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Material 7

Kurzfassung in Kernaussagen

Dimensionen, Perspektiven und Wirkungen des Entwicklungsländer-Tourismus

  • Der Tourismus in Entwicklungsländer hat auch in den neunziger Jahren weiter zugenommen. Nach Angaben der Welttourismusorganisation (WTO) stiegen die in Entwicklungsländern registrierten ausländischen Touristenankünfte zwischen 1990 und 1998 um 46%: von 130 Mio. auf 190 Mio. 1998 entfallen ca. 30% der weltweiten internationalen Touristenankünfte auf die Entwicklungsländer (1978: 11%; 1990: 28%). In jedem dritten Entwicklungsland ist der Tourismus die Haupteinnahmequelle für Devisen. Bereits 1990 wurden in den Entwicklungsländern 3,6 Mio. Touristenankünfte von Urlaubs- und Geschäftsreisenden aus der Bundesrepublik Deutschland registriert, 1998 waren es 6,3 Mio. Dies entspricht einer Steigerung um 73%. Anfang des 21. Jahrhunderts wird mit weiteren Zuwächsen des Entwicklungsländer - Tourismus gerechnet.
  • Im Jahr 1999 haben 5,5 Mio. Deutsche (ab 14 Jahre) ihre Haupturlaubsreise in ein Entwicklungsland unternommen (Anfang der achtziger Jahre waren es 0,8 Mio.(Anfang der neunziger 2,4 Mio.). Zwischen Anfang und Ende der neunziger Jahre hat sich die Zahl der deutschen Entwicklungsländer - Urlauber fast verzweieinhalbfacht. 1999 machten ca. 3,1 Mio. Deutsche Urlaub in den nahe gelegenen Entwicklungsländern des Mittelmeerraumes (Türkei, Ägypten, Tunesien, Marokko etc.). 2,4 Mio. wählten ein fern gelegenes Entwicklungsland. Im Januar 2000 verfügten bereits 27% der Deutschen ab 14 Jahren (17 Mio. Personen) über Urlaubsreiseerfahrung in mindestens einem Entwicklungsland (Anfang der Achtziger: 5,8%; Anfang der Neunziger: 20%). Die größte Reiseerfahrung entfällt dabei auf die Türkei: 14% der Bundesbürger (knapp 9 Mio.) waren bereits im Urlaub dort.
  • Es ist zu erwarten, dass die Zahl deutscher Urlauber, die in Entwicklungsländer reisen, auch in den kommenden Jahren weiter zunimmt. Das Marktpotenzial für Entwicklungsländer - Tourismus ist Anfang 2000 (bezogen auf einen Realisierungszeitraum von drei Jahren) mit 18 Mio. Personen mehr als doppelt so groß wie Ende der achtziger Jahre.
  • In der Alters- und Bildungsstruktur deutscher Entwicklungsländer - Reisender haben sich Veränderungen ergeben: Anteilsmäßig ist eine Verschiebung hin zu mittleren bzw. älteren Altersgruppen erkennbar - ebenso zu Gruppen mit mittlerer und niedriger formaler Bildung. Sie zeigen überproportionale Zuwächse (diese Veränderungen zeigen sich auch in den Entwicklungsländer - Potenzialen). Die Zuwächse dürften nicht zuletzt ihre Ursache in Niedrigpreisen auf der Angebotsseite haben, von denen sich z.B. Personen aus mittleren und unteren Bildungs- und Einkommensschichten besonders angesprochen fühlten.
  • Urlaubsreisen aus den Industriestaaten in die Entwicklungsländer sind in den neunziger Jahren nicht nur volumenmäßig weiter angestiegen. Auch die von ihnen (mit-)verursachten Probleme sind deutlicher und zum Teil gravierender geworden (Sextourismus, Kinderprostitution, Umweltschädigungen etc.). Auch in dieser Dekade wurde versucht, gewonnene Erkenntnisse über Chancen und Risiken, über positive und negative Wirkungen des Entwicklungsländer - Tourismus zunehmend konstruktiv in die Praxis umzusetzen. Fehlentwicklungen sowie Ansätze für einen nachhaltigeren Tourismus haben Parteien, Parlamente sowie Regierungen beschäftigt, bis hin zur internationalen Ebene auf Weltkonferenzen, in Welttourismusorganisationen und innerhalb der Vereinten Nationen. Die Tourismusindustrie gab eine Reihe von Selbstverpflichtungen ab, an der konkreten Umsetzung hapert es meistens noch. Es wird in Zukunft vermehrt darum gehen, darauf zu achten, ob bei den touristischen Anbietern der überzeugende Wille besteht, die gemachten Aussagen und Versprechen nachhaltig umzusetzen. Vor allem kleine und mittelständische Unternehmen im Norden und im Süden versuchen inzwischen, mit nachhaltigeren, häufig modellhaften Projekten Verbesserungen zu bewirken.
  • Die Ursachen für negative Wirkungen des Tourismus in Entwicklungsländern sind vielfältig. Sie liegen u.a. in den bisher zu einseitig auf ökonomischen Nutzen gerichteten Aktivitäten des internationalen Wirtschaftszweigs Tourismus - bei gleichzeitiger Vernachlässigung sozialer, kultureller und ökologischer Aspekte. Sie liegen zum Teil in den Informationsdefiziten der Reisenden über die Alltagsrealitäten dieser Länder und über die daraus zu ziehenden Konsequenzen für ein verantwortliches Reiseverhalten. Sie sind aber auch begründet in den Dimensionen und Strukturen des internationalen Massentourismus, in zum Teil fragwürdigen Reiseangeboten und in der Unverträglichkeit mancher touristischer Urlaubsformen.

