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Mat. 5

Wind der Apokalypse

Paulina Chiziane

Die Gespräche werden unterbrochen, alle verstummen. Draußen bellen die Hunde, der Wind weht, und die Hähne krähen. Wusheni ist aufgeregt, die Mutter zündet das Feuer an. Aus einem Gang unter der Erde ist das verängstigte Piepsen einer Maus zu hören, wahrscheinlich greift das Männchen das Weibchen an oder, wer weiß, ...

Die Gespräche flammen wieder auf, um die Zeit totzuschlagen. Das Familienoberhaupt kann sich nicht entschliessen, die Verhandlungen aufzunehmen, Sianga dreht eine Runde um die andere im Hof. Vielleicht wartet er noch auf jemand. Die Stimmen werden lauter, wieder leiser und dann wieder lauter. Endlich tritt Sianga ein, und alle verstummen. Er öffnet die Lippen und wirft Begrüßungsworte in die Runde, sein Gesicht glättet sich in einem schiefen Lächeln, das seine kaputten und vom Tabak verfärbten Zähne zeigt wie schlecht behauene Steine. Er setzt sich und braucht endlose Minuten, um seinen unentbehrlichen Kautabak zu sich zu nehmen. Dann wirft er den Anwesenden hastige Worte zu, ohne eine Antwort abzuwarten:

»Seid alle gegrüßt, es geht uns gut, danke, ich habe gehört, daß die kleine Enkelin von Sigaule krank ist, wie geht es ihr jetzt, Tante? Nachbarin Maria, mein Beileid für deinen Verlust. Meine Familie ist in Frieden mit Gott, ahee... Ich danke euch, daß ihr gekommen seid. Ich habe euch in einer wichtigen Angelegenheit zusammengerufen. Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um für meine Söhne zu sprechen. Sie verabschieden sich, weil sie bald nach Südafrika gehen werden. Sie wandern aus, um den Lebensunterhalt zu verdienen, hier hat das Leben keine Zukunft. Ihre Frauen werden bei uns bleiben. Gut, aber was uns heute zusammenführt, das ist meine Wusheni.«

Er macht eine Pause. Die Stimme Siangas dringt wie ein Dolchstich in die Brust seiner Tochter Sie bewegt sich unruhig, wie jemand, der sich für einen Krieg vorbereitet. Übelkeit befällt sie, sie steht auf; rennt hinaus und übergibt sich. Mit zitternden Knien kehrt sie zu ihrem Platz zurück und setzt sich.

»Meine Wusheni ist reif, sie ist schön. Sie ist alt genug, um Früchte zu tragen. Nun ist die Zeit der Ernte, ich werde eine Entschädigung erhalten für all die Mühe, die wir auf ihre Erziehung verwendet haben. Muianga hält um ihre Hand an, und ich bin einverstanden. Wir sind heute hier, um über den Lobolo zu sprechen. Er ist einer der großen Männer dieser Gegend, und in seinem Haus fehlt der Mais nicht. Meine Wusheni, bei diesem Mann wirst du nie Hunger leiden.«

»Ich will diesen Mann nicht und auch keinen andern.«

»Wer hat dich nach deiner Meinung gefragt, Mädchen? Bist du verrückt geworden? Wer hier entscheidet, das bin ich, ich bin das Familienoberhaupt, oder etwa nicht?«

»Vater, ich werde niemals mit diesem Mann zusammenleben.«

»Mit wem willst du denn leben?

»Mit dem wunderbarsten Mann dieser Welt, den alle verachten und den ich liebe. Er ist arm, er ist stark und gut.«

»Das muß Dambuza sein. Was findest du an diesem Hund?«

»Er ist ein Mann und ich eine Frau, reicht das nicht?«

»Hure, verdammte. Die Zeiten sind schlecht, die heutige Jugend ist unverschämt, hat man je so etwas aus dem Mund einer Tochter gehört? Hat man je soviel Unglück gesehen? Du wirst Muianga heiraten, ich habe das entschieden.«

»Ihr könnt mich quälen oder umbringen, aber mit diesem Mann werde ich keinen Augenblick zusammenbleiben.«

Sianga steht auf und tritt mit Schritten, die den Boden zermalmen, über die Schwelle. Er brüllt, schimpft und gestikuliert. Bald wird es eine Schlägerei geben. Er atmet etwas reine Luft ein und schreit in die Hütte hinein:

»Schwester Rosi, du verstehst etwas von diesem Geschäft. Versuch, diese Ziege zu überzeugen, während ich eine Prise Tabak nehme. Die Männer sollen sich für eine Weile zurückziehen.«

Die Tante bemüht sich sehr, denn sie will den Teil der Belohnung bekommen, der ihr bei der Lösung des Falls zusteht. Die Frauen von Julio und André nehmen ihre Rolle wahr, nur die alte Minosse bleibt stumm. Minosse kennt Muianga gut. Um einige ihrer Probleme zu lösen, hat sie ihm ihren Körper gegen Mais verkauft. Aber es ist offensichtlich, daß der Kerl ein Dummkopf ist. Dieser Unglücksvogel hat mit der Mutter geschlafen, und jetzt will er die Tochter, wo bleibt da die Moral, die unsere Vorfahren uns überliefert haben?

