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Globales Lernen:
Konzepte
HOMEPAGE
Was ist Globales Lernen?

Stellungnahme zur Konzeption des Themenparks
"Wissen: Information, Kommunikation"
(Status 04/98) der EXPO 2000

im Auftrag des Verbands Entwicklungspolitik Deutscher Nichtregierungsorganisationen e.V. (VENRO)

Jörg-Robert Schreiber, Hamburg, 1.4.98

 

Die Maßstäbe, an denen das vorliegende Konzept gemessen wird, richten sich nach dem Anspruch der EXPO-Planer und Szenographen an den Themenpark (S. 26):

"eine durchaus realistische Simulation der globalen Situation [ zu sein] , in der sich Industrie, Wissenschaft und Kunst, aber auch die Gesellschaft im ganzen befinden".

Dabei mus – im Einklang mit dem zur Anwendung kommenden postmodernen Begriff von Wissen als etwas Bedingtem und Vergänglichem – gefordert werden, dass die angestrebte "realistische Simulation" kritisch hinterfragt und einem kulturellen Pluralismus gerecht wird. Die Einleitung der Konzeptdarstellung verspricht dies. Sie sagt vielfältige Problemstellungen sowie kulturelle Selbstreflexion zu, und kündigt an, dass ethische Fragen aufgeworfen werden. In den folgenden Botschaften lässt sich davon jedoch kaum etwas erkennen. Die szenographischen Umsetzungsandeutungen fallen dann noch einmal weit hinter die hohen Ansprüche der Einleitung und Botschaften zurück. Beispielsweise wird nicht erkennbar, wie in der Ausstellung die Grundposition, dass Wissen nicht zu Sicherheit führt, sondern Möglichkeiten eröffnet, in ihren Konsequenzen für die Gesellschaft und für den einzelnen ausgelotet werden soll. Überhaupt ist die Umsetzung der Botschaften in Projekte oder Installationen oft nicht deutlich erkennbar. Mehrere Projekte (z.B. das israelisch-arabische "Children teaching Children" oder die Weltorgel) haben eine eher bezugslose metaphorische Qualität.

Maßstab "einer Simulation der globalen Situation und der Gesellschaft im ganzen" kann nach Ansicht der NRO (und vieler anderer) nur der zum Ende dieses Jahrhunderts gefundene globale Konsens der Agenda 21 und das ihr zugrundeliegende Leitbild der nachhaltigen Entwicklung und globalen Gerechtigkeit sein. Der Themenpark ist folglich daran zu messen, inwieweit er das auf dieser Grundlage entwickelte Konzept des Globalen Lernens umsetzt und eindrucksvoll inszeniert, vor allem dessen vier Grundaspekte:

1. Horizonterweiterung (Weltsicht) und Vernetzung (lokal - global)

2. Zukunftsorientierung (zukunftsfähige Entwicklung)

3. Wertschätzung kultureller Vielfalt und Orientierung an ethischen Prinzipien

4. Öffnung der Lernformen (Lernen als vielfältiger sozialer Prozess)

Der Entwurf stellt fest, dass der Themenpark die Chance biete, einem riesigen und globalen Publikum zu demonstrieren "wie sich die Kompetenz der Industrie mit der Innovationskraft der Forschung und der Kreativität der Kunst zu einer neuen Kraft verbinden kann, die den Menschen neue Möglichkeiten und größere Handlungsspielräume eröffnet!" Industrie, Forschung und Kunst werden hier zwar im Dienste der Menschheit gesehen aber dennoch als Institutionen, die uns Menschen Entwicklung und Fortschritt bringen. Nicht- computer-gestützte Partizipationsmodelle selbstorganisierter und demokratisch moderierter Prozesse, wie sie beispielsweise bei der globalen Armutsbekämpfung, in der Entwicklungszusammenarbeit, in der neueren Pädagogik und in der Regionalplanung richtungsweisende Bedeutung gewonnen haben, finden bei einem solchen Ansatz keine Berücksichtigung. Auch die offenkundige Relevanz von Handlungswissen – beispielsweise in Agrargesellschaften – wird völlig unterschlagen. Das erfolgreiche Management komplexer Bewässerungskulturen Südostasiens wird auch in Zukunft nicht durch noch so ausgefeilte Informationstechnologien, sondern durch eine Sozialisation des Miterlebens ermöglicht.

