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Der
alljährliche Exodus - auf der Suche nach dem Paradies
Wer profitiert im Geschäft mit
den "Paradiesen"?
Die globale Schlacht um die
billigsten Paradiese
Paradiesisch - für wen?
Was bleibt von den
"Paradiesen"?
Die Rettung der Paradiese?
Entwicklung durch Tourismus?
Anmerkungen
Schrumpfende
Ferne - expandierender Tourismus
Kritische Einführung in den 3.Welt Tourismus
von Tina Goethe
"Zu den größten
Kämpfen des Menschen, gut/böse, Vernunft/Unvernunft etc., gehört
auch dieser gewaltige Konflikt zwischen der Phantasie der Heimat und
der Phantasie der Ferne, der Traum von den Wurzeln und der Fata
Morgana der Reise." Salman Rushdie, 1999
Doch die Ferne schrumpft. Was früher weit und ohne Begrenzung schien,
wirkt nun klein und bekannt, spätestens seit auf dem Fernsehschirm zu
sehen ist, wie winzig unsere Welt als blauer Planet in der schwarzen
Unendlichkeit schwimmt. Erst recht seit es für jedermann und jedefrau
technisch möglich und vor allem finanziell erschwinglich ist, im
Reisebüro eine Reise an egal welchen Flecken dieser Erde zu buchen.
Mit dem Flugzeug relativieren sich alle Distanzen. Im Tourismus lässt
sich das Phänomen der Globalisierung persönlich am intensivsten
erfahren.
Der alljährliche
Exodus - auf der Suche nach dem Paradies
Von diesen Möglichkeiten
machen jedes Jahr mehr Menschen aus den Industrieländern (1)
Gebrauch. Gesucht wird neben Erholung und Tapetenwechsel, Freiheit, Glück
und Abenteuer. In Massen begeben wir uns auf die Reise ins imaginierte
Paradies, wie es uns in Katalogen, Reiseführern und Dia-Shows in
verschiedenen Ausführungen als Auswahl à la carte versprochen wird.
625 Millionen TouristInnen waren 1998 grenzüberschreitend unterwegs,
10 Jahre vorher waren es noch 200 Millionen weniger (2).
In Deutschland unternehmen rund 2/3 der Bevölkerung (49 Millionen
Menschen) pro Jahr insgesamt 64,8 Millionen Urlaubsreisen und geben
dafür 69 Milliarden Mark aus - fast doppelt soviel wie 10 Jahre zuvor
(3). Dieser touristische
Vollrausch teilt die Welt in Gesellschaften, die Urlaub kaufen, und
solche, die ihn verkaufen bzw. die Kulisse dafür bieten. Die
Aufteilung verläuft entlang einer nicht nur durch Sonnenwärme
definierten Nord-Süd-Grenze, die sich ständig verschiebt. Noch
liegen die klassischen Urlaubsländer in Europa und die USA an der
Spitze der Top Ten touristischer Destinationen - sowohl bezüglich der
Anzahl internationaler Ankünfte, als auch - und vor allem - bei den
Einnahmen (4). Dennoch lässt
sich bei den Destinationen deutlich eine Trendwende in den letzten
Jahren ausmachen. Der Anteil von Drittwelt-Ländern am internationalen
Reisemarkt ist seit 1970 von 10% auf knapp 30% gestiegen. Fuhren die
Deutschen in den 60er und 70er Jahren noch vornehmlich in die
Mittelmeerländer, reizen heute fernere Ziele: statt Griechenland
Thailand oder Indonesien, statt Spanien die Karibik oder Südamerika.
Bestes Beispiel ist die Dominikanische Republik, die dieses Jahr als
"Mallorca der Karibik" zu Spottpreisen auf dem Markt
gehandelt wurde, während die Balearen ihrerseits versuchen, ihr
Billig- und Ballermann Image aufzupolieren.
