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SEELEN IN KRÜMELNvon Wolfgang Engelmaier Kleine Herzen kann man leichter brechen. Der sexuelle Mißbrauch von Kindern hat in Südafrika katastrophale Ausmaße angenommen. In der Diözese Mariannhill hilft ein Team von Idealisten geschundenen Kindern zu einer Zukunft ohne Trauma. Als Jeanette ihre damals 9jährige Tochter Mandy einmal dabei beobachtete, wie sie mit einer riesigen Schere Löcher in ihre schönste Bluse schnitt, wußte sie, daß etwas definitiv nicht in Ordnung war. Schon vorher war ihr aufgefallen, daß Mandy scheinbar grundlos Seife zerkrümelte und sich wieder und wieder am ganzen Körper wusch. "Wie ein Messer" durchbohrte Jeanette mit einem Mal die Gewißheit, daß ihrem Kind Schreckliches angetan worden war. Natürlich schaut Jeanette fern, auch kann sie lesen, und so weiß sie, daß in Südafrika eines von vier Mädchen während seiner Kindheit sexuell mißbraucht wird. Aber ihre Mandy? Zugegeben: Ihre Leistungen in der Schule waren in letzter Zeit dramatisch gesunken, sie weinte oft, und wenn ihre Mutter sie streicheln wollte, zuckte sie zurück und fing an, am ganzen Leib zu zittern. Doch Mandys Mund blieb verschlossen: Stumm schüttelte sie den Kopf, wenn Jeanette sie fragte, ob sie etwas auf dem Herzen habe. Dann klopfte es eines Tages an
der Tür. Draußen stand Judy Figland vom Kinder- Zentrum der Diözese
Mariannhill, die sie für den nächsten Tag in ihr Büro einlud - zu
einer Beratung. Seit sie 5 war, lebte Mandy tagsüber unter der Obhut ihrer Großmutter, denn ihre Mutter mußte für den Unterhalt der drei sorgen, seit sich der Vater des Mädchens aus dem Staub gemacht hatte. Von Anfang an erhielt die Großmutter Besuch von einem Fremden, manchmal verließ sie während dieser Zeit das Haus, und eines Tages, als sie allein waren, fiel dieser Mann über Mandy her und vergewaltigte sie. Halbtot vor Schmerz und Angst erzählte das Kind der Großmutter, was geschehen war, doch die schlug ihr ins Gesicht und brüllte sie an, den Erwachsenen müsse man mit Respekt begegnen und nicht Lügen über sie verbreiten. Später stellte sich heraus, daß die Frau vom Schänder ihrer Enkelin bestochen und bedroht worden war: "Du nimmst das Geld und schweigst; wenn die Sache hochkommt, bist du tot." Ebenso drohte die Großmutter dem Mädchen: "Wenn du deiner Mutter etwas sagst, bringe ich dich um." An den Wänden im Beratungszimmer des diözesanen Kinder-Zentrums hängen 6 Regeln, die Kindern wie Mandy das Leben retten können. 6 Regeln, die Judy Figland und ihr Team wieder und wieder in Pfarren und Schulen, in Kursen und Beratungsgesprächen ins Gedächtnis von Eltern, Lehrern und Kindern hämmern: Dein Körper ist heilig. Niemand hat das Recht, etwas damit zu tun, was du nicht willst. Schaffe dir ein Netz: Schreib die Leute, an die du dich immer wenden kannst, auf eine Liste und hänge dir diese Liste wie ein Amulett um den Hals. Du darfst über alles reden, am besten mit den Leuten auf deiner Liste. Geh gefährlichen Leuten aus dem Weg. Wenn du Gefahr spürst, zieh dich zurück. Im Notfall darfst du Regeln brechen. Judy dazu: "In Südafrika wird den Kindern ständig gesagt, sie müssen die Erwachsenen respektieren, und sie sollen tun, was ihnen ein Erwachsener sagt. Aber wenn ein Onkel sagt, zieh dein Kleid aus, dann ist es gut und richtig, ihm nicht zu gehorchen. Normalerweise wäre es auch nicht richtig, einen Erwachsenen zu beißen oder mit den Fäusten zu bearbeiten, aber wenn du in Gefahr bist, dann tu genau das." Sei auf der Hut. Judy: "Wir spielen mit den Kindern gefährliche Situationen durch: Mary ist allein in ihrer Hütte, Papa und Mama sind nicht zu Hause, und sie hört ein lautes Klopfen an der Tür. Stell dir vor, du bist Mary, was tust du? - Das fragen wir die Kinder und sie suchen selbst nach einer Lösung. Wenn sie dann in so eine Lage geraten, wissen sie, was zu tun ist: die Nachbarin rufen, beim Fenster rausschleichen, und so weiter. Dann sind sie nicht überrumpelt, denn wenn sie unvorbereitet angegriffen werden, sind sie starr vor Schreck und können sich kaum wehren." Guter Rat gratis - aber zu spät für Jeanette und ihre Mandy. Wenigstens, so entschied die geschockte Mutter im Gespräch mit Judy Figland und Mrs. Bhengu, sollte