Tourismusförderung
in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit
von Wolfgang Strasdas
Um es gleich
vorwegzunehmen: Derzeit ist Tourismusförderung trotz anders lautender
Gerüchte keine prioritäre Aufgabe der deutschen
Entwicklungszusammenarbeit (EZ). Auch in der Vergangenheit herrschte in
diesem Bereich relativ große Zurückhaltung. Während in den 60er und
70er Jahren noch vereinzelt so klassische touristische Teilbereiche wie
die Erstellung von Infrastruktur, Beratung von Tourist Boards, Aufbau
von Hotelfachschulen, betriebliche Ausbildung und die Präsenz auf
Tourismusmessen gefördert wurden, kam diese Zusammenarbeit in den 80er
Jahren weitgehend zum Erliegen. Zum Teil wurden tourismusbezogene
EZ-Aktivitäten an die Europäische Union (EU) delegiert, zum Teil
wurden sie einfach eingestellt (BMZ 1993, KASPAREK 1998).
Begründet wurde dies hauptsächlich mit folgenden Argumenten:
- Die volkswirtschaftlichen
Effekte seien enttäuschend, da durch tourismusbedingte Importe ein
Großteil der Deviseneinnahmen wieder abfließe (ungünstige
Netto-Devisenbilanz). Es gebe außerdem nur geringe
trickle-down-Effekte, die die armen Bevölkerungsgruppen kaum
erreichten.
- Die Entwicklungsländer (EL)
hätten keine Kontrolle über die touristische Entwicklung
(Marktbeherrschung durch transnationale Tourismuskonzerne,
Nachfrageschwankungen usw.).
- Tourismus schaffe nur wenige
Arbeitsplätze, die darüber hinaus auch noch unqualifiziert und häufig
saisonal seien.
- Die sozio-kulturellen und ökologischen
Auswirkungen des Tourismus seien problematisch (Stichworte: Zerstörung
gewachsener Kulturen, soziale Ungleichgewichte, Klima-schädigung,
Ressourcenverschwendung).
- Tourismus komme überhaupt
nur bei wenigen EL in Betracht. Andererseits neige er dort, wo er
entwicklungsfähig ist, dazu, andere Wirtschaftsformen zu verdrängen
und Monostrukturen zu bilden.
- Touristische Investitionen -
wenn sie denn von den EL gewünscht würden - könnten auch vom
Privatsektor getragen werden (Subsidiaritätsprinzip). (BMZ
1993, STECK et al. 1998).
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Systematische
Geringschätzung
Diese Argumentation ist - trotz teilweiser Differenzierungen - auch
heute noch vorherrschend, und zwar nicht nur in der deutschen EZ,
sondern auch in anderen EZ-Organisationen wie etwa der Weltbank oder der
staatlichen amerikanischen Organisation USAID. Auch wenn die o.g.
Argumente nicht von der Hand zu weisen sind, wird doch das globale
wirtschaftliche Potenzial von Tourismus bei weitem unterschätzt oder
nicht zur Kenntnis genommen, seine Auswir-kungen undifferenziert negativ
beurteilt. Dabei wird leicht übersehen, dass die konventionelle
Tourismusförderung durch die EZ-Organisationen auch kaum dazu
beigetragen hat, negative Folgewirkungen von vorneherein zu vermeiden
bzw. positive Effekte aktiv zu unterstützen. Etwas naiv hatte man
gehofft, dass diese quasi von allein eintreten würden. Das Leitbild
nachhaltiger Entwicklung existierte zu diesem Zeitpunkt noch nicht bzw.
alternative Tourismuskonzepte wie der "sanfte" oder
"integrierte" Tourismus hatten die EZ-Organisationen noch
nicht erreicht.
