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Urlaub auf der Teeplantage
Von Uta Linnert

Projektreisen sind ein neuer Ableger auf dem Öko-Reisemarkt: eine Mischung aus Besuchen in Entwicklungsprojekten, kultureller Begegnung, Erholung und Abenteuer. Die Veranstalter wollen mit ihren Reisen einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung in den Gastgeberländern leisten. Endlich eine Möglichkeit zur korrekten Fernreise?

Emil Schade kommt nicht zum ersten Mal aus einem Land der Dritten Welt zurück. Er hat schon in Costa Rica, auf Kuba und in Kolumbien Urlaub gemacht. "Aber diese Reise nach Ecuador hat mich total begeistert. Noch nie habe ich im Urlaub so viel erlebt." Dieses Mal hat der 38 Jahre alte Kaufmann eine Tour gebucht, die der Veranstalter unter dem Titel "Projektreise" verkauft: Neben einem touristischen Trekking- und Besichtigungsprogramm schaut sich die kleine Reisegruppe das Leben in Entwicklungshilfeprojekten an. Die Urlauber sind bei Indios in den Anden zu Besuch, die verträgliche Anbaumethoden lernen, sie dürfen in einer Gärtnerkooperative mithelfen, bedrohte Baumarten nachzupflanzen, sie machen mit Indianern im Dschungel-Schutzgebiet eine Nachtwanderung oder trinken in einer aus Spendengeldern gebauten Tagesstätte mit Quitos Straßenkindern Kakao. Alle diese Projekte werden mit einem Teil des Reisepreises gesponsert. "Wir unterstützen mit unseren Reisen nachweislich ökologische und soziale Projekte in Entwicklungsländern", sagt Rainer Stoll von Waschbär - Reisen in Freiburg, "unsere Reiseleiter sind in aller Regel Projektmitarbeiter, womit die Wertschöpfung vor Ort stattfindet und wir verhindern, dass ein deutscher Mitarbeiter das Geld gleich wieder mit nach Hause nimmt." Die Reisegruppe wohnt nicht in Touristenghettos, sondern in kleinen Hotels, die von Einheimischen geführt werden, und fährt mit ecuadorianischen Taxi- oder Busunternehmen durchs Land.
Reisen in die Dritte Welt liegen im Trend. Allein 1994 haben 2,5 Millionen Deutsche eine Fernreise in ein Land der Dritten Welt unternommen, jeder dritte Bundesbürger war schon mal in einem Entwicklungsland. Doch vielen reichen Sonne, Meer und Strand nicht mehr aus, "unberührte Natur" und "unverfälschte Kultur" sollten zusätzlich im Reisepaket enthalten sein. Seit einigen Jahren boomt schon ein neuer Tourismustrend, der sich unter dem Oberbegriff Ökotourismus auf anspruchsvolle Alternativtouristen eingestellt hat. Die Veranstalter legen den Öko-Begriff allerdings sehr weit aus: Wandern, Trekking, Kanufahren oder Riverrafting fallen genauso darunter wie die klassischen Ökoreisen in die Nationalparks von Kenia oder Tansania.

Umweltverantwortung - Ein Alibi?

Entwicklungs- und Umweltsponsoring gehört für die meisten Abenteuerveranstalter zur Firmenphilosophie. "Uns ist bewusst, dass wir unseren Teil zur Belastung beitragen, eine intakte Umwelt aber die wichtigste Voraussetzung unserer Trekking-Reisen ist", lässt Hauser Exkursionen aus München seine Kunden wissen. Wegen des Problems der Fluganreise bietet Hauser "Fernreisen nur mit mehr als 14 Tagen Aufenthalt an." Im Land angekommen, wird dann aber munter weitergeflogen, in 20 Tagen allein zehnmal durch Papua Neuguinea, um die Trekking-Highlights in den nicht erschlossenen Gebieten des Landes zu erreichen. "Was hat das denn noch mit umweltfreundlichem Reisen zu tun?" fragt Heinz Klewe, Vorstandsmitglied des VCD. "Nur wenige Reisende machen sich klar, dass sie mit einem einzigen Fernflug genauso viel Energie verbrauchen wie ein Autofahrer mit einer jährlichen Fahrleistung von 12 000 Kilometern." Kritik auch von Hans-Gerd Marian, Geschäftsführer der Naturfreundejugend: "Wer davon redet, den CO2-Ausstoß zu verringern, der kann einfach nicht für ein paar Tage in die Dritte Welt fliegen." Öko- und Projekttourismus ist für ihn nur "ein weiteres Label zur Gewissensberuhigung, um den Wahnsinn immer weiter zu treiben."
Tourismus ist aber vielerorts der wichtigste Wirtschaftsfaktor. "Die Reisenden bringen längst mehr Geld, als mit Tee oder Kaffee zu verdienen ist. Ihre unverbrauchte Natur ist das einzige Produkt vieler Staaten, das sie konkurrenzlos auf dem Weltmarkt anbieten können." Der Düsseldorfer Geographie-Professor Karl Vorlaufer rechnet vor, dass viele kleine Inselstaaten in der Karibik oder der Südsee sich nur noch mit den Einnahmen aus dem Tourismus über Wasser halten können. "Aber es drehen gerade die Touristen mit ihren Flugreisen maßgeblich an der Spirale ‚CO 2-Emissionen - Klimaerwärmung - Anstieg des Meeresspiegels', die absehbar zum Untergang der Inselparadiese führen wird", gibt Heinz Klewe vom VCD zu bedenken.
Nur selten haben sich die hohen Erwartungen in den Tourismus erfüllt, zuviel Geld versickert in den Kassen der Tourismusindustrie, zu groß sind die ökologischen Schäden, durch die ganze Bevölkerungsgruppen ihre traditionellen Existenzgrundlagen verlieren. Goa / Indien ist nur ein Beispiel dafür, wie in einzelnen Orten, in denen Hotels mit ihrem übermäßigen Wasser- und Energieverbrauch stehen, die Dorfbevölkerung nur noch eine Stunde am Tag Wasser bekommt und auch die Elektrizität rationiert wird.

