das einzige wichtige Wörterbuch ist das
der Verabredung."
Der spanische Autor Juan Goytisolo hat sein Heimatland verlassen und
lebt seit 23 Jahren in der Medina von Marrakesch. Was die Medina für
ihn bedeutet, läßt sich leicht auf Erfahrungen übertragen, die wir
als Reisende auch in anderen Ländern machen.
"Die Komplexität der Medina als städtischem Raum, unvereinbar
mit Logik und Vorhersehbarkeit, lädt den Passanten auf Wege ein, die
eine mysteriöse Lektion in Topographie bilden und wieder auflösen.
Die Unregelmäßigkeit der Fassaden und ihre jähen, unvorhersehbaren
Winkel verleihen ihr die verführerische Aura eines Labyrinths....Sie
bewahrt sich etwas Improvisiertes....die Ränder der Straße sind
verschwommen, veränderlich....es besteht eine große Transparenz der
Beziehungen.....ein Abwechseln von privaten und öffentlichen Räumen,
eine ständige Aufforderung zum Neugierigsein" (FR, 11.7.98)
Haben Sie sich jemals gefragt, was der Grund unserer Bewunderung für
die ärmlichen, schmutzigen, ungeordneten und chaotischen Bergdörfer
Madeiras, Siziliens oder Kretas ist? Ist es vielleicht genau diese
verführerische Aura eines Labyrinths, das Unbekanntes und
Unentdecktes verheisst?
Sind nicht viele Reiseländer, ist nicht die unzivilisierte Fremde das
von Europa, das von uns Abgelehnte? Und ist es nicht gleichzeitig vor
allem unsere Versuchung?
Bei allen Restriktionen – von starrem Sozialgefüge und Religion -,
ist die Medina nicht geradezu Sinnbild? Zeitloses dösen, träumen,
reden, spielen – eingehüllt in den Rauch der Wasserpfeifen?
2. Reisen ermöglicht eine
Erfahrung des Fremden. Diese Erfahrung ist sehr erotisch. Im Fremden
liegt ein Reiz, ein Abenteuer, aber auch Angst. Das wirklich Fremde
ist ein Grenzbereich unserer Erfahrung. Es ist furchteinflößend und
gleichzeitig betörend verführerisch. Auf die Fremde ist viel
Sehnsucht gerichtet. Sie repräsentiert das Andere, das sich der
Einverleibung ins eigene Leben widersetzt. Die Fremde ist auch immer
das fremde Eigene, das in der fremden Fremde aus dem Tiefschlaf
erwacht. Ein erregender, hocherotischer Prozeß.
Bei allen Restriktionen von starrem Sozialgefüge und Religion, ist
diese Fremde nicht geradezu Sinnbild eines Lebens außerhalb von
Zweckorientierung, Verplanung und festen Zeitabläufen sowie
Leistungszwang?
Der Einwand, in der globalen, Unterschiede einebnenden Welt sei
"zivilisierten" Lebensweisen kaum zu entkommen, ist
naheliegend. Zugegeben, die Chancen schwinden. Doch schon graduelle
Unterschiede erwecken unsere Aufmerksamkeit und locken verführerisch.
"...rien que la nuance", wußte schon Paul Verlaine.
3. Reisen ermöglicht "Flow-Erlebnisse"
(Csikszentmihaly) in neuen Lebensbereichen. Es ist leicht zu erkennen,
dass Flow ein erotisches Erleben ist. Flow setzt ein "Agieren
jenseits der Parameter von Angst und Langeweile" voraus.
"Aufgehen im Fluss des Geschehens". Selbstvergessenheit.
Flow verspricht ein spannungsgeladenes Ausgesetztsein und überwältigende
Sinneserfahrung. Auch Erotik bedeutet Angstlust, die sich aus dem Gefühl
von Geborgenheit in der Haltlosigkeit speist. Reisen schaffen eine
Vielzahl dieser "autotelischen Erlebnisse", Erlebnisse, die
uns das Übertreffen unserer bisherigen Grenzen in frei gewählten
Wirklichkeitsbereichen erlauben.
4. Reisende
erfahren über den Status ihrer Herkunft und über Geld eine nicht zu
unterschätzende Bestätigung. Diese Macht ermöglicht vor allem auch
den Tausch sexueller Leistungen.