Erstaunlich ist dabei, wie umstandslos hier Positionen einer radikalen
Tourismuskritik hinsichtlich der Auswirkungen von Dritte-Welt-Tourismus
übernommen wurden. Würde man dieselbe Messlatte an andere Zweige der
Weltwirtschaft (Agrarwirtschaft, Industrie usw.) anlegen, die ebenfalls
von Umweltzerstörung, Ausbeutung, Abhängigkeit etc. gekennzeichnet
sind, und diese dann ebenfalls nicht mehr fördern, dann bliebe den EL
nur noch der Rückzug in eine autozentrierte Entwicklung ohne Verbindung
zum Weltmarkt - was von niemandem ernsthaft gefordert wird. Damit findet
sich in der EZ eine ähnlich systematische Geringschätzung des
Tourismus wie schon im traditionell konservierenden Naturschutz, obwohl
die EZ per se sehr viel stärker ökonomisch ausgerichtet ist als der
Naturschutz.
Eine Erklärung hierfür ist möglicherweise in der jahrzehntelangen
Ausrichtung der EZ auf primäre und sekundäre Wirtschaftssektoren
(Land- und Forstwirtschaft, Industrie und Hand-werk, technische Großprojekte)
zu suchen, die sich wiederum in den entsprechenden in der EZ tätigen
Berufsgruppen (Agrar- und Forstwirte, Ingenieure) und deren
systemspezifischen Denkstrukturen widerspiegelt. Moderne
Dienstleistungen, vor allem wenn sie sich auf den Freizeitbereich
beziehen, erscheinen diesen Gruppen tendenziell als wenig substantiell
bis unseriös. Hinzu kommt bei den interkulturell geübten und
reiseerfahrenen EZ-MitarbeiterInnen häufig eine gehörige Portion
Verachtung den vergleichsweise unbeholfen wirkenden Urlaubs-touristInnen
gegenüber ("Die Touristen sind immer die anderen." - SCHÜßLER
1998). Ein dritter Faktor könnte schließlich die Berufsgruppe der
Ethnologen und KulturwissenschaftlerInnen in der EZ sein, die dazu
neigen, sozio-kulturelle Modernisierungsprozesse in den EL sehr kritisch
zu beurteilen und daher auch dem Tourismus mit seinem hohen
Akkulturationspotenzial oft ablehnend gegenüberstehen - nicht selten
als selbst ernannte FürsprecherInnen der lokalen Bevölkerung (STRONZA
1999, STOCK 1999).
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Gegen
kontraproduktive Abstinenz
Mittlerweile wächst aber auch in der EZ (in Deutschland wie auch bei
anderen bi- und multi-lateralen Gebern) die Einsicht, dass eine weitere
Abstinenz in Sachen Tourismus möglicher-weise kontraproduktiv ist. Man
hat teilweise erkannt,
-
dass Tourismus
weltweit zu einem der wichtigsten Wirtschaftszweige geworden ist,
der auch für viele EL von Bedeutung ist;
-
dass eine
pauschale Ablehnung von Dritte-Welt-Tourismus diesem keinen Abbruch
tut - ganz im Gegenteil. Man hat nur dem Privatsektor, den EL-Eliten
und einigen anderen EZ-Organisationen (wie der EU oder der
International Finance Corporation) das Feld überlas-sen, die den
Nachhaltigskeitsaspekt oft weit weniger berücksichtigt haben (POON
1996, HONEY 1999);
-
dass die EL
der Unterstützung durch die EZ bedürfen, um die beklagten
negativen Effekte von Tourismus zu vermeiden und eine nachhaltige
Tourismusentwicklung einleiten zu können;
-
dass Tourismus
viele andere EZ-Arbeitsfelder berührt (z.B. Förderung der
Privatwirt-schaft, Naturschutz, ländliche Regionalentwicklung) und
deren Ziele unter günstigen Umständen sogar unterstützen kann;
-
dass
kontrollierter Tourismus von den Counterparts und der lokalen Bevölkerung
fast immer gewollt ist.
(STECK et al. 1998).
Ob es einem gefällt
oder nicht, an Tourismus kommt man heute kaum noch vorbei. Das bedeu-tet
nicht, dass man deshalb in die alten Fehler der konventionellen
Tourismusförderung zurück-fallen muss - ganz im Gegenteil. Diese
Erkenntnis hat allerdings bisher zu keinem konkreten Niederschlag beim
Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
(BMZ) oder den Durchführungsorganisationen geführt, sei es in Form
eines umfassenden entwicklungspolitischen Leitbildes oder der Allokation
von Fachpersonal und finanziellen Mitteln für die Tourismusförderung.
