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Ökoreisen...
...und die Welt wird grüner?

Der Tourismus verklärt die Natur, ob als Wildnis oder Ware

Der Ferntourismus kultiviert eine Wahrnehmung, die auf Exotik ausgerichtet ist. Das gilt nicht nur für Palmen vor türkisfarbenem Ozean oder Akazien vor glutrotem Horizont. Auch die "speertragenden Massai" in der Hochglanzwelt der Reiseführer oder den multimedialen Diashows erfahrener Globetrotter pflegen die Vorstellungen von einer "wunderbaren wilden" Welt. Ob Safariwalking oder Tauchen im urweltlichen Korallenriff, den Touristlnnen werden intensive Erfahrungen in "Extremlandschaften der Erde" versprochen. Die Umweltbelastung gerade durch den Naturtourismus, die vielerorts gravierend, wenngleich oftmals sehr schleichend ist, trifft Mensch und Natur gleichermaßen.

Jeden Morgen die gleiche Szene: junge Madagassen sitzen am Strand vor aufgehender Sonne auf einem Einbaum, den Blick erwartungsvoll auf die Hütten der Backpacker gerichtet. Dem romantischen Kitsch ihrer Silhouetten kann sich kaum ein Fotoapparat entziehen. Doch das Warten auf Kundlnnen, die zum Tauchen und Fischen mit ans Riffpaddeln, ist eine trügerische Idylle. Von der miesen Bezahlung für den Job einmal ganz abgesehen, scheint der Tauch- und Schnorcheltourismus ein Wettlauf mit der Zeit. Das Riff, das entlang Tausender von Kilometern die ostafrikanischen Küsten vor der grabenden Kraft der Wellen des Indischen Ozeans schützt, bröckelt. Die Korallen haben ihr Wachstum mancherorts quasi eingestellt. Meeresverschmutzung wird als wenig präzise Ursache angegeben. Die vielen Millionen Tonnen Korallenriff, die als Baumaterial in Hotelmauern deplaziert wurden, erlauben den Wellen nun an vielen Stellen den Durchbruch. Öl, Abfall, Schlamm und ungeklärtes Abwasser aus Hotel anlagen und Industrie tragen zum Korallensterben bei.
Die Folgen eines zerstörten Riffs sind laut Prognosen drastisch: im schlimmsten Fall würde der ganze ostafrikanische Küstenstreifen, von Mosambik bis nach Somalia, komplett verwüstet, weggerissen und ins Meer gespült - samt der Reisfelder in Flussmündungen, der Kokoshaine und Cashewnussplantagen, von Dörfern und Inseln ganz zu schweigen. Die gesamte Landwirtschaft, wichtigste Einkommensquelle der Bevölkerung, ginge baden. Und ohne Riff ist der Fischreichtum im Küstenwasser so nicht denkbar.

Korallen in Erdöl

Sicher, das Schnorcheln an sich tut den Korallen kaum weh. Doch die Reise von Europa nach Afrika hat mit dem Riffsterben durchaus etwas zu tun. Tanker, nicht immer die neuesten Modelle, schiffen das Öl in die Häfen von Mombasa und Dar es Salaam, Treibstoff für den zunehmenden Straßen- und Luftverkehr. Und der ist zumindest in Kenia ganz erheblich dem Tourismus zuzuschreiben. Die kilometerlangen Hotelketten an den kenianischen Stränden trüben mit ihren Abwässern das Meerwasser. Die Algen wuchern, während den Korallen die Luft ausgeht. Neben den vor Ort erzeugten schädlichen Stoffen werden globale Klimaveränderungen als Mitverursacher des Riffsterbens angegeben. Und die Belastung der Atmosphäre mit klimaschädigenden Gasen ist ganz erheblich dem Flugverkehr zuzuschreiben, der wiederum zur Hälfte auf den Tourismus entfällt. Da erscheint das illegale »Korallenpflücken« der Beachboys, die durch den Verkauf an Souvenirbuden auf einen Nebenverdienst hoffen, für den Fortbestand der Riffe unerheblich.
Auch die Bevölkerung an Kenias Küsten verbraucht natürlich Wasser, baut Häuser und produziert Müll. Besonders bei sehr komplexen Ökosystemen wie dem Riff gibt es keinen allein verantwortlichen Auslöser der Katastrophe. Nichts ist eindeutig. Jeder scheint mit schuldig zu sein. Dabei wird ein wichtiger Unterschied verwischt. Die einen verursachen ihren Anteil an der Meeresverschmutzung aus rein freizeitlichem Vergnügen, die anderen haben aufgrund von Mittellosigkeit keine andere Wahl. Die Bevölkerung kann sich weder Kläranlagen noch Solarstrom leisten. Und der Tourismus, der wahrscheinlich das Fass erst zum Überlaufen brachte und bringt, weist alle Verantwortung von sich und verweist auf nicht-ökologische Lebens- und Wirtschaftsweisen der lokalen Bevölkerung.

