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Globales Lernen: Konzepte |
HOMEPAGE Was ist Globales Lernen? |
Agenda 21: Zukunftsfähigkeit durch Vernetzung?
Impulsreferat zum Themenfeld "Bildung, Migration und Entwicklung"
(Ende Januar sollte - von der Deutschen Gesellschaft des Club of Rome und anderen organisiert - im Haus Rissen (Hamburg) eine Tagung zum oben genannten Thema stattfinden. Sie musste abgesagt werden, weil mehrere Referenten erkrankt waren.)
... ich möchte zunächst noch einmal auf das gemeinsame Leitbild der sustainability oder Zukunftsfähigkeit aus Sicht der Bildung eingehen. Anlass dafür ist für mich u.a. der Einladungstext zu dieser Veranstaltung, in dem zum Agenda-Prozess die folgende Frage gestellt wird: "Kann und muss die gleichgewichtige Berücksichtigung ökologischer, ökonomischer, sozialer und internationaler Belange durch Vernetzung der Akteure gesichert werden?" Abgesehen davon, daß der kulturelle Aspekt nicht erwähnt wird und es vielleicht besser sozio-kulturelle Belange heißen sollte, störe ich mich an der Denkfigur, dass internationale Belange nur u.a. neben sektoralen Belangen berücksichtigt werden sollen. In der Diskussion der entwicklungspolitischen Bildung und in den Bemühungen nachhaltige oder zukunftsfähige Entwicklung zu dem zentralen Leitbild in der Bildung zu machen, bezieht man sich auf ein Paradigma, in dem von einem bestimmten (meist lokalen) Standpunkt aus sozio-kulturelle, ökologische und ökonomische Prozesse in ihrer Wechselwirkung gesehen und neben den Auswirkungen für kommende Generationen die Dimension der Globalität, vor allem der globalen Gerechtigkeit, mitgedacht und mitempfunden wird.
Es ist unschwer erkennbar, dass Bildung - aber auch Öffentlichkeits- und Medienarbeit - hier in Folge von Globalisierung und wachsender Komplexität vor einer nie dagewesenen Herausforderung an den Menschen und vor einem Dilemma stehen. Wir sehen die Notwendigkeit bei Erkenntnis- und Entscheidungsprozessen die Vielfalt der Wechselwirkungen in den Blick zu bekommen, erfahren aber, dass wir damit die Öffentlichkeit (vielleicht auch uns selbst) überfordern. Während in Medien und Schule durch oft grobe Reduktionen Rücksicht auf die vermeintlich begrenzte Aufnahmefähigkeit angesagt ist, versucht Globales Lernen Komplexität und Vernetzung wahrnehmbar zu machen und Vielfalt positiv zu besetzen – als Bewegung gegen Horizontverengung in Politik und Medienwirklichkeit.
Die im Titel genannten Themenfelder Bildung, Migration und Entwicklung liegen in einem Bezugssystem natürlich nicht auf der gleichen Ebene. Entwicklung ist im Sinne der Agenda 21 ein werteorientierter Veränderungsprozess; Migration wird ganz überwiegend in seinen Negativaspekten gesehen: als Konsequenz wirtschaftlicher Fehlentwicklungen, als äußerst problematische Folge der Missachtung von Menschenrechten und kriegerischer Konflikte; Bildung dagegen gilt als Voraussetzung für zukunftsfähige Entwicklung. Ihr kommt damit eine besondere - wenn auch oft überschätzte - Bedeutung zu. Da sie das Bewusstsein prägt und auf Handlungskompetenz in allen Lebensbereichen angelegt ist, spielt sie bei der auf dieser Tagung eingeforderten Vernetzung die zentrale Rolle. Dabei kann nicht oft genug betont werden, dass es um einen neuen Begriff lebenslangen Lernens geht, der wenig zu tun hat mit dem, was jeder von uns in seiner eigenen Schulzeit erlebt hat ...
Zur Umsetzung dieser Ziele ist in den letzen Jahren gemeinsam von Nichtregierungsorganisationen, Bildungspraxis und Didaktik - nicht zuletzt hier in Hamburg - ein Konzept des Globalen Lernens als pädagogische Antwort auf die Globalisierung entwickelt worden. Es stellt eine Weiterentwicklung des Dritte/Eine Welt Unterrichts dar - mit einer deutlicheren Ausrichtung auf notwendige Veränderungen im Norden und einer ganzheitlicheren Sichtweise - ohne gewachsene Lernfelder wie Umweltbildung oder Menschenrechtserziehung und Friedenspädagogik zu assimilieren.
