Reise in die Vergnügungsperipherie
Die Tourismuskritik
und die Dritte Welt
von Christian Stock
Die Tourismuskritik
und insbesondere die Debatte über den Tourismus in Dritte-Welt-Länder
stagniert seit Anfang der 90er Jahre. Die gesellschaftstheoretische
Reflexion über die Motive und Auswirkungen des Reisens ist
pragmatischen Ansätzen für umwelt- und sozialverträglichen Tourismus
gewichen. Doch durch den Verzicht auf Grundsatzdiskussionen werden die
Fehlannahmen der früheren Tourismuskritik fortgeschrieben.
Im deutschsprachigen Raum existiert seit der Selbstauflösung der
Arbeitsgemeinschaft »Tourismus mit Einsicht«, zu der sich Ende der
80er Jahre zahlreiche Dritte-Welt- und Umweltorganisationen
zusammengeschlossen hatten, kein verbindlicher, über Einzelkampagnen
hinausreichender Verbund tourismuskritischer AktivistInnen mehr. Die
organisatorische Schwäche geht einher mit einer tiefen inhaltlichen
Verunsicherung der tourismuskritischen Akteure. Waren es früher nur
tourismusbefürwortende, der Industrie nahe stehende
WissenschaftlerInnen und PublizistInnen wie z.B. der Freizeitforscher
H.W. Opaschowski, die das »Elend der Tourismuskritik« geißelten, so
kommen ähnliche Vorwürfe in jüngerer Zeit aus dem (einstmals)
tourismuskritischen Lager selbst. Beispielhaft für diese Entwicklung
steht die frühere Galionsfigur der deutschen Tourismuskritik, die
Journalistin Ludmilla Tüting. Ähnlich wie andere Exponenten der 68er
Generation, die von den Überzeugungen vergangener Tage nichts mehr
wissen wollen, beschwert sie sich über die »ideologischen Scheuklappen«
der »Fundis« unter den TourismuskritikerInnen, die »standhaft auf
ihren alten Positionen beharren«. (1)
Den »verhängnisvollen Hang zu Grundsatzdiskussion« hält sie für schädlich,
weswegen sie für die am Machbaren orientierte Entwicklung eines »integrativen
Tourismus« plädiert.
Gegen den allgemeinen Trend soll hier die These vertreten werden, dass
der zunehmende Verzicht auf die gesellschaftstheoretische Reflexion des
(Fern-)Tourismus und die fast ausschließlich pragmatische Orientierung
die Tourismuskritik überhaupt erst in die Position der Schwäche
bringt, aus der sie heute agiert. Denn auch die neueren
tourismuskritischen Ansätze basieren auf den früheren theoretischen Prämissen
– allerdings ohne diese offen zu legen und damit der Diskussion
preiszugeben. So schreibt der heutige tourismuskritische Diskurs
zahlreiche Fehlannahmen und Fragwürdigkeiten der früheren
Tourismuskritik fort, anstatt sie zu kritisieren und zu revidieren.
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Vom Kolonialismus zum
Tourismus
Die Entstehung der modernen
tourismuskritischen Debatte ist eng mit der starken Zunahme des Reisens
seit Ende der 50er Jahre sowie mit der Gesellschaftskritik der »68er«-Bewegung
verknüpft. Die kritische Auseinandersetzung mit dem Tourismus in die
Dritte Welt ab Anfang der 70er hat aber noch eine weitere Ursache: Sie
ist als Reaktion auf die modernisierungstheoretische Befürwortung des
Ferntourismus zu verstehen. Diese versuchte mit plumpen Thesen à la »Tourismus
bewirkt die Modernisierung bereister traditioneller Gesellschaften« die
positiven ökonomischen und soziokulturellen Effekte des Tourismus
herauszustreichen und charakterisierte ihn gar als »besonders elegante
Form der Entwicklungshilfe«.