Es ist nicht zu übersehen: Die Reise lockt mit einem verführerischen
Gesang und erotischer Stimme. Die Reise ist eine Einladung zum Tanz,
oftmals auf des Messers Schneide.
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These 3:
"Die von der Reiseindustrie produzierten erotischen Wunsch-Images
und die damit verbundenen Verheissungen werden von den Reiseprodukten
immer weniger eingelöst. Die Tourismusindustrie betreibt einen
Raubbau an der Ressource "Reise-Erotik". Sie verspielt die
Potenziale, von denen sie lebt und produziert wachsenden Reisefrust.
Es bedarf neuer und sensibler, in erster Linie produktstrategischer Überlegungen,
um die erotischen Qualitäten des Reisens zu sichern. In einer
erotischen Nachhaltigkeit liegt der Luxus der Reise im 21.
Jahrhundert.
Eine wunderbar rätselhafte
Dialogszene von Franz Kafka trägt den Titel "Der Aufbruch".
Da ist ein Mann,
der sein Pferd sattelt und losreitet. Am Tor steht sein Diener und hält
ihn auf.....
"Wohin reitest du, Herr?" "Ich weiss es nicht",
sagte ich, "nur weg von hier, nur so kann ich mein Ziel
erreichen". "Du kennst also dein Ziel?" fragte er.
"Ja", antwortete ich, "ich sagte es doch: Weg-von-hier,
das ist mein Ziel!" "Du hast keinen Essvorrat mit",
sagte er. "Ich brauche keinen", sagte ich, "die Reise
ist so lang, dass ich verhungern muss, wenn ich auf dem Weg nichts
bekomme. Kein Essvorrat kann mich retten. Es ist ja zum Glück eine
wahrhaft ungeheure Reise."
Kafka erweist
sich hier als sehr feinsinniger Erzähler. Beachten Sie bitte den
hintergründigen Sinn der beiden letzten Sätze.
Erstens könnte auch das Nichtvorhandensein eines Essvorrates den Mann
retten. Und zweitens stimmt ihn nicht nur das Unbekannte, Ungeheure
der vor ihm liegenden Reise euphorisch, sondern er weiss, dass auch
die "Reise zum Glück" eine wahrhaft ungeheure Reise ist.
Natürlich sind unsere heutigen Reisen ganz anders. Im Gepäck sind
alle Arten von Versicherungen. Das mehrmalige Wiederholen des "weg-von-hier"
erscheint uns allerdings vertraut. Reisen sollen im Gefühl der
Menschen "Erfahrungen des Nicht-Gewöhnlichen" (Christoph
Henning) möglich machen. Sie sollen Lebensbereiche eröffnen, in
denen sich Affekte breit machen können und in denen eben nicht die
Kontrolle von Gefühlen gefordert ist. Emphasis (Ein-Fühlen) und
Ekstasis (Heraus-Gehen) sind die beiden Pole, zwischen denen sich die
Reiselust bewegt.
Wenn Spontaneität als Störfaktor in unserer Moderne verpönt ist,
soll wenigstens das Reisen und die Urlaubszeit emotionale Erregung
verschaffen.
Vordergründig scheint die Tourismusindustrie diese Potenziale
bereitzustellen. Es gibt eine Überfülle an unterschiedlichen
Reiseprogrammen und Erlebnisangeboten mit vielfältigen Aktivitäten.
Doch diese
werden den erotischen Bedürfnissen nur unzureichend gerecht.
Zwei Faktoren
sind wesentlich dafür verantwortlich:
- Gedrängte Programme =
Zeitknappheit
- Perfekte Organisation =
Verplanung.
Verbrauchsfertige
Instantprodukte und die Reduzierung von Aktivitäten auf symbolische Tätigkeiten
führen zu einem Mangel an individuellen und kollektiven Erfahrungen.
"Wenn die Erfahrung auf eine <fertige Welt> trifft, wenn
sie den Dingen und Ereignissen nicht mehr auf den Grund kommt,...,
wenn sie mit ihrer eigenen Geschichte nicht in die Geschichten ihrer
Gegenüber verwoben ist, dann kommt die Erfahrungsfähigkeit zum
Erliegen". (Marianne Gronemeyer)
Schon Aristoteles hat gewußt, dass jeglicher Genuss irgendeine
Aktivität, also die Anwendung irgendeiner Kraft voraussetzt und ohne
solche nicht bestehen kann.