Nun zu meinen Behauptungen bzw. Aufforderungen:
Die erste ergibt sich au dem eben Gesagten:
Wie viel Klarheit über den eigenen Lern- und Bildungsbegriff besteht, mag jeder für sich selbst prüfen. Dazu gehören sollten - neben zukunftsfähigen Leitbildern und werteorientierten Grundhaltungen - die Bereitschaft zu Perspektivwechsel, partizipative Arbeitsmethoden sowie Dialog- und Konfliktfähigkeit.
Warum wird nicht in allen Behördenkantinen Kaffee aus fairem Handel getrunken? Warum gelten elementare Arbeitsrechte nicht für die Produktion von addidas-Schuhen?
Warum akzeptieren wir für einzelne Staaten eine Schuldenlast die man hierzulande - weil menschenunwürdig - keinem Unternehmen oder Bürger auf Dauer zumutet?
Solidarität hat dennoch nicht an Bedeutung verloren; Untersuchungen (z.B. im Spendenverhalten) lassen allerdings eine allmähliche Abwendung von moralisch geprägter solidarischer Verpflichtung durch Staat, Kirche, Gewerkschaft, Familie usw.) erkennen hin zu einer individuellen Solidarität als Teil des persönlichen Lebensentwurfs.
(Tutzinger Erklärung 1997)
Das bedeutet, dass die Suche nach Lebensfreude bejaht wird und dass es darum geht, gleichzeitig Wege zur Veränderungen der politischen Rahmenbedingungen und des individuellen Lebensstils zu suchen.
Das muss bei ergebnisorientierten, zeitlich befristeten Projekten und Kampagnen stärker als bisher beachtet werden. Von den Akteuren der lokalen Agenda 21 wird erwartet, dass sie zugleich innovativ und verantwortungsbewusst sind.
Das heißt, es muss bei der Konzeption von Projekten und Kampagnen (evtl. auf Kosten von medienwirksamem Aktivismus) sorgfältiger auf Anknüpfungsmöglichkeiten, auf die Verstärkung ohnehin laufender Prozesse und auf Kontinuität geachtet werden. Anstatt beispielsweise Schulen mit immer neuen Aufgaben, Projekten, Kampagnen, Aktionstagen zu überziehen, sollte nach dem Prinzip "weniger ist mehr" eine dauerhafte Verankerung bestimmter Schwerpunkte im Schulprofil angestrebt werden und eine Vernetzung der Akteure, wie es im Eine-Welt-Schulnetz (EWS) in Hamburg versucht wird.
Wachsendes Umweltbewusstsein richtet sich meistens auf die eigene Umwelt und wird von der Sorge um die eigene Gesundheit und den Lebensraum für kommende Generationen getragen. Weit schwieriger ist es, den nicht weniger wichtigen globalen Vorgängen jenseits des Horizonts, zumal den kaum sichtbaren in der Wirtschafts- und Finanzwelt - Raum in unserem Verantwortungsbewusstsein zu schaffen. Der Bildungsauftrag heißt: Verflechtungen erkennen zu lernen, demokratische Gestaltungsmöglichkeiten wahrzunehmen und einen zukunftsfähigen Lebensstil als Weltbürger mit gleichen Pflichten und Rechten gegenüber allen Menschen zu entwickeln.
Warum sagt man zu unseren langjährigen ausländischen Mitbewohnern nicht unumwunden : "Willkommen zu Hause!" und betreibt Parteiprofilierung auf Kosten einer mühsam gewonnen allmählichen Öffnung für eine multikuturelle Gesellschaft?
Und multikuturell sind die meisten unserer Schulen ganz ohne Zweifel. So ist Deutsch für ein Viertel der Schülerinnen und Schüler in Hamburgs Schulen nicht Muttersprache. Die Erhebung der Erstsprachen weist auf, dass in unseren Schulen über 100 Sprachen gesprochen werden. Integration erfordert hier neue Wege, sie ist ohne starke Akteure der Zivilgesellschaft nicht denkbar, beispielsweise bei der konsequenten Umsetzung der Anerkennung der Erst- bzw. Muttersprache im Rahmen der schulischen Bildungsgänge.
Es geht darum, Akteure für den Agenda-Prozess zu gewinnen: Wo liegen von jungen Menschen, die in 3, 5 oder mehr Jahren die Schule verlassen, Identifikationsmöglichkeiten? Wo liegen die Orientierungsmöglichkeiten in einer Weltgesellschaft, in der Arbeit immer weniger sinngebend für das Leben ist? Die Antwort kann heißen: im vertrauten Umfeld, im lokalen Projekt - aber nicht allein. Der Prototyp zukunftsfähiger Lernsituationen ist doch der, wo man an einem lokalen Projekt im Bewusstsein der globalen Tragweite im kultivierten Streit mit anderen etwas bewegen kann.
Robert Schreiber, SD-Umschau 1999
| Erstellt: 28.12.00 | Modifiziert: 21.07.01 |