Projektreisen light

Dem Massentourismus stellen die Projektreiseveranstalter ihr neues Konzept entgegen. Sie wollen keine bloßen Kultur- und Naturkonsumenten sein. Schon gar nicht wollen sie sich an der Ausbeutung der lokalen Bevölkerung beteiligen. Der Aspekt Sozialverträglichkeit wird großgeschrieben: Die Menschen im Land sollen mitplanen und mitentscheiden - vor allem aber wirtschaftlich von den Treckern und Naturliebhabern profitieren. "Nehmen Sie unsere Ecuador-Reise, dort hat ein Dorf sich ganz bewusst für Tourismus entschieden und lädt Europäer ein. Für die erbrachten Dienstleistungen zahlen wir an die Dorfgemeinschaft überdurchschnittlich gute Preise. Und die entscheiden dann selbst, wofür sie das Geld einsetzen wollen." Rolf Pfeifer von der Freiburger Reiseagentur Aventoura garantiert, dass zwischen 10 und 15 Prozent des Reisepreises in den Kooperativen bleibt. An drei bis vier Projekten macht die Reisegruppe halt, oft ist allerdings nur ein halber Tag dafür eingeplant, sonst ist das anspruchsvolle Trekking-Programm nicht zu schaffen. Rolf Pfeifer kennt seine Kunden: "Die wollen Spaß und Abenteuer im Urlaub, und das sollen sie auch bekommen." Schließlich lassen sie sich ihren Naturtrip einiges kosten. Um die 5000 DM kostet ein dreiwöchiges Projekt - Hopping durch Lateinamerika bei Waschbär oder Aventoura.
"Glaubt Ihr, Einblicke in Gesellschaftsstrukturen bekommen zu können, ohne jemanden zu kennen, noch dazu an einem halben Tag?" fragt Veronika Bennholdt-Thomsen in einem Leserbrief an die taz, die im November 1995 eine LeserInnenreise in ein mexikanisches Frauenprojekt anbot. Frau Bennholdt-Thomsen, die die Lebenssituation vor Ort sehr gut kennt, kritisiert, dass auch diese Reisen nur die heile Welt verkaufen und mit ihrem Geld die Gastfreundschaft der Einheimischen ausbeuten.

Gutes Gewissen inklusive

"Diese Art von Reisen vermittelt das Gefühl, nicht nur etwas Gutes für sich selbst und die Natur, sondern auch für die Bereisten zu tun", beurteilt Gaby Fierz, Mitarbeiterin des Arbeitskreises Tourismus und Entwicklung in Basel den neuen Reisetyp. Denn immer mehr Urlauber kommen mit einem schlechten Gewissen nach Haus. Zwei von drei Deutschen, so ergab eine Umfrage im Auftrag der Zeitung "Die Woche", hatten schon einmal das Gefühl, dass der Tourismus dem Urlaubsort geschadet hat. Nach einer Studie des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung(BMZ) zeigen 37 Prozent der Dritte-Welt-Reisenden eine klare Bereitschaft, sich mit den Problemen der Bereisten auseinander zu setzen und die einheimische Bevölkerung auch tatsächlich kennen zu lernen. Alles zukünftige Projekttouristen?