Mit Tourismus lässt
sich viel Geld verdienen. Nicht zufällig wird er als einer der
weltweit wichtigsten Wirtschaftssektoren mit den sichersten
Wachstumsraten gehandelt. Kein Wunder also, dass auch viele Länder
der Dritten Welt nach wie vor hoffen, durch Tourismus die
wirtschaftliche Entwicklung anzukurbeln. Die World Tourism
Organisation (WTO) verkündete im November 1998 auf einer Konferenz in
Zimbabwe, wie Tourismus im Kampf gegen die Armut Erfolge erzielen könnte.
Angola als eines der ärmsten Länder Afrikas nimmt sich vor,
Tourismus mit auf die Prioritätenliste des nationalen
Wirtschaftsprogramms zu setzen.(5)
Doch der Euphorie, das für den Urlaub ausgegebene Geld leiste einen
wichtigen Beitrag zur Beseitigung der Armut, bringe notwendige Devisen
und schaffe Arbeitsplätze, stehen ernüchternde Erfahrungen gegenüber.
Auch die Entwicklungszusammenarbeit der 60er Jahre war der Vision
erlegen, die massenhaft Reisenden würden ihre jährliche
"Spende" quasi persönlich bei den Armen abliefern.
Zwischenzeitlich wurde das Image des und der FerntouristIn (zu Recht)
massiv angekratzt. Die durch das jährliche Fernweh verursachten
Probleme, vor allem in den Entwicklungsländern, werden mittlerweile
selbst von der Tourismusindustrie kaum noch geleugnet.
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Wer profitiert
im Geschäft mit den "Paradiesen"?
Die Weltbank als
tonangebende Entwicklungsorganisationen, nationale Tourismus -
Ministerien und VertreterInnen der Tourismusindustrie argumentieren
nach wie vor, dass Tourismus für viele arme Länder eine der wenigen
Möglichkeiten darstellt, um an Devisen zu kommen und Anschluss an den
Weltmarkt zu finden. Als arbeitsintensive Industrie, die
vergleichsweise wenig Investitionskapital benötigt, scheint sie den
Ausgangsbedingungen in Entwicklungsländern gut angepasst zu sein.
Gerade die gefragten Ressourcen, wie "unberührte" Natur und
Kultur, scheint es in diesen Ländern (noch) zur Genüge zu geben. Sie
lassen sich hervorragend vermarkten, da sie der - ebenso gnadenlos
vermarkteten - Paradiessehnsucht zivilisationsmüder EuropäerInnen
entsprechen. Zudem kosten Sonne, Strand und Exotik die
Tourismusindustrie nichts und Arbeitskräfte sind billig.
Doch der Tourismus ist für die Zielländer bei weitem nicht so
profitabel, wie die enormen Ausgaben der Reisenden für ihre Ferien
vermuten lassen. Mehr als die Hälfte der Reiseausgaben werden für
Flugkosten, Veranstalterprovision, Ausrüstung, Gewinne und
Versicherungen usw. ausgegeben und bleiben damit im Herkunftsland der
TouristInnen. Auch Rucksackreisende geben einen Großteil ihres
Budgets im eigenen Land aus - "alternative" Ausrüstung wie
Zelt, Schlafsack, Wanderschuhe und der obligatorische Rucksack sind
inzwischen hightech Produkte und ausgesprochen teuer.
Das, was schließlich im Urlaubsland selber ausgegeben wird, muss
gegen Ausgaben für tourismusbedingte Importe (spezielle Lebensmittel,
Klimaanlagen, Sportgeräte, Baumaterialien, Kläranlagen...), für
Werbekampagnen und Investitionen in touristische Infrastruktur
aufgerechnet werden. Diese Rechnung geht für die einzelnen Länder
jeweils unterschiedlich auf: insbesondere kleine oder wenig
industrialisierte Länder und Inseln verlieren zum Teil bis zu 80% der
Deviseneinnahmen für Importe. Ein Großteil der Tourismuseinnahmen
gelangt damit gar nicht erst in die lokale Wirtschaft. Besonders
problematisch sind die "all - inclusive - Reisen", wie sie
derzeit vor allem in der Dominikanischen Republik angeboten werden.