Willkommenes Rüstzeug gegen die Modernisierungstheorie waren die großteils
marxistisch geprägten Dependenz- bzw. Abhängigkeitstheorien, die die
»Unterentwicklung« der Dritten Welt auf den Kolonialismus und die Abhängigkeit
von den Industrieländern zurückführten. Die dependenztheoretisch
orientierte Tourismuskritik hob dementsprechend darauf ab, dass
Dritte-Welt-Tourismus eine spezifische Form des (Neo-)Kolonialismus sei
und die bereisten Länder und Gesellschaften in die Abhängigkeit von
den Entsendeländern der TouristInnen zwinge. Die Dritte Welt werde zur
»Vergnügungsperipherie« (2) der
Industrieländer degradiert, weshalb der Ferntourismus erheblich
problematischer als der Tourismus innerhalb der Industrieländer sei. In
der Dritten Welt, so wurde argumentiert, verstärke der Tourismus die
strukturelle Heterogenität der besuchten unterentwickelten Länder: Der
‚moderne’ Tourismussektor sei abgekoppelt von ‚traditionellen’
Sektoren wie z.B. der lokalen Landwirtschaft und verhindere deren
Entwicklung auf Grund der Konkurrenz um Produktionsfaktoren wie Boden,
Wasser, Arbeit oder Kapital.
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Scheitern der Großen
Theorie?
Besondere Aufmerksamkeit wurde
den sozioökonomischen Auswirkungen des Tourismus geschenkt. Unter den
vorherrschenden kapitalistischen Bedingungen bei der Inwertsetzung
peripherer Regionen führe der Tourismus zu Ausbeutung durch
Reisekonzerne, aber auch durch Einzelreisende, die sich das niedrige
Lohnniveau und ungerechte Währungsverhältnisse zu Nutze machten. Auf
diese Weise reproduziere der Tourismus das koloniale
Herrscher-Diener-Verhältnis und das Unterlegenheitsgefühl der
Bereisten und verstärke rassistische Wahrnehmungen der bereisten
Gesellschaften. Da die Dominanzverhältnisse des Nord-Süd-Konfliktes
auch bei individuellen, persönlichen Begegnungen zwischen Reisenden und
‚Bereisten’ ungebrochen weiter existierten, wurde die vorherrschende
Form des Tourismus als spezifische Form von struktureller Gewalt
angesehen.
Ähnlich wie der Mainstream der allgemeinen entwicklungspolitischen
Debatte, der das »Ende der Dritten Welt« und das »Scheitern der Großen
Theorie« zu erkennen glaubte, wandte sich auch die (nördliche)
Tourismuskritik ab Anfang der 90er Jahre mehrheitlich vom
dependenztheoretischen Analyseinstrumentarium ab. So schematisch viele
TourismuskritikerInnen ihr Thema bisweilen mit den
dependenztheoretischen Theoriesätzen durchdekliniert hatten, so
entschieden verdammten sie diese nun als ideologischen Ballast. Doch
damit entledigte man sich nicht nur der falschen und überflüssigen
Bestandteile dependenztheoretisch orientierter Tourismuskritik, sondern
auch der sinnvollen.
Worin lagen die Stärken dependenztheoretischer Tourismuskritik? An
erster Stelle ist ihr erweiterter Blickwinkel zu nennen, der die
touristische Bewegung nicht isoliert betrachtet, sondern im Rahmen
umfassender Gesellschafts- und Kapitalismuskritik. Denn die Grundzüge
des modernen Tourismus wie der Zwang zur profitträchtigen Inwertsetzung
von Natur und Kultur, ihre Degradierung zur Ware, die Ökonomisierung
sozialer Beziehungen oder die gnadenlose Konkurrenz auf dem (Welt-)Markt
zählen zu den Funktionsprinzipien des Kapitalismus und umfassen alle
gesellschaftlichen Bereiche. Vor diesem Hintergrund vermag
dependenztheoretische Tourismuskritik individuelle Reisemotive und das
jeweilige Reiseverhalten an die strukturellen Bedingungen des Tourismus
anzubinden. Ohne damit jede(n) Reisende(n) von seiner persönlichen
Verantwortung freizusprechen, wird so die Überbetonung von
individuellen Verhaltensoptionen vermieden, wie sie z.B. im weit
verbreiteten Glauben an die Qualifizierbarkeit von Reisenden zum
Ausdruck kommt (als ob »falsches« Reiseverhalten nur ein Problem
mangelnden Wissens und durch pädagogische Maßnahmen behebbar sei).