Das vorliegende Konzept vermittelt nicht den Eindruck, dass multiperspektivisch zukunftsweisende Weltbilder vorgeführt werden, mit denen sich die große Mehrzahl der Weltbürger verschiedener Kulturen ernsthaft identifizieren kann. Selbst wenn man in Rechnung stellt, dass jede Weltausstellung in einem schwierigen Widerstreit von Interessen, finanziellen, technischen und szenographischen Zwängen (und nicht zuletzt unter Zeitdruck) entsteht und seine besondere Prägung durch den Standort erhält, so werden doch – bei aller Notwendigkeit zur Reduktion – wesentliche Aspekte von Wissen, Information und Kommunikation vermisst.

Die Orientierung an westlich geprägten konstruktivistischen Erkenntnistheorien macht in der geplanten (nicht zuletzt durch die Netzmetapher) eindrucksvollen Inszenierung gegenüber früheren Ausstellungen den Paradigmenwechsel zwischen Industriegesellschaft und Informationsgesellschaft deutlich. Die Autoren des Konzepts greifen dabei kenntnisreich faszinierende wissenschaftstheoretische Ansätze der Gegenwart auf und machen sie zur Grundlage ihrer Botschaft. Es ist offensichtlich jedoch gerade die Einengung auf diese Grundpositionen, die schwerwiegende Defizite mit sich bringt, dem selbstgestellten Anspruch nicht gerecht wird und Widersprüche aus entwicklungspolitischer Sicht provoziert. Sinnfragen, Ursachenforschung und die Verknüpfung von Wissen mit werteorientiertem Handeln (beispielsweise Solidarität) haben als Ansätze von gestern keinen Raum in diesen spielerischen Zukunftsszenarien. Einige dieser Defizite werden im folgenden kurz angesprochen, wenn möglich unter Hinweis auf Lösungsansätze:

 

1.Die Botschaften des Themenparks vermitteln eine ich-bezogene Interpretation der konstruktivistischen Theorie, die - allen Beteuerungen zum Trotz – einer Philosophie des "anything goes" huldigt. Die Welt des Wissens ist jedoch mehr als die Summe der individuellen, zufälligen und letztlich beliebigen Weltkonstruktionen. Wissen konstituiert sich in einem sozialen Prozess auf allen Ebenen, nicht allein im Bewusstsein des Individuums.

Notwendig wäre, die erkenntnistheoretische Gebundenheit der Botschaften offenzulegen, und als Kind der Zeit, als Weltbild der postmodernen, neoliberalistisch geprägten Informationsgesellschaft zu relativieren – beispielsweise am Kontrast eines kollektiven Lernprozesses in einem Entwicklungsprojekt und an der Anwendung indigenen Wissens (z.B. im Rahmen des von Robert Chambers propagierten PRA-Ansatzes)

2. Die durch das Kontinuum Mensch-Maschine technologisch geprägte Zukunftsvision einer Cybergesellschaft wirkt in ihren (von vielen) als nicht menschlich empfundenen Dimension zwar beeindruckend aber eben nicht lebensnah, motivierend und umsetzbar. Von Selbstbestimmung ist dabei nicht die Rede. Die Ausstellung sollte unter keinen Umständen den Eindruck vermitteln, dass der Kunde in der Informationsgesellschaft als Teil eines geschlossenen Systems "Produktion-Konsum" durch professionelle Inszenierung (Infotainment, Edutainment, etc.) und kundennahe Evaluation vereinnahmt wird.

Notwendig wäre, dem Besucher die Möglichkeit zu geben, seine Welt und seine Zukunft zu entdecken und den Schwerpunkt von Erkenntnis auf Selbsterkenntnis zu verlagern (wo ist mein Standort im Netz?). Ganzheitliche (nicht nur multisensorische) Erfahrung, Motivation und Handeln sowie die zentrale Bedeutung von Schlüsselqualifikationen im Lernprozess müssen hervorgehoben werden.

3. Es ist völlig unverständlich und folgenschwer, dass in der Themenkonzeption Kommunikations- und Lernprozesse auf "wahrnehmen, erfahren, erkennen" begrenzt werden. Die heute z.B. in der Erziehungswissenschaft und Didaktik besonders beachteten Nahtstellen zwischen Wissen, Einstellungen und Handeln werden gänzlich ausgespart. Wissen und Verstehen sind mit Sicherheit günstige Voraussetzungen für zielgerichtetes Handeln, fördern aber keineswegs automatisch die Handlungskompetenz.

Notwendig wäre, beispielhaft aufzuzeigen, wie für jeden einzelnen, für Gruppen und Gesellschaften aus Wissen Veränderung (Innovation) resultieren kann. Der Verzicht auf die Darstellung dieser Lernschritte kann zu dem Verdacht führen, dass selbstbestimmte demokratische Veränderung gegenüber wirtschaftsgesteuerter Innovation geringgeschätzt wird.