Die
standardisierten touristischen Module sowie die verplanten
Urlaubsaktivitäten basieren auf einer rationalen Bewirtschaftung von
Zeit. Die Reisetrips werden immer kürzer und die Schlagzahl von
Kurzzeit-Aktivitäten im Urlaub wird erhöht. Rund um die Uhr
existieren Angebote. Ziel ist, Leerlauf zu vermeiden. Mit
beschleunigten Aktivitäten – mit Zeitverdichtung - soll die Zeit überlistet
und dem Urlaubsleben zur prallen Fülle verholfen werden. Welch
grandioser Trugschluß.
Einem Bericht in der Frankfurter Rundschau über eine Reise in die
Berge Norwegens ist zu entnehmen, dass ein Reisender gar nicht anders
kann, als die Rolle des glücklichen Urlaubers anzunehmen. Wörtlich
heisst es in der Reisereportage: "Und wehe, du könntest dich
nicht erklären, kämst ohne Beute, ohne Geschichten nach Hause".
Schon Casanova, der europäische Handlungsreisende in Sachen Erotik,
wusste um die Gefahr beschleunigten Begehrens, welches zur Beute
ergreifenden Begierde verkommt. Er jagte eben nicht einem verdichteten
Glücklichsein nach, dass stets nur episodisch sein kann. Er steuerte,
auf der Suche nach zeitlosen Augenblicken, einen Zickzackkurs durch
die Zeit.
Mit der Tilgung von Leerlauf wird Zeit vernichtet. Die Grenze des
Nutzens höherer Durchlauf-Geschwindigkeiten ist dann erreicht, wenn
eines der beteiligten Systeme überfordert ist. Das ist zuerst der
Reisende selbst.
Eine "gedehnte Zeit" ist die conditio sine qua non der
Erotik. Joan Didion: "Der Kopf ist leer(...) Eine Verzerrung der
Zeit findet statt."
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Erotik
braucht Zeit zur Entfaltung.
Doch das
Gegenteil geschieht: Auf einer Reise darf nichts schiefgehen. Der
Flieger muss pünktlich starten. Im Zielgebiet sorgt der Reisebus für
den prompten Transfer ins geschützte Ghetto des Urlaubshotels . Der
Zufall muss aus dem Urlaubsablauf verbannt werden. Abläufe und
Aktivitäten sind angeordnet, organisiert und strukturiert. Ein
Programm jagt das andere. Wartezeiten sind mittlere Katastrophen. Für
die Seele des gehetzten Kunden und das Bankkonto des Unternehmens.
Zudem werden mit der Tilgung von "freien Räumen" – über
die schnelle Durchdringung des Raumes bei der Anreise und die
Besetzung des Urlaubsraumes über organisierte Aktivitäten – diese
als freie Gestaltungsoptionen dem Reisenden entzogen. Anreisen ohne
Eigenbewegung und ohne eigenbestimmte Rhythmen. Normierte Ankünfte
(das Welcome der Reiseleitung), Urlaubsaktivitäten (Ausflüge usw.)
ohne Eigenbewegung und ohne die Möglichkeit einer freien Eroberung
des Raumes. Dabei ist gerade die Kontinuität von Eigenbewegung
Bedingung für den Flow-Effekt.
Je mehr die Wegstrecke durch zeitliche und räumliche Kontraktion und
das an Ort-und-Stelle-Sein durch verdichtete Aktivitäten
verschwindet, desto weniger ist der ersehnte Aufbruch möglich und
desto sicherer bleibt die erträumte Ankunft aus. Ein Heimatgefühl im
Sinne von "ubi bene ibi patria" kann sich so nicht
einstellen.
Reisen, die sich immer mehr der Simulation von Lebenswelten – ob in
Kenia, Griechenland oder den sogenannten "künstlichen
Ferienwelten" – annähern, reduzieren einen möglichen Zuwachs
an Offenheit und Sensibilität gegenüber der eigenen Person und der
Welt. Die Befriedigung der sinnlich-erotischen Bedürfnisse von Physis
und Psyche sind in der Simulation äußerst begrenzt. Nur ein aus der
vertrauten Matrix und den vielen Sicherungssystemen befreites
Individuum gewinnt an Autonomie.