Nicht zuletzt vermag dependenztheoretische Tourismuskritik, sexistische,
rassistische und dominanzkulturelle Verhaltensweisen im Tourismus in
einen größeren gesellschaftlichen Kontext zu stellen und
beispielsweise Prostitutionstourismus als besondere Form
geschlechtsspezifischer Ausbeutung zu analysieren.
Die Interpretation des modernen Tourismus auf der Folie einer
materialistischen Kapitalismus- und Gesellschaftskritik birgt allerdings
auch Gefahren, denn sie verleitet zu deterministischen Ableitungen, zu
unzulässigen Pauschalisierungen und Verabsolutierungen. So neigt die
linke Tourismuskritik seit ihrer Begründung durch H.M. Enzensberger
dazu, die Fluchtmotivation für das Reisen, die aus den kapitalistischen
Zwangsverhältnissen abgeleitet wird, überzubetonen. Die
offensichtliche Lust am Reisen wird schlicht negiert, weshalb die »bürgerliche«
Tourismusforschung – im deutschsprachigen Raum am prominentesten
vertreten durch den Soziologen Christoph Hennig oder den
Freizeitforscher Horst W. Opaschowski – großen Erfolg mit ihren
Thesen vom emotionalen Gewinn durch Reisen hat. Gleichermaßen wird die
Manipulationsthese überstrapaziert: Reisende werden als bloße
Manipulierte gesehen, die den Werbeversprechungen der Tourismusindustrie
auf den Leim gingen. Die durchaus vorhandenen Handlungsspielräume beim
Reiseverhalten des Einzelnen werden weitgehend ausgeblendet, und das
Individuelle geht im Strukturellen unter. Eine dialektische Sichtweise,
die die individuell je verschiedene Mischung von »weg-von« und »hin-zu«-Reisemotiven
zur Kenntnis nimmt und das Spannungsverhältnis von individueller
Autonomie und strukturellen Zwängen thematisiert, bleibt die Ausnahme.
Hinzu kommt, dass auch die materialistische Tourismuskritik den »Massentourismus«
in fragwürdiger Weise problematisiert. Der Begriff der »Masse« wird
von ihr ausnahmslos pejorativ verwendet – als ob die Tatsache, dass
der Mensch in größerer Zahl existiert, bereits an sich ein Problem wäre.
Damit begibt man sich in die Nachbarschaft zu der bürgerlich-aristokratischen
Tourismuskritik, die dem Plebs jene (Reise-)Privilegien absprechen will,
die man selbst in Anspruch nimmt. (3)
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Ins Mark des Volkes
Doch nicht nur bei der
Bewertung der TouristInnen und ihrer Beweggründe, sondern gerade bei
der Einschätzung der bereisten Gesellschaften kommt der inhärente
Determinismus dependenztheoretischer Tourismuskritik zum Tragen. Exogene
Einflussfaktoren durch den Tourismus aus den Industrieländern werden
systematisch überbewertet, während endogene, innergesellschaftliche
Faktoren unterbewertet bleiben. Das Diktum des Dependenztheoretikers
Werner Ruf – »Gerade in außereuropäischen Ländern leistet der
Tourismus besonders schnell und besonders nachhaltig einen
entscheidenden Beitrag zur Zerstörung traditioneller Wertsysteme und
der vorhandenen Sozialsysteme« (4)
– wird bis heute dahingehend überstrapaziert, dass die
vielschichtigen Gründe für den gesellschaftlichen Wandel in den
bereisten Regionen ausgeblendet werden oder ihre Komplexität nicht
erfasst wird.