Essen, Getränke und Unterhaltung gibt es innerhalb der Hotelanlagen
und sind im voraus bei den Veranstaltern bezahlt. Im Umland wird von
den TouristInnen kaum noch konsumiert, von ein paar Souvenirs
vielleicht abgesehen. Zudem wird von den Hotels viel importiert, die
einheimischen Betriebe haben kaum noch eine Chance. Im Mai diesen
Jahres entschied die Regierung Gambias daher, "all - inclusive
Angebote" in ihrem Land zu verbieten.(6)
Das Argument, der Ausbau der für den Tourismus notwendigen
Infrastruktur (asphaltierte Straßen, Flughäfen...), würde auch der
Bevölkerung zugute kommen und daher den Einsatz von Steuergeldern
rechtfertigen, ist eine Frage der Priorität. Für die medizinische
Versorgung der Bevölkerung hingegen, scheint oft nicht ausreichend
Geld vorhanden zu sein. Zumal ist der tatsächlich Nutzen fraglich,
wenn große, ausgebaute Straßen in fast ungewohnte Gebiete führen,
wo sich die Nationalparks befinden.(7)
Der Unterhalt von diesen ausschließlich touristisch genutzten Straßen
und Flughäfen geht zu Lasten des Landes und seiner Bevölkerung und
nicht der davon profitierenden Tourismusindustrie.
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Die globale Schlacht
um die billigsten Paradiese
Im
Glauben an den Goldregen durch die Reiseindustrie haben viele Länder
verstärkt in touristische Infrastruktur investiert. Entstanden sind
touristische Monokulturen, gänzlich abhängig von den Trends und
Moden auf dem globalen Markt. Immer mehr "Paradiese" werden
auf den Markt geworfen, unterbieten sich gegenseitig im Preis. Gerade
die Asienkrise machte deutlich, wie anfällig die Branche ist. Der Rückgang
der Tourismusgeschäfte in Thailand beispielsweise ermöglichte es den
internationalen Reiseveranstaltern, die Preise zu drücken, da lokale
Anbieter aufgrund schlechter Auslastung der Hotels gezwungen waren,
niedrige Preise zu akzeptieren. So war selbst eine Nacht in einem
Luxushotel für unter 50 US$ zu haben.(8)
Vor allem Inselstaaten haben ganz auf die touristische Karte
gesetzt - 87% des Bruttoinlandprodukts der Inseln Barbados und Antigua
(im Vergleich dazu Spanien: 5.2%) stammen aus Tourismuseinkünften.(9)
Sie unterliegen im besonderen Maß dem Diktat der internationalen
Tourismuskonzerne, die zunehmend die verschiedenen Sektoren im
Tourismus in sich vereinen. So arbeiten Hotelketten, Reiseveranstalter
und Fluggesellschaften immer enger zusammen und fusionieren zu
transnationalen Unternehmen. Kleinere Unternehmen haben in dieser
Branche daher nur begrenzt Chancen und sind dem Druck der Großen
ausgesetzt. Der Preiskampf untereinander ist gnadenlos, gespart wird
wie immer am untersten Ende der Kette, bei den Löhnen für die
Dienstleistenden vor Ort. Frauen sind da billiger als Männer (ihr
Lohn liegt in Entwicklungsländern durchschnittlich ca. 30%, in
Industrieländern ca. 20% niedriger), Kinder kosten fast nichts. Kein
Wunder also, dass der Anteil der Kinderarbeit gerade im Tourismus
besonders hoch ist (10).
Andererseits wächst der Druck, die touristischen Destinationen an
internationalen Standards auszurichten - westliche Reisende sollen
sich überall wie zu Hause fühlen. Ferienziele werden dadurch immer
austauschbarer und den UrlauberInnen wird es zunehmend gleichgültiger,
in welches Land sie fahren - Hauptsache Wetter und Service stimmen.(11)
Dass die Reisemotivation vieler TouristInnen sich eher aus dem
"weg von" - raus aus dem Alltag - speist, als dem "hin
zu", hatte der Gesellschaftskritiker Hans Magnus Enzensberger
schon vor 40 Jahren konstatiert. Erwartungen der Nachfrage und
Ausgestaltung des Angebots bestimmen sich auch im Tourismus
gegenseitig. Das "Exotische" und das "Fremde" soll
in möglichst verträglicher Form präsentiert werden. Hotels,
Restaurants und Einkaufszentren werden an internationalen, also
westlichen Standards ausgerichtet. Es kann dazu führen, dass wir
nahezu überall auf der Welt das Gefühl haben, schon mal da gewesen
zu sein.