"Mixed-Use-Center"
und integrierte Erlebniswelten – Angebote für das Segment der
Kurzreisenden - beschäftigen "Psycho-Krieger", deren
Aufgabe es ist, das System immer weiter zu perfektionieren, den
Reisenden und Besucher Schritt für Schritt (nach dem "Story-Line-Prinzip")
an die Hand zu nehmen.
Der zeitgenössische Tourismus kanalisiert Verführungen und
Normabweichungen, indem er Eigenbewegungen verhindert. Die aber liebt
Eros gerade besonders. Die Traumreisen der Veranstalter sind mehr und
mehr der virtuelle Ersatz für die konkreten Triebziele.
Die herrschende Reisekultur reiht sich damit nahtlos ein in die Welt
individueller Mangelgefühle – komplementär zur makroökonomischen
Philosophie des Mangels - anstatt Teil der Lebenswelt des Überflusses
zu sein. Das kann nicht gut gehen. Nur eine Reisewelt, die auch
Verschwendung und Verausgabung ermöglicht, ist eine attraktive
Reisewelt.
Einige hellsichtigere Köpfe der Tourismusindustrie erahnen die
heraufziehende Gefahr. "Die Leute wollen mehr Zeit haben, um
spontan ein Picknick zu veranstalten oder irgendwo Kaffee zu trinken.
Das müssen wir bei unserer Zeitplanung unbedingt berücksichtigen",
mahnt der managing director von Studiosus, Dieter Lohneis.
Reisen können ein Beziehung stiftendes Element sein. Menschen, die Nähe
und Beziehung suchen und diese eingehen und aushalten, können in den
Genuß erotischer Erlebnisse gelangen.
Der Anthropologe Frederik Barth vertritt die Auffassung, dass
transkulturelle Kontakte im Zusammenhang mit Reisen eine neue Art von
Selbstbewusstsein erzeugen, eine Form kollektiver Selbsterkenntnis.
Kollektive und individuelle Identitäten entstehen aus Prozessen von
Begegnung, wechselseitiger Reflexion und Identifizierung.
Das moderne Reisen mit seiner Tendenz zur Abschottung, zu in-groups
und all-inclusive-Programmen reduziert die Möglichkeit von
Beziehungen mit und in der Fremde und damit sowohl individuelle als
auch kollektive Erfahrungen. Unter Fremden kann man ein neues Gefühl
von Individualität wie eine neue Kleidung anprobieren, aber in den
modernen "homelands", den all-inclusive-Anlagen, im Rahmen
des uniformen Designs von All-Maxx?
Nun könnte schnell angemerkt werden, Reisen seien doch ein
Spiegelbild der Ordnungs-, Sicherheits- und Versorgungsmentalität
unserer Zeit. Zugegeben. Das findet natürlich auch im Reiseverhalten
und in den Reiseerwartungen seinen Niederschlag.
So merkt Stephen Greenblatt an, dass sich auch beim Reisen alles um
die Bestätigung von Erwartungen dreht. Der Tourismus "stellt
sicher, dass man genau das bekommt, was man sich vorgestellt hat, oder
zynischer, dass man sich zumindest einbildet, man bekomme genau das,
was man sich vorgestellt hat". Und er fährt fort: "Wenn die
wirkliche Welt nicht der Vorstellung entspricht, muss sie ihr selektiv
angepasst werden".
Auch der Freizeitforscher Horst Opaschowski ist sich sicher, dass die
Grenzen zwischen Original und Kopie, Wirklichkeit und Künstlichkeit
immer fließender werden: "Authentisch oder künstlich? Das ist
nicht mehr die Frage der Zukunft. Wichtig ist nur das Originalgefühl
der Besucher".
Eine Erkenntnis,
die schnell beruhigt und weiteres Nachdenken obsolet erscheinen läßt.