Safaridollars für den Naturschutz?

Tourismus gilt als Kenias wichtigster Devisenbringer. Ohne die Tauch- und Safaridollars seien die vielen Nationalparks im Land gar nicht zu finanzieren, heißt es. Tourismus als unverzichtbares Mittel, um die Natur zu schützen? Dass die Einnahmen aus dem Parkbesuch den ökologischen Schaden des Riffsterbens und folglich die wirtschaftlichen Verluste einer geschädigten Landwirtschaft und Fischerei nicht wettmachen können, ist eigentlich offensichtlich. Gerade die berühmten Safariparks sind ein Beispiel dafür, wie sowohl innerhalb als auch außerhalb der künstlich geschaffenen Naturschutzinseln das Land vom Tourismus überbeansprucht wird. Die beliebten off-road Fahrten zerstören den Boden. Viele Tiere, z.B. die ohnehin äußerst seltenen Geparden, werden von gierigen Fotokameras vom Fressen abgehalten. Straßen und Zäune rund um die Parks behindern die Tierwanderungen. So werden Elefanten und Geparden zur Inzucht gezwungen.
Der lokalen Bevölkerung, die in den trockenen Savannen ohne ihre Rinder und Ziegenherden nicht leben kann, bleibt der Zugang zu den Wasserstellen in den Parks verwehrt. Die Savannenböden rund um die Schutzgebiete geben längst nicht mehr genügend Futter für die Tiere. Eine Massaifamilie in Tansania besitzt statt der ehemals 1.5oo Rinder heute noch etwa 90 Tiere - nicht zuletzt, weil ihr Land für die Jagd- und Fotosafaris reserviert wurde. So sind die Einheimischen gezwungen, andere oder zusätzliche Einkommensquellen zu suchen. Im Norden Kenias halten viele junge Männer Ziegen- statt Rinderherden, um durch den Fleischverkauf an die Hotelküchen in den Parks ein wenig Geld zu verdienen. Ziegen fressen im Unterschied zu Rindern junge Bäume, Baumrinde und ganze Büsche und reißen das Gras, statt es abzuweiden. Das Land verödet, erodiert und kahle Böden treten an die Stelle grasbedeckter Weiden. Die Akazien, wichtigste Futterbäume und einzige Bienenweide werden als Kaminholz oder Holzkohle an die Touristen-Lodges ausverkauft. Die wirtschaftliche Grundlage der Nomaden schwindet damit auch außerhalb der Parks. Der Zusammenhang mit dem Tourismus ist kaum bekannt.
Im weltweiten Durchschnitt können gerade einmal knapp ein Prozent der Urlaubsgelder als Einnahmen für Nationalparks verbucht werden. Für die lokale Bevölkerung, die zumindest teilweise ihre traditionellen Nutzungsrechte innerhalb der Parks verloren hat, bleibt da auch in Kenia - fast nichts übrig. So versuchen viele durch den Souvenirverkauf etwas dazu zu verdienen. Lederprodukte, die man aus den Häuten der eigenen Tiere herstellen kann, schienen eine andere Alternative zu bieten. Seit die Lederverarbeitung industrialisiert wurde und die Abwässer der Fabrik die Ökologie des Nakuru Sees im Rift Valley durcheinanderbrachte, sterben die Flamingos. Zu Zehntausenden kommen sie jährlich, um sich von kleinen Krebsen und Rotalgen des Sees zu ernähren. Jetzt fehlt das Futter, die Vögel sind krank. Seit Juni 1999 sind 50.000 Flamingos gestorben.