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Paradiesisch
- für wen?
Tourismus in
Entwicklungsländern schafft Arbeitsplätze, heißt es. Tatsächlich
steht ein Heer von Dienstleistenden bereit, um für das Wohl der
Reisenden zu sorgen. Zimmermädchen, Beachboys, Barmixer, Tourguides,
Schuhputzer, SouvenirverkäuferInnen, Sexarbeiterinnen, FolkloretänzerInnen,
Taxifahrer und viele mehr verdienen mehr schlecht als recht am
Tourismus. Doch wie viel und unter welchen Bedingungen? Die zum Großteil
schlecht bezahlten Jobs sind saisonal begrenzt und bieten nur selten
arbeitsrechtliche Sicherheiten. An die höher qualifizierten Stellen
kommen nur wenige der dort lebenden Menschen, da es um die Ausbildung
im touristischen Bereich meist schlecht steht. Große, internationale
Hotelketten bringen einen Teil ihrer Angestellten sogar selbst mit.
Der Ausbau touristischer Infrastruktur, wie beispielsweise große
Hotel- und Vergnügungsanlagen, macht vielerorts andere Arbeitsmöglichkeiten
zunichte. So haben in Tansania ausländische Investoren ganze Strände
in Beschlag genommen und den Fischern den Zugang zu den Gewässern
verboten, von denen sie bisher lebten. (12)
Auf den Philippinen sollen auf Reisfeldern Golfplätze angelegt
werden. (13) Auch die
Nachricht von der malaysischen Insel Redang, wo für den Bau eines
komfortablen Landestegs und ein weiteres Tourist - Resort mit 150
Villen ein ganzes Dorf zwangsumgesiedelt wurde, ist bei weitem kein
Einzelfall. (14)
Andererseits ziehen touristische Regionen tatsächlich viele
Arbeitssuchende an, oft länger, als das Arbeitsangebot reicht. Nicht
immer geht die Rechnung vom einfach verdienten Geld auf und anderen
Produktionssektoren wie der Landwirtschaft gehen Arbeitskräfte
verloren.
Im touristischen Sektor werden koloniale (Dienst-)Verhältnisse
wiederbelebt. Für ein geringes Trinkgeld hat die lokale Bevölkerung
den weißen TouristInnen freundlich zu Diensten zu sein. Zwischen der
Inanspruchnahme der Menschen und ihrer Lebensweisen als Kulisse und
unbezahlte Fotomodelle und Sextourismus als krassestem Ausdruck dieses
Ausbeutungsverhältnisses bestehen fließende Grenzen. Wer dient und
wem gedient wird ist nicht zufällig - die Rollenzuteilung erfolgt
entlang von Herrschaftsverhältnissen, die sich über Haut und
Geschlecht definieren. So wurde ein in Deutschland studierender
Kenianer, der eine Pauschalreise in sein Heimatland buchte, die ersten
Tage in seinem Hotel schlichtweg ignoriert bzw. als Angestellter
angesprochen. (15) Einer
schwarzen Tansanierin, die sich in Sansibar aufhielt, wurde der
Service in einer Hotelbar verweigert - Schwarze hätten in diesem
Hotel (als Gäste wohlbemerkt) keinen Zutritt. (16)
Dort, wo der Zugang in die touristische Welt den Einheimischen
nicht explizit verboten ist, ist er ihnen dennoch meist faktisch
verwehrt, da die Preise verglichen mit dem landesüblichen Niveau
horrend sind. Über die gesteigerte Nachfrage an Land, Lebensmitteln
und anderem steigen die Preise jedoch auch außerhalb des direkten
touristischen Umfeldes und die lokale Bevölkerung sieht sich mit
einem stetigen Anstieg der Lebenshaltungskosten konfrontiert. In
Gambia erhöhte sich der durchschnittliche Tageslohn von 1,55 US$
(1972) auf 2,85 US$ (1980), während sich im gleichen Zeitraum die
Lebenshaltungskosten mehr als verdoppelten, so dass der Reallohn unter
den Stand von 1972 sank. (17)
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Was bleibt
von den "Paradiesen"?