Darüber können auch hastig zusammengeschriebene Dokumente des BMZ,
etwa für die diesjährige Sitzung der Commission on Sustainable
Development, nicht hinwegtäuschen.
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Aktivitäten
auf Projektebene
Trotz dieses Mankos auf der entwicklungspolitischen Ebene hat sich
Tourismusförderung jedoch interessanterweise in diversen Fällen auf
der Projektebene bei den Durchführungs-organisationen GTZ (Gesellschaft
für technische Zusammenarbeit), der KfW (Kreditanstalt für
Wiederaufbau) und dem DED (Deutscher Entwicklungsdienst)
"eingeschlichen". Hierbei handelt es sich vor allem um Öko-/Naturtourismus,
der als eine von mehreren Komponenten in den "grünen"
Bereichen Naturschutz, Waldwirtschaft und ländliche Regionalentwicklung
eine Rolle spielt (KASPAREK 1998).
Über die Nische Öko-/Naturtourismus hinausgehende Tourismusförderung
wird vereinzelt noch vom Centrum für Internationale Migration (CIM;
integrierte Experten in EL-Tourismus-institutionen), von der Deutschen
Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG; Bereit-stellung von
Krediten zum Bau von Hotels), dem Bundeswirtschaftsministerium (diverse
Tourismusprojekte in Reformstaaten Osteuropas) sowie im Rahmen des
BMZ-Programms "Förderung betrieblicher Ausbildungsmaßnahmen in
EL" geleistet. Vor kurzem sind auch bei der GTZ drei reine
Tourismusprojekte in Palästina, Mittelamerika und Bulgarien angelaufen (DEUTSCHER
BUNDESTAG 1997, KASPAREK 1998, JENSEN 1999).
Die zunehmende Bedeutung von Tourismus in den Projekten und in der
internationalen Dis-kussion um nachhaltige Entwicklung und den Schutz
der Biodiversität war der Anlass, einige Studien zum
entwicklungspolitischen Potenzial von Tourismus in Auftrag zu geben, nämlich
das Forschungsvorhaben "Ökotourismus als Instrument des
Naturschutzes?" (AGÖT 1995) und den Leitfaden "Tourismus in
der Technischen Zusammenarbeit" (STECK et al. 1998).
Diese Studien befassten sich allerdings fast ausschließlich mit der
Marktnische Öko-/Naturtourismus.
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Fehlende sektorübergreifende Koordination
Zwischen den verschiedenen Tourismusprojekten (bzw. denen mit
Tourismuskomponente) gibt es praktisch keinerlei Erfahrungsaustausch und
keinen zentralen Ansprechpartner in den beteiligten EZ-Organisationen.
So bleiben tendenziell der ökologische/soziale und der wirtschaftliche
Nachhaltigkeitsaspekt bei der Tourismusförderung voneinander
abgekoppelt:
-
Auf der einen
Seite ist der "grüne" Bereich für Ökotourismus zuständig.
Aus seiner Systemlogik heraus betont er dabei vor allem den Aspekt
der Umweltverträglichkeit und den der lokalen Partizipation, während
die Wirtschaftlichkeit der Projekte vernachlässigt wird.
-
Auf der
anderen Seite kümmern sich die für Wirtschaftsförderung zuständigen
EZ-Organisationen (wenn auch nur punktuell) um den
"eigentlichen" Tourismus - mit teilweise deutlich höheren
Fördersummen. Auch wenn diese Projekte offiziell mit den
entwicklungs-politischen Zielen der Armutsbekämpfung und des
Umweltschutzes abgeglichen werden, so stehen doch finanzielle und
privatwirtschaftliche Aspekte im Vordergrund. Best practice-Ansätze
werden dabei nur selten gefördert.
