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Statt Milchtröpfchen sollen
Touristenströme nach Marokko fließen

Hofheimer Hilfsorganisation durch Reisebüro ersetzt /
Jeschke setzt auf "Reise als Spende / Experten äußern Bedenken

Von Susanne Hoerttrich

Eine Kehrtwendung um 180 Grad vollzog Christel Jeschke, Vorsitzende der Hilfsorganisation "Ein Tröpfchen Milch". Zwölf Jahre unterstützte die Organisation soziale Projekte in Marokko, sammelte 25 Millionen Mark Spendengelder. Kürzlich löste Jeschke ihre Hilfsorganisation auf und setzt seitdem nur noch auf Tourismus als Entwicklungshilfe.

HOFHEIM. Die Geschichte ist eine Erfolgsstory: Christel Jeschke, Übersetzerin, Hausfrau und Mutter von drei Kindern, reiste 1984 nach Marokko. Dort sah sie in einem Haus für Findelkinder "Babies, die zu sechst in einem Bett lagen und teilweise ihren eigenen Kot aßen. Entsetzlich." Die Reisende beschloss, aktiv zu werden, wollte von Deutschland aus Pakete in das Findelhaus schicken. Eine Journalistin schrieb darüber, der Wiesbadener Oberbürgermeister Achim Exner stellte Christel Jeschke "das halbe Lager der aufgelösten städtischen Kinderkliniken" zur Verfügung.
Die resolute Frau gründete einen Verein, lernte von ihrem Sohn Lastwagenfahren, schaffte Brutkästen und anderes dringend benötigtes Material von Deutschland nach Afrika. Jeschke: "Ich engagierte mich immer mehr und entwickelte das Prinzip der Verdreifachung der Spendenmark." Das bedeutet, ein Drittel der Spenden brachte "Ein Tröpfchen Milch" auf, ein weiteres Drittel potente Partner vor Ort wie Lions Club oder Rotary, das letzte Drittel die marokkanische Regierung. Auf diese Weise wurden in Rabat und Tanger drei neue Findelhäuser gebaut. Jeschke konzentrierte sich anschließend auf die Sahararegion, um der Abwanderung der Bevölkerung in die Slums der großen Städte Einhalt zu gebieten. Kleine Krankenhäuser, Schülerwohnheime, Werkstätten und Ausbildungszentren entstanden dort mit deutschem Spendengeld. Dörfer erhielten Strom und Wasser, außerdem geländegängige Fahrzeuge zum Transport von Kranken, Behinderten, aber auch von Wasser, Gemüse und Müll. Behinderte erhielten Gehhilfen. Mittels ausrangierter Computer und Drucker aus der Verwaltung des Main-Taunus-Kreises bekamen 30 taubstumme Mädchen und Jungen eine Ausbildung, Wiesbadener spendeten für eine rollende Augenklinik in der Provinz Tata, nahe der algerischen Grenze.

Und das soll alles nichts gewesen sein? Christel Jeschke sieht das Problem, dass viele der sozialen Einrichtungen wieder geschlossen werden, weil "Ein Tröpfchen Milch" für die Folgekosten nicht aufkommt. In einem Brief an ehemalige Spenderinnen und Spender kommt sie zu dem Schluss, ein wesentliches Problem sei durch die Hilfe ungelöst geblieben: die Arbeitslosigkeit. Wichtig sei Arbeit nicht nur, "um Armut vor Ort zu bekämpfen, sondern auch um das Anschwemmen mittelloser Menschen aus Afrika an Europas Küsten einzudämmen und ihnen in ihrer angestammten Heimat zu einem lebenswerten Dasein verhelfen."

"Arbeit durch Tourismus", heißt Jeschkes neues Zauberwort und: "Die Reise als Spende". Individualreisen zu den Themen "Wüste pur", Wandern im Hohen Atlas", "Wüstenheiler - traditionelle Medizin" oder "Reise für Körper und Sinne einschließlich Schönheitsfarm" veranstaltet Jeschke seit Jahresbeginn gemeinsam mit der in Agadir ansässigen Reiseagentur Bovoyages.

"Durch die Wüste ziehen mit Karawanen, das läuft alles schon, die ganze Infrastruktur ist schon vorhanden", sagt ein Mitarbeiter der Arbeitsstelle der katholischen Kirche für christlich-islamischen Dialog. Und auch der Geograph Christian Stock beurteilt es als "problematisch", allein auf den Tourismus zu setzen. Stock befasst sich seit 20 Jahren mit dem Thema Tourismus in Entwicklungsländern und wird demnächst für das Informationszentrum Dritte Welt in Freiburg ein Buch zum Thema herausgeben. Stock weist auf eine ganze "Palette von Problemen" hin, die durch Tourismus entstehen. Eines davon ist die Saisonalität der Arbeitsplätze: Nach Marokko reisen Touristen im Winter und vielleicht noch an Ostern, im Sommer ist es ihnen zu heiß. "Die Leute werden also nicht rund ums Jahr eine feste Stelle haben können", sagt Stock.
Ein weiterer Nachteil: Die Abhängigkeit von der Nachfrage. Vor allem Deutsche und Franzosen fahren in das afrikanische Land, weiß Stock. Wenn ein anderes Reiseziel attraktiver wird oder politische Unruhen das Land erschüttern, schlägt das unmittelbar auf die Arbeitsplätze durch. Wer Obst oder Gemüse anbaut oder als Handwerker Gegenstände herstellt, ist von solchen Schwankungen hingegen weniger betroffen. Stock hält daher eine Mixtur aus verschiedenen Standbeinen für günstig, keinesfalls aber die Monostruktur Tourismus.
Er weist auch auf die Konkurrenz von Ferienzielen hin. Der Markt ist nicht unbegrenzt groß: "Immer mehr Leute wollen ein Stück vom Kuchen abhaben." Billigangebote setzen sich durch, während Projekttourismus eher im "Hochpreismarkt angesiedelt ist, der begrenzt ist."

© Frankfurter Rundschau vom 13.3.1997)
Mit freundlicher Genehmigung des Verlages

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Modifiziert: 14.10.03