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Mythos der Überlegenheit
Dies hat zwei schwerwiegende
Konsequenzen: Erstens werden die Einflüsse des Tourismus einseitig
gedeutet bzw. ausschließlich negativ gewertet. Der Wertmaßstab bei der
Beurteilung des Kulturwandels – wenn er überhaupt offen gelegt wird
– besteht darin, den exogenen Einflüssen durch Tourismus als
positives Gegenbild Tradition, Authentizität, Lokalität usw. gegenüberzustellen.
Die beklagte »Zerrüttung« von Sozialstrukturen kann aber nicht allein
auf touristischen Einfluss zurückgeführt werden. Er ist immer nur
einer von vielen Faktoren; z.B. sind gesellschaftliche Veränderungen
und Konflikte durch rückkehrende ArbeitsmigrantInnen in ihrer Bedeutung
für sozialen Wandel oftmals höher einzuschätzen. Der Anklage,
Sozialstrukturen würden zerstört, wohnt ein konservativer Kern inne,
der traditionelle Verhältnisse idealisiert, gleich wie autoritär,
repressiv oder patriarchal sie sein mögen. Bisweilen reicht dieser
Konservatismus bis in völkisches Denken, wie folgende, einer
tourismuskritischen Publikation entnommene Aussage über den Tourismus
in Nepal belegt: »Die kulturellen Schäden, wie der Verlust der
kulturellen Identität mit der damit verbundenen Entwicklung zum
individuellen Materialismus ohne gemeinsames Verantwortungsbewusstsein,
Zerfall der Sitten und Zerstörung der bisher ordnungsgebenden lokalen
Strukturen, angefangen bei der Familie, gehen ins Mark des Volkes.« (5)
Hier schimmert zudem unübersehbar durch, dass fremde, »exotische«
Kulturen als »Projektionsfläche der Zivilisationskritik« (6)
herhalten müssen und dadurch für die Bestätigung der eigenen
Weltbilder funktionalisiert werden. Gegenüber solchen Interpretationen
ist darauf zu beharren, dass sozialer Wandel durch Tourismus nicht an
sich verdammenswert ist. Anliegen der Tourismuskritik kann eigentlich
nur sein, herauszuarbeiten, welche neuen Abhängigkeiten und Machtverhältnisse
der Tourismus schafft. Diese Trennschärfe fehlt jedoch vielen
tourismuskritischen Publikationen.
Zweitens werden durch die Überbewertung exogener Einflüsse via
Tourismus die Autonomie der bereisten Gesellschaften und ihre teilweise
sehr erfolgreichen coping strategies gegenüber dem Tourismus negiert.
Das reproduziert – wenn auch ungewollt – den Mythos der Überlegenheit
der westlichen Zivilisation, die sich alles untertan macht und gegen die
kein Widerstand möglich ist. Die BewohnerInnen von touristischen
Regionen liefern sich keineswegs mit Haut und Haaren aus, sind
keineswegs nur Objekte eines übermächtigen westlichen
Kulturimperialismus, sondern verfügen über höchst unterschiedliche,
sich außenstehenden Beobachtern kaum erschließende
Verhaltensstrategien im Umgang mit Tourismus. Die Bandbreite reicht von
selektiver, selbstbewusster Adaption an die touristischen Spielregeln
bei gleichzeitiger ökonomischer, kultureller oder emotionaler
Vorteilsmaximierung bis hin zu Belustigung, Ignoranz, Abgrenzung oder
offener Ablehnung.
Die Tourismuskritik neigt demgegenüber dazu, den ‚Bereisten’ eine
passive, aufnehmende Rolle zuzuschreiben. So fehlt z.B. in keiner
tourismuskritischen Publikation der Hinweis auf die »Demonstrationseffekte«
des Tourismus, der die »Einheimischen« dazu bringe, in Popmusik,
Digitaluhren und anderen Attributen des westlichen way of life
unwiderstehliche Identifikationsangebote zu sehen. Dass hingegen die
Demonstrationseffekte teilweise auch auf Gegenseitigkeit beruhen, indem
Touristen – sei’s durch asiatische Religionen, sei’s durch
karibische Musikstile – durch die bereiste Gesellschaft beeinflusst
werden, dass die ‚westliche’ Kultur, die auf die bereisten
Gesellschaften einwirkt, ihrerseits so heterogen und vielschichtig ist,
dass sich dieser Terminus eigentlich verbietet, dass es sich um
dynamische Phänomene des Kulturwandels handelt, geht in dieser
Interpretation verloren. Aus diesem Grund tut sich die Tourismuskritik
so schwer, das Geflecht dominanzkultureller Machtbeziehungen in ihrer
ganzen Ambivalenz und Komplexität zu erfassen.