der Mann gestellt und zur Rechenschaft gezogen werden. Sie würde ihn anklagen und hinter Gitter bringen. Eine mutige Entscheidung, zu der sich in Südafrika nur weniger als ein Zehntel aller Opfer von Vergewaltigungen bzw. deren Erziehungsberechtigte durchringen können. Die meisten Eltern bringen ihre vergewaltigte Tochter nicht einmal zum Arzt, wie Shaun Dunn, der Jurist des Kinder-Zentrums zu berichten weiß: "Sie sagen, der Bus sei zu teuer, und schicken das Kind ins Badezimmer, um sich zu waschen. So zerstören sie wichtige Spuren, die den Täter festnageln könnten." Besonders schwierig sei es, an Täter heranzukommen, die für die Familie die Brötchen verdienen. Wer das Geld nach Hause bringt, genießt fast unbeschränkte Freiheiten. Außerdem werden familien-interne Angelegenheiten in Afrika gern im kleinen Kreis behandelt - von Totschweigen bis Lynchjustiz reicht da die Palette der Maßnahmen. Wobei "Familien" in den seltensten Fällen das sind, was man in Mitteleuropa darunter versteht: Armut, AIDS und das Apartheid-Erbe der Wanderarbeit haben Väter, Mütter und Kinder auseinandergerissen. "Unsere Erfahrung zeigt, daß 90% der Sexualverbrechen an Kindern in Familien geschehen, wo ein Elternteil - oder beide - nicht zur Verfügung steht oder die Kinder bei ihren Großeltern oder Verwandten aufwachsen", erklärt Judy Figland. In 60% der Fälle sind außerdem Alkohol und Drogen im Spiel, weitere Faktoren, die Kinderleben gefährlich machen, sind: die fehlende Intimsphäre in den kleinen Hütten und Häusern, die weit verbreitete Arbeitslosigkeit sowie das Zerbröseln der Moral. "Früher hat man Vergewaltiger zum Häuptling gebracht und der hat dafür gesorgt, daß der Mann für immer geächtet wird", erinnert sich Theresa Bhengu, die Direktorin, an die Zeit ihrer Kindheit, die noch eine beschützte war: "Heute werden die Übeltäter nicht einmal mit Verachtung bestraft, weil es einfach zu viele sind." Wenigstens einigen davon wird im Kinder-Zentrum von Mariannhill das Handwerk gelegt. Üblicherweise melden die Lehrer und Direktoren, mit denen Judy Figland Kontakt hält, bedenkliche Fälle an sie weiter. "Das merke ich doch, wenn ein Kind mit rotgeränderten Augen in der Bank sitzt oder dauernd auf die Toilette muß", erklärt Mrs. Bhengu. Gemeinsam mit Judy sucht sie dann das Gespräch mit der Mutter, und wenn diese zustimmt, wird auch das Kind einbezogen. "Viele sind erleichtert, endlich reden zu können", sagt Judy, "andere weinen nur, aber dann weißt du auch, was los ist." Mutter und Kind entscheiden dann meist gemeinsam, wie sie die Gefahr bannen bzw. den Täter stellen können. Wenn die Mutter einwilligt, vor Gericht zu gehen, erhält sie im Kinder-Zentrum die nötige rechtliche Begleitung. Parallel oder alternativ zum Gerichtsverfahren helfen Judy und ihr Team dem Kind, seine traumatischen Erfahrungen zu verarbeiten - durch Gespräche oder Zeichnen, auch in der Gruppe durch Theaterspielen und Geschichtenerzählen. "Die Kinder sollen ihre Angst, ihre Wut und ihren Schmerz nicht hinunterschlucken, sondern bewältigen. Nur so wird der Weg frei für eine Zukunft ohne Trauma." Einer solchen Zukunft ist Mandy nahegekommen - obwohl ihr Leben auch seit jenem Tag, als sie sich ihrer Direktorin anvertraute, nicht ohne Rückschläge verlaufen ist. Jeanette, ihre Mutter, hatte den Peiniger ihrer Tochter vor Gericht gebracht, und der wurde zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt - in erster Instanz. Der Fall erregte großes Aufsehen, die Verwandten des Mannes bezichtigten Mandy und ihre Mutter der Lüge, und in der Schule begannen die Kinder, sie "Hure" zu rufen. Dann berief der Mann gegen das Urteil und wurde in zweiter Instanz freigesprochen. Seither leben Jeanette und Mandy in ständiger Angst vor seiner Rache. Immerhin gelang es den Leuten vom Kinder-Zentrum, für Mandy einen Platz in einer katholischen Privatschule zu finden. "Sie hat sich sehr gut eingelebt und hat bei allen Tests hervorragende Noten", freut sich Judy Figland, "und wenn sie groß ist, wird sie auf eines ganz besonders achten: daß ihren Kindern niemals das widerfährt, was ihr geschehen ist - das hat sie mir versprochen!" © Wolfgang Engelmaier |
| Eingerichtet: 15.06.01 |
Modifiziert: 14.10.03 |