André Hellers Warnung sollte nicht leichtfertig überhört werden:
"Unsere Wohlstandswelt erstickt förmlich an dem Plunder, dem
Potemkinschen Bluff....an den oberflächlichsten hysterischen
Ablenkungsmanövern, die allesamt bewust oder unbewusst ein Ziel
verfolgen: zu verhindern, dass wir uns selbst auf den Grund gehen, um
unser tatsächliches Potenzial kennenzulernen und urbar zu
machen....In der Freizeit nämlich zerbrechen die Ehen, geschehen die
Gewaltorgien und Verzweiflungsexplosionen. In der Freizeit werden die
Ängste unter dem Druck einer galoppierenden Leistungsgesellschaft
nicht entsorgt und suchen sich ihr Ventil in Krankheit und
Depression.... Und dann übergibt man seine gesammelten Verstörungen
häufig an Tranquilizer oder Alkohol oder Heroin oder bestenfalls an
tantrische Sexkurse oder das Urschreilabor".
Es kann nicht übersehen werden, dass die in der Gesellschaft sichtbar
werdenden Brüche und Spannungen auch die Reisewelt erreicht haben.
Deshalb kann das Versprechen, "Traumreisen" zu verkaufen,
schnell zur Mär und zum Bumerang werden. Wo Reisende die
Unterschiedlichkeit suchen und doch immer nur vor Gleichem stehen,
sind Ohnmachtsgefühle nicht weit. Und Ohnmacht ist die erste und eine
starke Quelle entweder von Frust/Rückzug oder von Rebellion.
Ich wiederhole: die Reise muss stets etwas Unverwechselbares sein,
eben kein Abziehbild. Denn nur das Einmalige, das "unzynische
Original" (André Heller) hat Ereignischarakter und bleibenden
Wert. Heller hält die Kopien der Kopien von Kopien für einen
Ausdruck von Verzweiflung und Ratlosigkeit und
"menschenverachtende phantasiebrüskierende Irrtümer".
Wo Reiseillusionen Desillusionierungen weichen, ist die Wut der
Reisenden ganz nah. Dann ist das vorherrschende Gefühl dasjenige,
betrogen zu werden.
Ich plädiere also für ein nachhaltiges, erotisches Reisen. Für ein
Reise-Leitbild: Weniger ist mehr. Für ein erotisches
Produktmanagement in den Tourismusunternehmen und –organisationen,
d.h. die Entwicklung von Reiseprogrammen, deren Kennzeichen langsamere
und längere Anreisen, eine attraktivere Ankunft, längere Aufenthalte
und eine Ausweitung von Freiräumen sind, die dem Reisenden die Möglichkeit
lassen, Teil der fremden Welt zu werden und so die Chance zu Abreisen
eröffnen, die Spuren hinterlassen. Emotionale und erotische Spuren.
Das erfordert Spielregeln von Langsamkeit und Entschleunigung und eine
Reduzierung von Aktivitäten.
Nach
oben
"Des
Bogens (biós) Name ist Leben (bíos),
seine Wirkung Tod". (Heraklit, Fragmente).
Zwar gibt es
kein richtiges Reisen, doch nur vielfältige Erfahrungen von Erotik
bieten die Chance zu individueller Entfaltung und sozialer
Differenzierung.
Diese Chancen muss die Tourismuswirtschaft eröffnen. Ansonsten wird
sie eine Abweichung von der heute vorherrschenden Norm "Leben =
Fernweh = Reise" gegenwärtigen, die ihr heute noch die rasanten
Wachstumsraten beschert.
Wie könnte sich
eine solche Abweichung manifestieren?
Nur solange die ferne Welt noch (zumindest teilweise) verschieden von
der eigenen ist, macht die Suche nach den eigenen kulturellen Ursprüngen,
die Suche nach Lebenssinn und dem fremden Eigenen auf Reisen noch
Sinn. Nur dann.
Ansonsten, so läßt sich vermuten, werden wir eine "Renaissance
der Nähe" erleben, eine neue Lust auf Heimatort, die Region, auf
Deutschland und Europa.
Eine mit Fernweh verbundene Reiselust könnte schnell seine
Attraktivität verlieren.
Die Reise war in ihrer historischen Ausprägung und ist auch heute ein
subversives Element. Reise-erotische Bedürfnisse werden sich auf
Dauer immer die Ziele, die Organisationsform und die Partner suchen,
die ihre maximale Befriedigung unterstützen.
Die Tourismusindustrie, immer ein wenig geil, neue Megatrends aufzuspüren,
könnte hier von einem Megathema überrascht werden.
© Bruno Krümpelmann
2001
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
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