Die
ökologischen Auswirkungen unserer Erholungsbedürfnisse sollten
eigentlich aus Erfahrungen "vor der Haustür" längst
bekannt sein. Teile der Mittelmeerküste und insbesondere der
Alpenraum bieten traurige Beispiele. Was dort an Verbauung,
Landschaftsvernutzung und -zerstörung inzwischen als bedauerliche
Fakten hingenommen wird, wurde in vielen Ferienzielen in Entwicklungsländern
wiederholt und steht anderen erst noch bevor. Neben dem einmaligen
Eingriff in die Landschaft durch den Bau einer großen Hotel- und
Vergnügungsanlage, der das Ökosystem gänzlich verändert, leiden
Land, Luft und Bevölkerung kontinuierlich unter dem massiven
Ressourcenverbrauch der TouristInnen. Insbesondere Golftourismus ist
Wasser- und Landschaftsfresser Nummer 1. So entspricht der Fläche
eines Golfplatzes ungefähr der von 40 Reisfeldern mit einer
Jahresproduktion von 500.000 kg Reis. Das für die glattgemähten
Spielwiese verbrauchte Wasser würde den täglichen Bedarf an
Trinkwasser von 15.000 EinwohnerInnen in Manila decken oder 65 ha
Ackerland bewässern. Aber auch Duschen, Swimming Pools und
Wassertoiletten, die zur Grundausstattung auch der einfacheren Hotels
gehören, verursachen in vielen Gebieten Wasserknappheit, die jedoch
nur die lokale Bevölkerung im Haushalt oder in der Landwirtschaft zu
spüren bekommt. Das Wasser fehlt damit für die Produktion von
Nahrungsmittel, als sicheres Trinkwasser und für die tägliche
Hygiene.
Auch RucksacktouristInnen sind Teil der Umweltproblematik. Ein
beliebiges Beispiel ist die Vermüllung eines 33km langen Wanderwegs
in Peru. Auf dem sogenannten Inka Trail zur Inkafestung Machu Picchu
wurden im Jahr 1983 400 Kilogramm leerer Dosen eingesammelt - das
entspricht etwa 16.000 Thunfischbüchsen. 40% der Dosen trugen
deutsche Aufschriften. (18) Das
Umweltbewusstsein Einzelner mag sich inzwischen verändert haben, die
grundsätzliche Problematik bleibt bei der massiven saisonalen und
geographischen Konzentration von UrlauberInnen auch bei den besten
Absichten bestehen.
Am deutlichsten zeigen sich diese Umweltprobleme auf Inseln, wie z. B.
den Malediven. Sie sind weit fragiler als Festlandgebiete - ihnen
fehlt das Hinterland zur Müllentsorgung und ihre Wasserreserven sind
begrenzt. Jede Insel ist ein Mikrokosmos, eine Erde im Kleinen. Für
die Erde seien Inseln das, was früher Kanarienvögel für Bergleute
waren, meint Anjali Acharya vom Washingtoner World Watch Institute:
"Ein kranker Kanarienvogel zeigte schlechte Luft in den Stollen
an; kranke Inseln könnten den Rest der Welt vor ihrer Zukunft
warnen." (19)
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Die Rettung
der Paradiese?
Die Phase der
bitteren Erkenntnisse ökologischer Katastrophen hat die
Tourismusdebatte jedoch inzwischen hinter sich gelassen. Heute wird
dem Tourismus selbst von vielen seiner ehemaligen KritikerInnen sogar
eine positive Rolle zugesprochen: "Tourismus - vorzugsweise Ökotourismus
- ist längst zum unverzichtbaren Faktor im weltweiten Naturschutz
geworden und leistet in diesem Zusammenhang unstreitig täglich neue
Schrittmacherdienste", ist in einer Veröffentlichung der
Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (gtz) nachzulesen. (20)
Mit der Zauberformel des "nachhaltigen Tourismus" hat die
Entwicklungszusammenarbeit den Tourismus wieder entdeckt. Es geht um
eine "Form des verantwortungsbewussten Reisens in naturnahe
Gebiete, die negative Umweltauswirkungen und sozio-kulturelle Veränderungen
zu minimieren sucht, zur Finanzierung von Schutzgebieten beiträgt und
Einkommensmöglichkeiten für die lokale Bevölkerung schafft."