Einschätzungen und Verbesserungsvorschläge deutscher Reiseveranstalter

  • Eine Ende 1999 vom Studienkreis für Tourismus und Entwicklung - gemeinsam mit dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung - durchgeführte Expertenbefragung bei deutschen Reiseveranstaltern hat ergeben, dass die Reiseveranstalter - im Vergleich zu früheren Befragungen - im Hinblick auf die Problembereiche des Entwicklungsländer - Tourismus stärker sensibilisiert sind. Neben positiven Wirkungen im wirtschaftlichen Bereich (Deviseneinnahmen, Schaffung von Arbeitsplätzen, Ausbau von Infrastruktur etc.) werden von allen Befragten negative Auswirkun- gen auf die touristischen Zielländer des Südens wahrgenommen und unmissverständlich benannt. Deutlich im Vordergrund stehen hier die soziokulturellen Beeinträchtigungen der "gastgebenden" Bevölkerung (u.a. durch Sextourismus und Kinderprostitution, kulturelle Verfremdung, Identitätsverlust und Verwestlichung), gefolgt von negativen Auswirkungen des Tourismus auf die natürliche Umwelt der Zielgebiete. Schädigungen der Natur und Umwelt haben dabei klar an Bedeutung gewonnen. Auch wird der Mangel an nachhaltigen touristischen Konzeptionen beklagt und eine Erhöhung der Kluft zwischen Arm und Reich gesehen.
  • Die befragten Reiseveranstalter erwarten von sich selbst vor allem Verbesserungen im Bereich der Information und Aufklärung von Touristen vor und während der Reise: zur Förderung eines angepassteren und sensibleren Reiseverhaltens. Ein großer Teil sieht die Notwendigkeit einer Qualifizierung der Reiseangebote zum besseren Kennenlernen von Land und Leuten, z.B. durch Begegnungsprogramme; ein Teil plädiert für den verstärkten Einsatz einheimischer Reiseleiter sowie für eine stärkere ökonomische Partizipation der Einheimischen und die Erhöhung der Wertschöpfung in den Zielgebieten. Viele fordern eine stärkere Berücksichtigung von Hotels und anderen Leistungsträgern, die sich an Umweltstandards halten.
  • Von den touristischen Zielländern des Südens erwarten die Reiseveranstalter die Förderung einer nachhaltigen, sozialverantwortlichen und umweltverträglicheren Tourismusentwicklung und entsprechender Projekte, u.a. durch strenge Umweltauflagen bei Hotelbau und -führung und deren Kontrolle sowie durch Mitentscheidung der Einheimischen bei Fragen touristischer Entwicklung. Plädiert wird auch für eine bessere Ausbildung der im Tourismus Beschäftigten.
  • Nach Ansicht der Reiseveranstalter sollten Touristen durch angepasstes, respektvolles Urlaubsverhalten sowie durch erkennbares Interesse an Land und Leuten zum Abbau von Fehlentwicklungen beitragen. Zur Verbesserung ökonomischer Verteilungseffekte schlägt ein Teil der Veranstalter die verstärkte Nutzung einheimischer Angebote seitens der Urlauber vor.
  • Die Reiseveranstalter halten die Förderung von nachhaltigen Tourismusformen und -projekten sowie die Verstärkung der allgemeinen Informationsarbeit und Urlaubersensibilisierung für eine Aufgabe der deutschen Bundesregierung. Plädiert wird auch für eine stärkere Kooperation der Bundesregierung mit den Regierungen der Entwicklungsländer, wenn es um Fragen des Tourismus und der Verhinderung bzw. dem Abbau von Fehlentwicklungen geht.
  • Als allgemein gerechtfertigt erscheinen den Reiseveranstaltern u.a. Forderungen und Aktionen zur Förderung der Sensibilisierung und Aufklärung der Urlauber, zur harten Bestrafung von Sextouristen, zur Verbesserung der Partizipation der einheimischen Bevölkerung an touristischer Entwicklung, zu einem Dialog mit den Akteuren in den Zielgebieten. Als ungerechtfertigte Forderungen werden u.a. angesehen: die Erhaltung einer "heilen" Welt in den Zielgebieten zur Befriedigung touristischer Klischees - aber auch die Übertragung von deutschen Moralstandards und Wertvorstellungen auf die Tourismusregionen in den Entwicklungsländern.
  • Im Vergleich zur letzten Reiseveranstalterbefragung Anfang der neunziger Jahre fällt auf, dass Maßnahmen, die gerichtet sind auf eine Qualifizierung der Reiseangebote und der Menschen, die in den Zielländern im Tourismus tätig sind, von den Veranstaltern heute deutlich häufiger als notwendig angesehen werden - ebenso die verstärkte Partizipation der einheimischen Bevölkerung an Entscheidungsprozessen bzw. am ökonomischen Nutzen des Tourismus.
  • Vor dem Hintergrund weiter gestiegener und zukünftig weiter steigender Touristenzahlen in den Entwicklungsländern und einer möglichen Verschärfung der damit einhergehenden Probleme sozialer, kultureller und ökologischer Art, lassen die Ergebnisse der Reiseveranstalterbefragung erneut einen deutlichen Handlungsbedarf erkennen. Es wird darum gehen, sich verstärkt dafür einzusetzen, dass verträglichere Formen touristischer Entwicklung auf den Weg gebracht werden. Dazu bedarf es kulturell angepasster, sozialverantwortlicher und umweltverträglicherer, partizipatorischer Entwicklungskonzepte und Angebotsformen. Sie müssen sich unter marktwirtschaftlichen Bedingungen bewähren und geeignet sein, auf breiter Ebene Akzeptanz und Anwendung zu finden.

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Eingerichtet: 15.06.01

Modifiziert: 14.10.03