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Globales Lernen:
Konzepte
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Was ist Globales Lernen?

Bevölkerungsentwicklung und Globales Lernen

Über den Umgang mit einem schwierigen Thema im Unterricht

Bevölkerungswachstum wird in unseren Schulen weitgehend unter dem Eindruck drohender Überbevölkerung in wenig entwickelten Regionen der Erde und als demographisch-statistisches Phänomen behandelt. Die zur Erklärung herangezogenen Modelle, wie das des demographischen Übergangs von MACKENSEN, oder demographische Vergleichs- und Ablaufdiagramme helfen nicht unbedingt dabei, sich ein wirklichkeitsnahes Bild von Prozessen zu machen und Bezüge zu eigenem Lebensverhalten zu erkennen. Natürlich ist es wichtig, Geburtenziffern, Sterberaten, Bevölkerungspyramiden und exponentielle Wachstumskurven lesen und auswerten zu können. Doch selbst bei weit vorangetriebener Verfeinerung solcher Fertigkeiten entsteht auf diese Weise kein zufriedenstellendes Verständnis für komplexe Wachstumsvorgänge. Sinnvolle Lösungsstrategien und motivierende Ansätze für verantwortliches Handeln im persönlichen Wirkungsfeld lassen sich so schon gar nicht schaffen. Spätestens die Weltbevölkerungskonferenz 1994 in Kairo hat in aufgeklärten Kreisen der Öffentlichkeit Bevölkerungswachstum als ein uns alle betreffendes globales Problem verankert, das miteinander verbundene ökologische, soziale und ökonomische Komponenten hat.

 Neben der Erarbeitung dieser globalen Entwicklung müssen im Unterricht übersichtliche Phänomene anschaulich
und lebensnah angegangen werden. Warum hat Akan, Sohn eines ghanesischen Savannenbauern 4 Geschwister und ich gar keine? Wieviel Wohnfläche, Wasser, Energie verbrauche ich und wieviel Akan? Warum sind einige Länder, wie Indonesien oder Sri Lanka, mit ihrer Familienplanungspolitik sehr viel erfolgreicher als andere Länder, wie Alge
rien oder Venezuela, mit deutlich höherem Prokopfeinkommen? Was haben Kinderarbeit, hohe Analphabetenrate, fehlende Frauenrechte, traditionelle Wertevorstellungen, geringe Partizipationsmöglichkeiten, Zerstörung der Regenwälder, wachsende Bodenerosion, ungerechte Weltmarktstrukturen, mangelnde Gesundheitsfürsorge mit starkem Bevölkerungswachstum zu tun? Es käme darauf an, Zusammenhänge deutlich zu machen - im Idealfall
ausgehend oder zurückführend auf die Erfahrungswelt der Schüler.


Noch allerdings ist es mühsam, die für einen solchen Ansatz erforderlichen Fallstudien und Unterrichtsmaterialien aufzutreiben. Einige veröffentlichte Unterrichtshilfen sowie eine wachsende Zahl von Filmen, entwicklungssoziologische Studien und die Vielfalt von Publikationen entwicklungspolitisch tätiger Organisationen, die diesen globalen Ansatz vertreten, machen aber Mut, die didaktische Herausforderung anzunehmen. Wer Möglichkeiten zu einem projektartigen Unterricht hat, kann natürlich im eigenen Umfeld und Stadtteil mit der Untersuchung des "generativen und konsumptiven Verhaltens" beginnen.

Insgesamt legt die derzeitige Diskussion der globalen Bedrohung durch Bevölkerungs- und Konsumwachstum für den Unterricht u.a. die Berücksichtigung der folgenden Punkte nahe:

1. Starkes Bevölkerungswachstum (oder gar "Überbevölkerung") ist niemals ausschließlich als Ursache oder als Folge zu behandeln, sondern als komplexer Ausdruck äußerst komplexer Prozesse.

2. In seinen ökologischen Folgen hat es ähnliche Wirkungen wie der exzessive Ressourcenverbrauch eines zahlenmäßig kleinen Teils der Weltbevölkerung und muss in Relation zu diesem betrachtet werden.

3. Starkes natürliches Bevölkerungswachstum stellt bereits heute ein soziales Problem ungeheueren Ausmaßes dar. Betroffen sind vor allem Menschen, die bereits sozial benachteiligt sind und über keine angemessenen Partizipationsmöglichkeiten verfügen. Es wird erwartet, dass von den für das Jahr 2000 prognostizierten 6 Mrd. Menschen etwa 3 Mrd. "extrem arm" und 1 Mrd. "arm" sein werden.

 4. Bevölkerungswachstum wird von sehr vielen Faktoren auf unterschiedlichen Entscheidungsebenen (global,
national, lokal, familial) bestimmt. Es ist auf den höheren Ebenen zwar zu beeinflussen aber nicht planbar.

5. Auch auf lokaler oder nationaler Ebene gibt es keine einfachen Lösungen. Erfolge konnten nur dort erzielt
werden, wo sich zahlreiche positive Entwicklungsfaktoren gegenseitig verstärkten. Wichtige Ansätze sind in
jedem Fall: Kampf gegen die Massenarmut (empowerment), Aufwertung der sozialen Situation der Frau
en und Mädchen, Verbesserung des Bildungswesens, Integration der Familienplanung in eine verbesserte
Gesundheitsfürsorge, Ressourcenschonung und Übergang zu nachhaltigem - in den entwickelten Staaten
zu qualitativem -Wachstum.

6. Bevölkerungsentwicklung und Wachstumsprobleme allein oder ganz überwiegend statistisch und modellhaft auf globaler und nationaler Ebene zu behandeln, ist unangemessen und führt leicht zu falschen Schlussfolgerungen und Handlungsferne. Wichtige Parameter/ Aspekte der Bevölkerungsentwicklung (u.a.Stellung der Frau, Wertvorstellungen) lassen sich bisher nicht - oder nur unzureichend - quantitativ-statistisch erfassen.

7. Das Wirkungsgeflecht der zahlreichen Faktoren auf verschiedenen Ebenen muss anhand konkreter Phänomene besser berücksichtigt werden. Das geschieht eher dann, wenn nicht isoliert von Bevölkerungswachstum die Rede ist. Bevölkerungswachstum aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten, wäre eine andere wichtige Annäherung.
In jedem Fall würde das komplexe Wirkungsgefüge stärker in den Vordergrund gerückt werden, als bei der
auf Bevölkerungsentwicklung verengten demographischen Analyse.

8. Die jeweilige Unterrichtssituation sollte die Auswahl der Perspektive bzw. den Komplexitätsgrad des gemeinsam zu untersuchenden (Ausschnitts des) Wirkungsgefüges bestimmen. Um sich nicht gänzlich von der wünschenswerten Handlungsorientierung zu lösen, müsste neben der immer gebotenen Anschaulichkeit auf die Relevanz für die eigene
Lebenswelt hingearbeitet und von eigenen Vorerfahrungen, Erhebungen, Erkenntnissen, Beobachtungen
ausgegangen werden.

J.R. Schreiber

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Erstellt: 12.11.96

Modifiziert: 20.07.01