4. Auffällig ist, dass Zielperspektiven, Steuerungsfragen, Abläufe von Entscheidungsprozessen und Macht nur wenig thematisiert werden, es sei denn in sehr allgemeinen Feststellungen wie der These, dass Macht nicht so sehr von den Institutionen ausgeht, sondern sich über Prozesse der Massenkommunikation selbstorganisiert. Die Frage, welches Wissen, welche Einstellungen, welche Innovationen wir für unsere Zukunftsfähigkeit benötigen, wird gar nicht gestellt.

Notwendig wäre – wie in der Einleitung des Themenparkkonzepts angekündigt – sich den "Gegensätzen zu stellen" und beispielsweise dem "drastischen Ungleichgewicht der gesellschaftlichen Teilhabe an den Werkzeugen der Informationsgesellschaft" nachzugehen. Wir müssen davon ausgehen, dass 9/10 der Menschheit an dem hier demonstrierten Kosmos des "global village" nicht teilnehmen werden können. Eine Ausstellung darf auch grundlegende Fragen stellen, beispielsweise die, wie eine Weltinformationsordnung geschaffen werden kann, die es überhaupt erst erlaubt, von einer globalen Kommunikationsgesellschaft zu sprechen.

5. Der Besucher wird bei seinem Gang durch den Themenpark häufig überrascht, hat Ausblicke auf Szenen aus aller Welt, kommuniziert sogar mit Menschen, die eine andere Sprache sprechen, aber wird nur selten oder gar nicht zum Wechsel der einmal eingenommenen Rolle und Perspektive veranlasst. Menschliche Begegnung wird vielfältig technisch inszeniert, aber warum sehen wir die Welt stets nur durch unsere eigenen oder bestenfalls durch die Augen von Bienen? Perspektivwechsel und (dosierte) Irritation gewohnter Sichtweisen gehören heute zum festen Methodenrepertoire interkulturellen Lernens. Der Besucher weiß aus eigener Erfahrung oder aus den Medien, dass sich das Zusammenrücken der Kulturen vermittels der Technik keineswegs so konfliktfrei wie dargestellt vollzieht.

Notwendig wäre, von den elektronischen Möglichkeiten des Perspektivwechsels Gebrauch zu machen und bestimmte Ereignisse aus dem Blickwinkel von Menschen anderer Kulturen und sozialer Prägung erfahrbar zu machen.

6. Da das Konzept des Themenparks den Eindruck einer weitgehend harmonischen, technologisch sinnvoll gestaltbaren Zukunft vermittelt, liegt es auf der Hand zu fragen, welches Wissen und welche Lernprozesse denn für ein wünschenswertes zukunftsfähiges Leitbild benötigt werden.

Notwendig wäre eine Botschaft, dass in der Informationsgesellschaft vor allem Orientierungswissen und Ausbildung des Gemeinsinns gefragt sind. Technische Kommunikationsmedien sollten insbesondere als Hilfsmittel für ein verständigungs-orientiertes Lernen dienen. Der vielfach prämierte Supersite "One World Online" (http://www.oneworld.org) wäre hier zukunftsweisend.

7. Stellenweise läuft die Konzeption des Themenparks Gefahr, soziokulturelle Klischees zu untermauern, wenn z.B. ein Gegenüber konstruiert wird von moderner - durch "Schulen ans Netz" auf den Weg gebrachter - vielversprechender Bildung hier bei uns und Hilfe zur Alphabetisierung im Rahmen des Projekts "Lebendige Bücherei" für arme Kinder in Brasilien.

Notwendig wäre, solche Vorstellungen durch unerwartete Beispiele zu verunsichern. Wo sind die vielen Projekte anderer Kulturen, von denen wir – wie so oft gesagt wird – lernen können?

8. Schließlich wird vermisst, dass die Möglichkeiten einer solchen Ausstellung genutzt werden, komplexe globale Interdependenzen an Beispielen - wenn nicht erfahrbar - so doch eindrucksvoll sichtbar zu machen.

Sinnvoll wäre z.B. die Darstellung der Produktlinienanalyse eines gängigen Konsumartikels (z.B. eines Kleidungsstücks) oder die Visualisierung des täglichen Geldflusses von 1,5 Billionen $ um den Globus. Auch dabei wäre die Wahrnehmung des Phänomens aus unterschiedlicher (nördlicher und südlicher) Sicht interessant.

(Und das alles – wie gesagt - nicht als problembeladene pädagogische Lernveranstaltung, sondern als beeindruckende, erlebnisreiche Erfahrung.)

 

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Erstellt: 28.12.00

Modifiziert: 21.07.01