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Globales Lernen: Reisen und Ferntourismus |
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Das Rätsel des
Reisens: Von Christoph Hennig Warum reisen wir?
Warum reisen in unserem Jahrhundert mehr Menschen als jemals zuvor,
scheinbar ohne sachlichen Zweck? Was treibt Jahr für Jahr Millionen von
Menschen in die Ferne? Die Frage nach den Motiven und Bedingungen
modernen Reisens ist die Grundfrage der Tourismus-Theorie. Sie hat
verschiedene Antworten gefunden. Populär wurde vor allem die
Vorstellung, der Tourismus stelle wesentlich eine Flucht vor den
Belastungen der Industriegesellschaft dar, das moderne Reisen sei ein
Ausweichen in ein fiktives Glück; es liefere eine Scheinlösung für
die Probleme des Alltags. Eine Scheinlösung aber ist eher die
Flucht-These selbst. Sie wächst auf dem Humus des Anti-Tourismus, der
Verachtung der ‚Massenreisenden‘ und ihrer Beweggründe. Von der Faszination
des Reisens weiß sie nichts; sie behandelt die Glücksmomente des
Unterwegsseins, als seien sie pure Illusion. Eine Theorie des Tourismus
aber kann die subjektiven Erfahrungen der Reisenden nicht ignorieren.
Die Steigerung des Lebensgefühls vieler Menschen in den Ferien läßt
sich nicht einfach als unerheblich abtun. Vielleicht ist, wie Hans
Magnus Enzensberger schreibt, „die Trostlosigkeit ... dem Touristen
vertraut"(1). Mit Sicherheit vertraut sind ihm die Gefühle der
Freiheit, des Genusses, der erhöhten Lebensintensität. Die Frage nach
den Bedingungen solcher Erfahrungen wird nicht beantwortet mit der
bequemen und überheblichen These, das sei alles nur Illusion. Das Reisen stellt seit jeher einen der großen kollektiven Träume der Menschheit dar. Zwar gibt es immer gute Gründe, sich nicht auf den Weg zu machen. Vor allem die Gefahren und Anstrengungen des Unterwegsseins haben die Menschen vom Aufbruch abgeschreckt. Bis in die Neuzeit gestaltete sich das Reisen äußerst mühselig; in vielen Weltgegenden war man bereits im benachbarten Land oder Stammesgebiet seines Lebens nicht mehr sicher. Dennoch zieht sich das Reisemotiv machtvoll durch die Imagination aller Zeiten und Völker, von den schamanischen Riten vieler Stammesgesellschaften über das Gigamesch-Epos und die Odyssee bis zu den Phantasie-Wanderungen der romantischen Dichter. Besondere historische Bedingungen – Wohlstand, relative Sicherheit, gute Transportmöglichkeiten – erlauben heute die massenhafte Verwirklichung dieses uralten Traums. Seine Wurzeln aber sind nicht mit diesen Faktoren zu verwechseln; sie liegen tiefer. Die Bewegung, die Reisen grundlegend charakterisiert, ist universell verbreitet und in allen Kulturen nachweisbar: der Impuls, die Ordnungsstruktur des Alltags zu verlassen und in andere Wirklichkeiten einzutreten. In diesem Zusammenhang ist die Faszination des Reisens zu sehen: Es stellt eines der wirksamsten Mittel dar, der eingespielten sozialen Ordnung vorübergehend zu entkommen – nicht in blinder Flucht, sondern als produktive menschliche Leistung, die neue Erfahrungen ermöglicht. Insofern steht es den Ritualen und Festen, dem Spiel, dem Mythos und dem Theater nahe; es ist allen Formen menschlicher Symbolproduktion und Phantasietätigkeit verwandt, die aus der Gebundenheit ans jeweils Gegebene hinausführen. Anmerkung: Quelle: |
| Eingerichtet: 15.06.01 |
Modifiziert: 14.10.03 |