Begegnung und Besinnung

In diesem Frühjahr hat nun auch das Handelshaus Gepa, die von den Kirchen getragene "Gesellschaft zur Förderung der Partnerschaft mit der Dritten Welt", eigene Projektreisen angekündigt. Bislang liegt das fair travel Konzept aber noch auf Eis. Die Gepa befindet sich in finanziellen Schwierigkeiten, muss aber auch gegen viel Kritik aus den eigenen kirchlichen Reihen ankämpfen. Bisher handelt die Gepa in erster Linie mit Kaffee, Tee und Reis. In Zukunft möchte sie ihre Kunden zum "Kaffeepflücken nach Tansania" oder zur "Tee-Ernte nach Simbabwe" schicken. "Die Idee, Möglichkeiten der Begegnung in den Anbaugebieten zu schaffen, stammt von den Bauernkooperativen selbst. Sie wollen sich mit dem Tourismus ein weiteres wirtschaftliches Standbein aufbauen", sagt Bruno Friedrich, der für das fair travel Konzept zuständig ist, Ohne touristisches Beiwerk kommt man allerdings auch hier nicht aus, wie die exemplarische dreiwöchige Costa Rica-Tour zeigt: Stadtrundfahrt durch die Hauptstadt zur Einstimmung, vier Stunden Spanischunterricht, um zumindest die Begrüßungsformeln sprechen zu können, Ausflüge zu Vulkanen und Wasserfällen, zweimal drei Tage Aufenthalt bei den Produzenten mit ein wenig Kaffeepflücken, dazwischen viel Zeit zur Besinnung in den Bergen oder am Strand. "Ohne Dusche, Pool und Attraktionen sind solche Reisen nicht zu verkaufen", erklärt Jörg Niehaus von Wikinger-Reisen das Angebot. Der Profi im Fernreisegeschäft soll in Zukunft die Gepa-Reisen vermarkten und weiß genau, "dass die Leute in ihrem Urlaub nicht nur Probleme sehen wollen."
Kritik muss sich die Gepa aber vor allem von ihren Gesellschaftern und deren Dritte-Welt-Experten anhören. Martin Stäbler vom Zentrum für Entwicklungsbezogene Bildung (ZEB) der evangelischen Kirche, fordert, im Sinne einer ökologischen Gesellschaft Reisen auf das Minimum zu begrenzen und nicht noch einen zusätzlichen Markt zu schaffen. Er hält es für töricht, die Kaffeetrinker zur Begegnung mit den Produzenten in die Dritte Welt zu schicken. "Wo kämen wir denn hin, wollte jeder jedem Hemd, das er in Hongkong nähen lässt, hinterher reisen?" Abgesehen von den immensen ökologischen Kosten fahre der Projekttourismus die gleiche touristische Einbahnstraße wie jede andere Form von Dritte-Welt-Tourismus. Der kulturelle Austausch werde weitgehend von den Besuchern bestimmt, und es fehle die Gegenseitigkeit, denn Einladungen nach Deutschland würden nicht ausgesprochen. Außerdem hegt Stäbler größte Bedenken, ob die Dorfgemeinschaften tatsächlich wissen, auf was sie sich mit den Reiseprogrammen einlassen. "Es besteht die Gefahr, dass sich die Prioritäten des Projektes verschieben, weg von der eigentlichen Arbeit, hin zum schnellen Geld. Früher oder später machen die Leute nichts anderes als Tourismus."

Sozialverträglichkeit zweifelhaft

Macht der Projekttourist also mehr kaputt als der Cluburlauber am Strand? Stirbt mit dem ankommenden Geld die Motivation, selbst etwas zu ändern? "Für die Projekte bedeuten BesucherInnen erst einmal eine zusätzliche Arbeitsbelastung", meinen Brigitte Funke und Ulrich Schnabel, die für die Carl-Duisberg-Gesellschaft den Projekttourismus in Teilen Indiens untersucht haben. Sie berichten, dass viele Besuchergruppen kommen, wenn es in den indischen Rhythmus des Dorflebens am wenigsten passt: in der Pflanzzeit (Oktober/November) oder in der Erntezeit (Januar/Februar), also dann, wenn es in den kalten Industrieländern gerade so richtig ungemütlich wird. Die Dorfbewohner sollten eigentlich vollauf mit der Feldarbeit beschäftigt sein.
Viele Experten zweifeln zudem an der Sozialverträglichkeit von Projektreisen. "Ich wage die These, dass die räumlichen und sozialen Disparitäten durch diese Art von Tourismus in den besuchten Gegenden noch verstärkt werden", formuliert Professor Vorlaufer, was auch die Gepa vorhat. Die Touristen kommen nur in produktive, gut funktionierende Kooperativen rein, die sich damit noch weiter von ihren ärmeren Kollegen absetzen können.
Wer auch immer das Geld bekommt: Bei den Projektreisen bleibt sicher ein größerer Teil des Geldes bei den Bereisten als sonst in der Reisebranche üblich. Stefan Stricker von Misereor, dem größten Gesellschafter der Gepa, hat deshalb auch weniger Probleme mit dem Projekttourismus. "Es ist ja nun mal Realität, dass es den Ferntourismus gibt, dieser Erkenntnis muss man sich einfach stellen. Also: Wenn die Leute schon reisen, dann wenigstens fair." Es reisen auch, und zwar schon lange bevor es die kommerziellen Anbieter gab, Jahr für Jahr Hunderte von Friedensgruppen, Frauenvereinen und Kirchengemeinden zu Entwicklungskooperativen in der ganzen Welt. "Viele kleine Projekte geben wir von Misereor aber auch denen nicht preis, um das Dorfleben nicht zu stören und die Projekte nicht dem Druck des Tourismus auszusetzen."

© Uta Linnert
Quelle: fairkehr (Zeitschrift des VCD), 6/96. http://www.fairkehr.de
Mit freundlicher Genehmigung der Autorin

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Modifiziert: 14.10.03