Laut der BefürworterInnen dieses Konzeptes biete der Ökotourismus ökonomische
Anreize zum Erhalt von Naturräumen und Biodiversität. Gedacht wird
hauptsächlich an kleinere Projekte, idealerweise in Zusammenarbeit
mit lokalen Gemeinschaften. Auch die sogenannte "kulturelle
Identität" lokaler Gemeinschaften würde durch das (zahlende)
Interesse der TouristInnen gestärkt. Nach rein ökonomisch-monetären
Überlegungen werden Natur und Kultur - in "Wert gesetzt".
Das geht oft zu Lasten traditioneller Landnutzungsarten, die auf dem
(touristischen) Weltmarkt keinen "Mehrwert" besitzen.
Generell besteht in dieser Logik, die Ökonomie und Ökologie auf
einen Nenner bringt, die Gefahr, dass alle kulturellen und sozialen
Beziehungen von Mensch zu Mensch und Mensch zu Natur zu
Warenbeziehungen degradiert werden. Ein "monetäres Inwertsetzen"
schützt die Menschen nicht vor ökonomischer Ausbeutung. Tourismus
tendiert dazu, Menschen als Träger bestimmter "Kulturen" zu
Waren zu degradieren. Auch der Ökotourismus kündigt diesbezüglich
keine positive Änderung an. Die Wendung vom Tourismus als
"Landschaftsfresser" (21)
hin zum "Tourismus als Instrument für nachhaltige
Entwicklung" ist damit nicht einmal in der Theorie erfolgreich
vollzogen.
Vernachlässigt wird ebenso der grundsätzliche Widerspruch, dass auch
ÖkotouristInnen den Flieger benutzen, um ihr Projekt mit dem grünen
Punkt zu erreichen. Mit einer einzigen Flugreise an die Westküste Südamerikas
belastet einE PassagierIn die Atmosphäre so stark, wie ein deutscher
Durchschnittsautofahrer in mehr als 2 Jahren, ist der
Greenpeace-Studie zur Klimaschädlichkeit des Luftverkehrs zu
entnehmen. Die bereits zitierten Autoren der gtz geben zu, dass
Ferntourismus in der Summenbilanz unter sozialen wie ökologischen
Gesichtspunkten mehr Schaden anrichtet, als er nutzt. Folgen für die
Propagierung dieses neuen Allround-Rezeptes hat ihre Einsicht jedoch
nicht.
Die Tourismusindustrie nimmt das ökotouristische Konzept mit Freuden
auf, verspricht es doch eine Angebotsdifferenzierung und damit eine
neue Marktnische. Was sich dann unter der Bezeichnung "öko"
alles findet, ist mehr als haarsträubend. So will Südafrika
beispielsweise bis 2000 führende Ökotourismus-Destination werden.
Dazu sollen allein 30% der Fläche des Maputalandes zum Maputa
National Park zusammengefasst werden und unter Heranziehung
"weltbester wissenschaftlicher Experten einem intensiven ökologischen
Rehabilitierungsprogramm" unterzogen und mit Wildtieren aufgefüllt
werden. (22) Für die
Errichtung von Luxusunterkünften, Busch-Suiten und Privatflugplätzen
wurden von der Weltbank und der südafrikanischen Industrie 12
Millionen Dollar bereitgestellt. Wieder einmal wurden die ansässigen
Menschen nicht an dieser monströsen Planung beteiligt. Zudem droht
ca. 8000 BewohnerInnen allein aus der Provinz Dukuduku die Vertreibung
im Zeichen des Naturschutzes. Auch aus dem Grenzgebiet zwischen Burma
und Thailand gibt es Berichte, denen zufolge ein schwer zugängliches
Waldgebiet im Norden Thailands als ökotouristische Attraktion genutzt
werden soll. Da "bewusst Reisende" nicht nur "ursprüngliche"
Landschaften genießen wollen, sondern sich auch für deren
BewohnerInnen samt ihrer Kultur interessieren, ist von Seiten der
Planenden die Errichtung neuer Dörfer für die Karen - die
derzeitigen BewohnerInnen des Waldgebietes - vorgesehen. Dort können
diese dann ganz "authentisch" von den TouristInnen in ihrem
Alltag beobachtet und sicherlich auch fotografiert werden - mit allem
Respekt versteht sich.