Wohin die mechanistische, einseitige Sichtweise des
Demonstrationseffektes führen kann, zeigt ein beliebig
herausgegriffenes Beispiel: Der renommierte Tourismuskritiker U. Mäder
verwendet in seinem Buch mit dem programmatischen Titel »Von der
Freiheit zur Freizeit – vom Kolonialismus zum Tourismus« ein Foto,
das eine – ihren Fotoapparat krampfhaft festhaltende – weiße
Touristin inmitten einer Gruppe schwarzer Jugendlicher zeigt. Die
Bildunterschrift lautet: »Touristen wecken in armen Gebieten Bedürfnisse,
welche Einheimische mit legalen Mitteln kaum befriedigen können. Folge
davon ist eine Zunahme von Kriminalität.« Was in wohlmeinender Absicht
die Unerreichbarkeit westlichen Wohlstands in den bereisten
Gesellschaften anklagen soll, gerät zum tendenziell rassistischen
Stereotyp vom stehlenden Schwarzen.
Aus der Reduzierung der »Bereisten« auf einen Opferstatus resultiert
auch der Paternalismus, der sich in den wohlmeinenden, aus dem Norden
stammenden Konzepten einer »nachhaltigen Tourismusentwicklung« und des
Ökotourismus fortschreibt. So maßen sich nicht wenige der
TourismuskritikerInnen, die nun im Auftrag der
Entwicklungszusammenarbeit Ökotourismus-Konzepte für Zielregionen im Süden
erstellen, an, die Rolle des neutralen Moderators zwischen den
Interessen der »Bereisten«, der TouristInnen und der Allgemeinheit
(Umweltschutz) zu übernehmen. Die in diesen Plänen vorgetragene
Forderung nach mehr »Partizipation der Betroffenen« ist zwiespältig,
denn die Definitionsmacht darüber, was Partizipation ist, liegt eben
nicht bei den Betroffenen. So werden längst vorhandene
Beteiligungsmuster der Bevölkerungsgruppen in touristischen Regionen häufig
verkannt, weil sie nicht in ‚westliche’ Wahrnehmungsraster passen,
die stark von formalen und repräsentativen Verfahren geprägt sind.
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Reiselust und -frust
Die skizzierten Fallstricke der
Tourismuskritik – die keineswegs nur den Ferntourismus betreffen – führen
zu offenen Fragen, die einer grundsätzlichen Klärung bedürfen. Da ist
zunächst die Einschätzung des Phänomens »Reisen«. Selbst wenn man
die von vielen Tourismusforschern vertretene Ansicht verneint, dass das
Reisen auf einen ‚natürlichen’ Drang der Menschheit zurückgehe,
kommt man nicht daran vorbei, dass das Reisen die Sehnsüchte der
meisten Menschen nicht nur weckt, sondern zumindest parziell auch zu
befriedigen weiß – und das auch in der (kultur-) industriellen Form
des modernen Tourismus. Das konfliktive Verhältnis zwischen dem Bedürfnis
nach ‚Reisen’ – oder weiter gefasst: Mobilität – und seiner
Subsumierung unter die Imperative der kapitalistischen Warengesellschaft
ist seitens der Tourismuskritik noch lange nicht geklärt. Es alleine
mit der Flucht- und Manipulationsthese bestimmen zu wollen, führt in
die Sackgasse der Eindimensionalität.