Die naturzerstörende Wirkung des Tourismus hat häufig mit Müll zu tun. In den Beduinendörfern des Sinai stinkt die Luft nach schmorendem Kunststoff von den Abfallbergen der Hotels, die jeden Liter Wasser in Plastikflaschen ankarren lassen. Ziegen und Kamele gehen am Plastikmahl zugrunde. An der madagassichen Küste basteln - wie vielerorts in Afrika - Kinder aus dem Müll der Hotelanlagen Souvenirs für die Touristen. Autos verschiedener Marken, Motorräder, Klein- und Airbusse werden modellgetreu aus Aludosen nachgebaut. Kunst aus Schrott. Da muss auch mal das Amstelbeer mit Pepsi eine drahtverschlungene Verzahnung eingehen. Die internationale Kundschaft aus Übersee kauft diese typisch madagassischen Souvenirs als Erinnerung an abenteuerliche Überlandfahrten. Zwei oder fünf Mark kostet der umfunktionierte Wohlstandsmüll. Diese Form der Wiederverwertung kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass Bierund Ölsardinendosen (in einem Fischerdorf!) extrem unökonomische Verpackungsmaterialien sind - egal ob im Industrie - oder Entwicklungsland. Schon ihre Herstellung ist äußerst umweltbelastend - von dem langen Transportweg bis in die Hotelküchen oder Touristenbars einmal ganz abgesehen.

Im Jumbo zum Ökourlaub

Jetzt werben verschiedene Anbieter für ein ökologisch verträglicheres Reisen. Die Palette reicht von allinclusive Reisen auf die Malediven - Müllrücktransport inbegriffen - bis hin zur Unterkunft in ökologisch gebaute Regenwaldhäuser mit Schilfkläranlage. Sicher sind unter den Angeboten der »grünen Reisen« große Unterschiede auszumachen, doch ein Faktum wird von allen gleichermaßen unterschlagen: Das Motto vom Ökotouristen, der nicht mehr als die eigenen Fußspuren hinterlassen darf, ist mit jederAnreise per Flugzeug hinfällig. Jeder Fluggast verbraucht auf dem Weg von Europa bis an den Äquator so viel Energie, wie ein durchschnittlicher Autofahrer in sieben Monaten verfährt. Bei der Verbrennung des Flugtreibstoffs Kerosin bleiben Kohlendioxid, Stickoxide und andere klimarelevante Gase in der Atmosphäre zurück. Es entstehen Ruß und Schwefeldioxid. Immerhin entfallen 6o Prozent aller Reisen und 70 Prozent der Flugkilometer auf den Tourismus. DerTransport von eingeführten Gütern wie Zigaretten, Getränken, Baumaterial und Kloschüsseln noch nicht mitgerechnet. In großer Höhe verweilen die Abgase 500 mal länger und sind wesentlich klimaschädigender als am Erdboden. Wirbelstürme und Flutwellen, wie sie vergangenes Jahr in Papua-Neuguinea, viele Tausend Menschenleben forderten oder ausbleibende Regenfälle auf Borneo, wo tausende Hektar Regenwald durch anhaltende Brände zerstört wurden, sind mögliche Folgen von Klimaveränderung.
Immer mehr Tourismusunternehmen stellen Umweltberaterlnnen ein, die sich um ein ökologisches Image des Reiseangebotes bemühen müssen. Die Strategien, mit denen das Bild von der sauberen, intakten Umwelt wieder hergestellt wird, sind dabei häufig fraglich. Um das idyllische Bild von der »unberührten wilden Unterwasserwelt« vor Kenias Küsten auch weiterhin verkaufen zu können, haben sich die Reiseunternehmen etwas einfallen lassen: Während die Hotelabwässer nördlich von Mombasa den Korallen den Garaus machen, lassen sich die Schnorchelfans für einen Tag mit dem Speedboot in den Kisite Meeresnationalpark südlich der Küstenstadt bringen.

Martina Backes
Mitarbeiterin bei FernWeh - Forum Tourismus & Kritik - iz3w -
aus: FernWeh - Die Jugendbroschüre zu Tourismus, Freiburg 2001
Mit freundlicher Genehmigung von FernWeh

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Eingerichtet: 15.06.01

Modifiziert: 14.10.03