Sicherlich stehen diese Beispiele nicht für ernstgemeinte Projekte im
Sinne von Umwelt- und Sozialverträglichkeit. Doch auch die
"echten" Projekte haben bisher keine verallgemeinerbaren Lösungen
für die anfänglich skizzierten Probleme gefunden, so dass bisher
nicht guten Gewissens von der Möglichkeit eines "nachhaltigen
Tourismus" gesprochen werden kann. Denn wer wirklich von dieser
neuen und "guten" Form des Reisens profitiert, bestimmen
nach wie vor die Gesetze des internationalen Marktes.
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Entwicklung
durch Tourismus?
Sicherlich nur für
diejenigen, die die Entwicklung eines Landes ausschließlich an dessen
Bruttoinlandsprodukt festmachen. Sicherlich nicht für diejenigen, die
für selbstbestimmte Entwicklungsmöglichkeiten der Menschen in allen
Teilen der Welt einstehen. Unter gegebenen wirtschaftlichen und
politischen Bedingungen werden Rechte und Bedürfnisse der Bevölkerung
in den touristischen Zielländern bestenfalls nicht berücksichtigt,
schlimmstenfalls verletzt. Auch im Tourismus ist eben der Kunde König,
und der konsumiert - wenn´s das Konto erlaubt - nach Herzenslust rund
um die Welt.
Tina Goethe
(Quelle: Umschau Januar/2000, S. 1-5)
Mit freundlicher Genehmigung von FernWeh
Anmerkungen
(1) 99% aller
TouristInnen weltweit sind in Europa, Nordamerika, Australien,
Neuseeland und Japan zuhause. Vgl. Integra Magazin 2/99.
(2) WTO-Statistik "Tourism Highlights 1999"
(3) SPIEGEL special 2/97
(4) Nur China und Mexiko schafften es in die Top Ten ´98, bezüglich
der Einnahmen liegt Mexiko nur auf Platz 14. WTO-Statistik "Tourism
Highlights 1999"
(5) WTO news, Dec/Jan 1999
(6) Arbeitskreis Tourismus & Entwicklung Basel (akte),
Kurznachrichten 3/99
(7) Christian Stock (1997): Trouble in Paradise. Tourismus in die
Dritte Welt. iz3w Freiburg.
(8) Christine Plüss (1999): Die Mär vom nachhaltigen Wachstum des
Tourismus. In Rundbrief Forum Umwelt und Entwicklung 1/1999
(9) WTO 1996
(10) Christine Plüss (1999): Ferienglück aus Kinderhänden.
Kinderarbeit im Tourismus. Rotpunktverlag
(11) Fachtagung der Deutschen Gesellschaft für Tourismusforschung,
vergl. Tourism Watch 3/99
(12) akte - Kurznachrichten 3/99
(13) akte - Kurznachrichten 3/98
(14) Tourism Watch 3/97
(15) Gespräch mit dem Betroffenen während eines Seminars zu
Tourismuspolitik in Loccum
(16) akte - Kurznachrichten 3/99
(17) Mechtild Maurer in: Solidarische Welt 3/90
(18) Peter Zimmer (1984): Alternativtourismus - Anspruch und
Wirklichkeit
(19) SPIEGEL special 2/1997
(20) Jürgen Wolters (1998) in: (Öko-)tourismus als Instrument für
nachhaltige Entwicklung? Tourismus und Entwicklungszusammenarbeit. gtz.
(21) Jost Krippendorf (1976): Die Landschaftsfresser. Tourismus und
Erholungslandschaft. Verderben oder Segen? Bern
(22) Ökozid journal 11/96 |