-
Vereinzelte
Ansätze einer sektorübergeifenden Koordination der Tourismusförderung
(z.B. in Form gelegentlicher Fachgespräche) beruhten auf
individuellen Initiativen und scheiterten bisher am fehlenden
politischen Willen des BMZ, in diesem Bereich nicht nur "unter
der Hand", sondern explizit (d.h. mit einem Zielsystem und
einer koordinierten Förderpolitik) tätig zu werden. Neuere
Entwicklungen im Bereich der multilateralen EZ (z.B. Seminar der
Eco-tourism Society mit der Weltbank und der Interamerican
Development Bank) deuten jedoch darauf hin, dass sich mittelfristig
eine gleichzeitig professionelle und an Nachhaltigkeitsgrund-sätzen
orientierte Förderpolitik zumindest im Bereich Ökotourismus
etablieren könnte. Ob diese dann eventuell Vorbildfunktion für den
konventionellen Strandtourismus haben wird, muss sich aber erst noch
erweisen.
Unveröffentliches
Manuskript, Vortrag gehalten auf dem Seminar „Nachhaltiger Tourismus
oder nachhaltige Tourismuskritik", 12.-14. November 1999 in Vlotho.
Adresse des Autors:
Dipl. Ing. Wolfgang Strasdas
Palmstr. 13
D-80469 München
Tel: *49-89-201 5115
Fax: *49-89-863 2971
e-mail: StrasdasW@aol.com
Mit freundlicher Genehmigung von FernWeh
Literatur:
AGÖT (Arbeitsgruppe Ökotourismus) (1995): Ökotourismus als Instrument
des Natur-schutzes? - Möglichkeiten zur Erhöhung der Attraktivität
von Naturschutzvorhaben. Forschungsberichte des Bundesministeriums für
wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Weltforum Verlag, Köln
BMZ (Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung) (Hg.) (1993): Tourismus in Entwicklungsländer. Erarbeitet
von: P. Aderhold, D. von Laßberg, M. Stäbler, A. Vielhaber. Reihe
Entwicklungspolitik materialien, Nr. 88, Bonn
DED (Deutscher Entwicklungsdienst) (1998): Tourismus und Entwicklung.
ded Brief, Zeit-schrift des Deutschen Entwicklungsdienstes, Nr. 1/98, März
1998
DEUTSCHER BUNDESTAG (1997): Internationaler Tourismus (Teile 1 bis 3).
Antwort der Bundesregierung auf die Kleinen Anfragen der Abgeordneten
Halo Saibold, Gila Altmann (Aurich), Michaele Hustedt, weiterer
Abgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN. Drucksache
13/7321, 24.03.97
HONEY, M. (1999): Ecotourism and Sustainable Development - Who Owns
Paradise? Island Press, Washington, D.C.
JENSEN, D. (1999): Dornige Rosen (Projektpanorama). In: akzente 4/99 -
aus der Arbeit der gtz
KASPAREK, M. (1998): Tourismusförderung in Vorhaben der deutschen
Entwicklungs-zusammenarbeit. Beispiele aus der Projektarbeit der GTZ und
anderer Durchführungs-organisationen. In: RAUSCHELBACH 1998
POON, A. (1996): Synthesis of Evaluations of Tourism Projects &
Programmes, Africa, Caribbean, Pacific. Final report on behalf of the
Commission of the European Union, November 1996
RAUSCHELBACH, B. (Hg.) (1998): (Öko-) Tourismus: Instrument für eine
nachhaltige Entwicklung? Tourismus und Entwicklungszusammenarbeit. Max
Kasparek Verlag, Heidelberg
SCHÜSSLER, A. (1998): Die Touristen sind immer die anderen. In: DED
1998
STECK, B. / STRASDAS, W. / GUSTEDT, E. (1998): Tourismus in der
Technischen Zusammenarbeit. Ein Leitfaden zur Konzeption, Planung und
Durchführung von projekt-begleitenden Maßnahmen in der ländlichen
Entwicklung und im Naturschutz. GTZ, Eschborn
STOCK, C. (1999): Reise in die Vergnügungsperipherie - Die
Tourismuskritik und die Dritte Welt. In: blätter des
informationszentrums 3.welt, Ausgabe 241, November 1999
STRONZA, A. (1999): Learning Both Ways - Lessons from a Corporate and
Community Ecotourism Collaboration. In: Cultural Survival Quarterly,
Protecting Indigenous Culture and Land through Ecotourism. A special
issue in collaboration with The Ecotourism Society, Summer 1999 |