Ungeklärt ist auch das Verhältnis von radikaler Systemkritik und
konkreten Verbesserungen im Tourismus. Die Vorwürfe seitens der
radikalen Kritik, die meisten bisherigen Ansätze von sozial- und
umweltverträglichem Tourismus generierten schlichtweg eine neue
Marktnische für mittelständische Reiseunternehmen und stellten die
globalen Ungleichheitsverhältnisse kaum in Frage, ist auf Grund der
zahlreichen ernüchternden Erfahrungen kaum von der Hand zu weisen.
Andererseits ist der alleinige Rückzug in Grundsatzkritik allzu bequem,
weil er konkrete Verbesserungen auf St. Nimmerlein vertagt. Die Grenze
zwischen faulem Kompromiss und Feigenblattfunktion auf der einen Seite
und sinnvollen emanzipatorischen Ansätzen im Tourismus auf der anderen
Seite auszutarieren, bleibt eine sich immer wieder neu stellende
Herausforderung. Hat man sich für praktische Ansätze entschieden,
stellt sich immer noch die Frage nach der richtigen Strategie. Sollen
Veränderungen vor allem am »Massentourismus« ansetzen und z.B.
politischer Druck auf die großen Reiseveranstalter ausgeübt werden?
Oder setzt man vielmehr auf kleine alternative Projekte für verträglichen
Tourismus und ihren Vorbildcharakter? Eng damit zusammen hängt die
Frage, wie groß der individuelle Verhaltensspielraum der Akteure im
Tourismus (Touristen, Anbieter, »Bereiste« etc.) im Vergleich zu den
strukturellen Bedingungen ist und wie er ausgebaut werden kann.
Das apodiktische Urteil von Pascal – »Alles Unheil dieser Welt rührt
daher, dass die Menschen nicht ruhig in ihrem Zimmer bleiben können«
– mag so überzogen sein wie das Beharren auf bloße Verzichtsethik
angesichts der Reiselust der Menschen unsinnig ist. Die Herstellung
gesellschaftlicher Bedingungen, unter denen Reisen unproblematisch für
alle Beteiligten werden, ist jedoch im Zeitalter des LastMinute-Schnäppchenpreis-Tourismus
nötiger denn je.
Mit freundlicher Genehmigung
von FernWeh
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Anmerkungen:
1 Tüting, Ludmilla (1998): Was ist aus der
Tourismuskritik geworden? Presseinformation der Messe Berlin anlässlich
der Internationalen Tourismusbörse ITB Berlin 1998
2 Scherrer, Christoph (1986): Dritte Welt-Tourismus,
Entwicklungsstrategische und kulturelle Zusammenhänge, Berlin, S. 167.
Weitere wichtige deutschsprachige Publikationen mit
dependenztheoretischem Hintergrund sind u.a.: May, Silke (1985):
Tourismus in der Dritten Welt, Von der Kritik zur Strategie, Frankfurt
a.M. sowie: iz3w (informationszentrum 3.welt) (1986): Klar, schön
war’s, aber..., Tourismus in die Dritte Welt, Freiburg
3 Gruppe neues reisen (1994): Massentourismus – Ein
reizendes Thema, Schriften zur Tourismuskritik Bd. 23, St. Peter-Ording
4 zit. nach Scherrer 1986, a.a.O, S. 37
5 Hagen, Toni (1995), Brücken bauen zur Dritten Welt,
Kultur und Tourismus aus entwicklungspolitischer Perspektive, in: Luger,
Kurt/ Inmann, Karin (Hrsg.), Verreiste Berge, Kultur und Tourismus im
Hochgebirge, Innsbruck, S. 271-285, hier: S. 272
6 Flitner, Michael/ Langlo, Peter/ Liebsch, Katharina
(1997): Kultur kaputt, Variationen einer Denkfigur der Tourismuskritik,
in: Voyage, Jahrbuch für Tourismusforschung, S. 86-97, hier: S. 90
Christian Stock ist Mitarbeiter des iz3w und Herausgeber des Buches
"Trouble in Paradise. Tourismus in die Dritte Welt". |