»Meine Tochter«, sagt Tante Rosi, »die Alten sind gute Liebhaber. Mit Muianga wirst du alles nur vom Feinsten haben: Spitzenkleider, Schuhe, und auch deiner Mutter wirst du noch Nahrungsmittel geben können.«

»Ich will nicht, das hab ich schon gesagt.«

Sianga hört alles, und er ist nicht bereit, sein Spiel zu verlieren. Er wird die Rinder Muiangas essen, und sie werden ihm schmecken. Er stürzt in die Hütte und schreit:

»Wenn du dich nicht im Guten überzeugen lassen willst, gibt es wirksamere Methoden. Manuna, zeig ihr das Gesetz. Du mußt sie nicht zerstampfen, wasch ihr nur den Kopf«

Manuna erhebt sich mit einem Sprung und stellt sich mit einem heimtückischen Lächeln vor Wusheni. Er nimmt sie am Handgelenk und reißt sie mit Gewalt hoch. Er fühlt sich glücklich. Die Liebe zur Gewalt hat er sich auf der Weide erworben, wo die Jungen sich verteidigen lernen und wo der Wert der Männer sich an der Kraft der Fäuste mißt. Es kommt zum Spektakel einer Schlägerei mit allem, was dazugehört: Schreie, Beschimpfungen, die Neugier der Nachbarn. Dasselbe wie immer, nur viel gewaltiger. Wusheni antwortet mit Heulen auf die teuflischen Schläge des eigenen Bruders. Ihr Kopf füllt sich mit Geräuschen, und die Sterne drehen sich immer schnel1er. Sie fällt in Ohnmacht. Ein neuer Schwall von Schreien, diesmal von Manuna ausgestoßen:

»Wusheni, wach auf, mein Gott, ich habe meine Schwester getötet!«

Die Nachbarn laufen herbei. Einen Augenblick lang herrscht erwartungsvolles Schweigen, dann eine neue Welle von Gemurmel, Klagen, Kommentaren und Ratschlägen: ein Durcheinander. Wusheni erlangt ihr Bewußtsein wieder. Neue Schreie versuchen die im Innern der Hütte im Chor klagenden Frauen zu beruhigen. Verflucht! Noch nicht einmal richtig aus der Ohnmacht erwacht, verweigert Wusheni nochmals den vorgeschlagenen Ehemann. Nun ist alles verdorben, die Gastgeber werden nicht einmal ein Nachtessen servieren. Die Nacht wächst und mit ihr das Schweigen. Wusheni stöhnt und weint. Sie ist in ihrem Zimmer und wird von Tante Rosi gepflegt und bewacht. Die Wunden bluten stark, aber sie ist außer Lebensgefahr. Minosse ist traurig, aber befriedigt. Die Vorstellung, ihre Tochter mit jenem alten Lumpen verheiratet zu sehen, ekelte sie. »Meine Tochter, du darfst nicht so halsstarrig sein. Sianga ist ein schlechter Mensch, und eines Tages bringt er dich um.« »Ich will sterben.«

»Du bist verrückt, sie haben dich verhext. Sobald die Sonne aufgeht, werde ich die Knochen befragen. Das ist nicht mehr normal, ich muß wissen, was los ist, das ist Hexerei.«

Wusheni stöhnt. Die offenen Wunden schmerzen. Sie weint und phantasiert:
»Mutter, Tante Rosi, ah!« »Was ist?«
»Ich bin schwanger« »Wirklich?«
Minosse strahlt. Die Gewißheit von Leben im Bauch ihrer einzigen Tochter schiebt alle Vorurteile über die Herkunft des Mannes, der sie geschwängert hat, beiseite. Nun ist für Muianga, diesen Schwachkopf, alles verloren. Tante Rosi ist niedergeschmettert. Das Spiel ist verloren.
»Weiß er schon davon?« »Ja.«
»Und was sagt er?«
»Er freut sich.«
»Ich auch. Man kann dem Schicksal nicht entfliehen. Die Verstorbenen haben es so gewollt. Du hast meinen Segen. Der Allmächtige weise dir den Weg. Dein Vater ist ein schwieriger Mensch, aber er hat ein Herz, er wird verstehen.«

»Noch etwas, Mutter, ich werde weggehen, um mit dem Mann meines Schicksals zu leben.«
»Geh mit den Göttern, mein Kind, die Verstorbenen schützen dich.«

Sianga, der um die Hütte schleicht und das Gespräch mitangehört hat, öffnet die niedere Türe und tritt ein.

»Ich habe alles gehört. Was für ein trauriger Tag. Ich hatte eine Tochter, die soeben gestorben ist. Geh deinen Weg, du kannst sicher sein, daß du im Herzen deines Vaters gestorben bist. Ich Unglücklicher, das Leben macht mich traurig. Lebt wohl.«

(Quelle: Wege im harten Gras. Literatur und Musik aus Afrika; Hrsg. Deutsche Welthungerhilfe, Bonn 1998)

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