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Statt Milchtröpfchen
sollen Eine Kehrtwendung um 180 Grad vollzog Christel Jeschke, Vorsitzende der Hilfsorganisation "Ein Tröpfchen Milch". Zwölf Jahre unterstützte die Organisation soziale Projekte in Marokko, sammelte 25 Millionen Mark Spendengelder. Kürzlich löste Jeschke ihre Hilfsorganisation auf und setzt seitdem nur noch auf Tourismus als Entwicklungshilfe. HOFHEIM.
Die Geschichte ist eine Erfolgsstory: Christel Jeschke, Übersetzerin,
Hausfrau und Mutter von drei Kindern, reiste 1984 nach Marokko. Dort
sah sie in einem Haus für Findelkinder "Babies, die zu sechst in
einem Bett lagen und teilweise ihren eigenen Kot aßen.
Entsetzlich." Die Reisende beschloss, aktiv zu werden, wollte von
Deutschland aus Pakete in das Findelhaus schicken. Eine Journalistin
schrieb darüber, der Wiesbadener Oberbürgermeister Achim Exner
stellte Christel Jeschke "das halbe Lager der aufgelösten städtischen
Kinderkliniken" zur Verfügung. Und das soll alles nichts gewesen sein? Christel Jeschke sieht das Problem, dass viele der sozialen Einrichtungen wieder geschlossen werden, weil "Ein Tröpfchen Milch" für die Folgekosten nicht aufkommt. In einem Brief an ehemalige Spenderinnen und Spender kommt sie zu dem Schluss, ein wesentliches Problem sei durch die Hilfe ungelöst geblieben: die Arbeitslosigkeit. Wichtig sei Arbeit nicht nur, "um Armut vor Ort zu bekämpfen, sondern auch um das Anschwemmen mittelloser Menschen aus Afrika an Europas Küsten einzudämmen und ihnen in ihrer angestammten Heimat zu einem lebenswerten Dasein verhelfen." "Arbeit durch Tourismus", heißt Jeschkes neues Zauberwort und: "Die Reise als Spende". Individualreisen zu den Themen "Wüste pur", Wandern im Hohen Atlas", "Wüstenheiler - traditionelle Medizin" oder "Reise für Körper und Sinne einschließlich Schönheitsfarm" veranstaltet Jeschke seit Jahresbeginn gemeinsam mit der in Agadir ansässigen Reiseagentur Bovoyages. "Durch die
Wüste ziehen mit Karawanen, das läuft alles schon, die ganze
Infrastruktur ist schon vorhanden", sagt ein Mitarbeiter der
Arbeitsstelle der katholischen Kirche für christlich-islamischen
Dialog. Und auch der Geograph Christian Stock beurteilt es als
"problematisch", allein auf den Tourismus zu setzen. Stock
befasst sich seit 20 Jahren mit dem Thema Tourismus in Entwicklungsländern
und wird demnächst für das Informationszentrum Dritte Welt in
Freiburg ein Buch zum Thema herausgeben. Stock weist auf eine ganze
"Palette von Problemen" hin, die durch Tourismus entstehen.
Eines davon ist die Saisonalität der Arbeitsplätze: Nach Marokko
reisen Touristen im Winter und vielleicht noch an Ostern, im Sommer
ist es ihnen zu heiß. "Die Leute werden also nicht rund ums Jahr
eine feste Stelle haben können", sagt Stock. ©
Frankfurter Rundschau vom 13.3.1997) |
| Eingerichtet: 15.06.01 |
Modifiziert: 14.10.03 |