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Patricia Melo:
O Matador

Vorstellung des Textes

Zwei Jahre lang sammelte Patricia Melo Material über professionelle Killer in Brasilien. Die Autorin interviewte zahlreiche von ihnen im Gefängnis von Sao Bernardo do Campo. Herausgekommen ist die authentisch wirkende Geschichte ihres jugendlichen Helden Maiquel, aus dessen Perspektive der Roman erzählt wird. „Mein Held", sagt Patricia Melo selbst, „beginnt durch Zufall zu töten und gerät so in eine Spirale von Gewalt, Macht und Geld... Ein Verhängnis folgt dem anderen wie in einer griechischen Tragödie." Das Ende dieser Rhapsodie voller Blut und Gelächter ist damit vorgezeichnet: „Wir fuhren auf der Landstraße, ich saß am Steuer. Ein kalter Wind, Ennoque stellte das Radio an. Die Polizei, sagte der Sprecher, ist noch immer auf der Suche nach Maiquel, dem Verbrecher, der beschuldigt wird, weitere – ich versetzte dem Radio mit voller Wucht einen Fußtritt, das blöde Ding kaputt." Er läßt seinen Freund aussteigen und fährt allein. „Es war mir scheißegal, was passierte, ich wollte alles hinter mir lassen, geradeaus weiterfahren, bis ich ein Loch finden würde, in das ich ich verkriechen könnte, ein Loch, um mich zu verstecken, ein Loch, bis die Kälte vorbei wäre, bis es Zeit wäre, rauszukommen."

Die italienische Zeitung „Liberazione" schreibt über den Roman: „Es ist eine Geschichte, dicht, atemlos, bissig geschrieben in einem Stil, der von einer degenerierten Großstadtrealität erzählt, die vielleicht die Zukunft aller Megastädte sein wird."

Maiquels Killerkarriere beginnt mit einer verlorenen Fußballwette in einer Kneipe in Sao Paulo. Als er, blondgefärbtes Haar, mit seiner dunkelhaarigen Superbraut Cledir erscheint, glotzen alle verblüfft und einer lacht: Suel. Maiquel fordert ihn zum Duell heraus: „Morgen um sechs Uhr, vor Tonhaos Bar." Am folgenden Tag schwänzt Maiquel die Arbeit; er bekämpft Zahnschmerzen und Angst und besorgt sich ein Gewehr. So erscheint er mit Cledir auf dem Duellplatz. Aber Suel verweigert den Zweikampf. „Du kannst schießen, rief er, erschieß mich von hinten." Maiquel feuert zweimal und trifft. „Er war der erste Mensch, den ich umgebracht habe. Bis dahin war ich nur ein Junge, der Gebrauchtwagen verkaufte und Fan vom F.C. Sao Paulo war." Maiquel ist starr vor Schreck. Seine Freunde reden auf ihn ein unterzutauchen. Sein Fluchtversuch scheitert kläglich. Er sieht sich schon im Kittchen. Aber nichts passiert. Jedenfalls nichts, was Maiquel erwartet: Keine Polizei, keine Verhaftung. Im Gegenteil: Plötzlich ist er in seinem Stadtviertel ein Held, der von allen bewundert wird und Geschenke erhält. „Mein Herz war wie ein Bienenstock, lauter Bienen. Ich hielt es zu

Hause nicht mehr aus. Als ich die Tür aufmachte, fand ich einen Haufen Pakete auf der Schwelle: Zigaretten, Hackfleisch, Bier, Schnaps und Blumen. Es gab auch eine Karte in Kinderhandschrift: Danke, Maiquel. Eine andere: Geschieht Suel recht! Frauenhandschrift. Verbrecher müssen sterben, Männerhandschrift. Er mußte sterben, weil er für die Gesellschaft nicht taugte, Schreibmaschine."

Die gesellschaftliche Resonanz auf seinen Mord ist überwältigend positiv und weist damit auf die Nicht-Existenz jeglicher Rechtsnormen hin. Der Macho Maiquel ist offenbar der einzige, der seine Tat verurteilt. Aber Maiquel kapiert schnell, daß Reue fehl am Platz ist. Von Zahnschmerzen getrieben, geht er zu Dr. Carvalho, der ihm einen Vorschlag macht: „Ich will Ihnen mal was sagen, mein Junge, Sie haben miserable Zähne, ich bin Zahnarzt, ich habe ein Problem, und Sie haben schlechte Zähne. Wir können einander helfen. Eine Hand wäscht die andere. Ich behandele umsonst Ihre Zähne, und Sie erledigen eine Kleinigkeit für mich. Einverstanden? Ich würde gerne gute Zähne haben. Einen Scheißkerl umbringen sollen Sie, das möchte ich von Ihnen."

Und wieder bestärkt ihn die Resonanz des Viertel, sein Gewissen auszuschalten: „Jeder im Viertel brachte mir ein Stückchen Haß, das ich schlucken sollte... Ich schluckte alles hinunter und fühlte nichts. Aber als Dr. Carvalho mich nach Neuigkeiten fragte, kehrte ich mir selbst einfach den Rücken zu, ließ die Worte wie automatisch aus meinem Mund kommen. Es ist alles arrangiert, sagte ich, nur der Revolver muß gekauft werden... Dr. Carvalho war nicht mein Arbeitgeber, aber ich folgte ihm, weil er ein guter, ehrlicher Mensch war und seinen Teil der Abmachung erfüllte und faule Zähne plombierte."

Damit beginnt der Killer Maiquel seine „Behandlung" der gesellschaftlichen Problemfälle. In einem immer dichter werdenden Stakkato brutaler Morde beseitigt er meist jugendliche Diebe und Herumtreiber, die den Geschäftsleuten im Viertel unbequem sind. Diese honorieren Maiquels Dienste mit Geld und plombierten Zähnen. Der ehemalige Autoverkäufer Maiquel erfährt einen rasanten gesellschaftlichen Aufstieg: „Am Ende einer langen Kette bestialischer Mordtaten ist er der wohlhabende Chef einer kleinen Sicherheitsfirma, die mit der Polizei Hand in Hand zusammenarbeitet. Mit der Auszeichnung „verdienter Bürger der Stadt" hat er den Höhepunkt gesellschaftlichen Ansehens erreicht – und wie in einer klassischen Tragödie beginnt damit sein unaufhaltsamer Abstieg. Im Blutrausch hat er den Falschen getötet: den Sohn eines reichen, angesehenen Arztehepaares. Diese Tat können die offiziellen staatlichen Institutionen nicht ignorieren. Nach dem Mörder wird gefahndet. Und seine gewalttätige, exzessive Sexualität, sein dumpfer Machismo wird ihm letztlich zum Verhängnis. Er landet hinter Gittern; nur ein weiterer Mord und Korruption verhelfen ihm zur perspektivlosen Flucht.

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Eingerichtet: 20.08.99

Modifiziert: 03.09.01