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Globales Lernen: Konzepte |
HOMEPAGE Was ist Globales Lernen? |
4. Bundestreffen der Schulberatungsstellen Eine Welt/Globales Lernen
2.3.1999, Stuttgart
Schulentwicklung und Globales Lernen
Ein Dialog
Entwicklung ist in fast allen Lebensbereichen zu einem viel verwendeten Schlüsselbegriff geworden. Was ist Entwicklung?
Entwicklung ist ein unglaublich hilfreicher Kulturbegriff. Anders als Wachstum wird er selten allein quantitativ bestimmt sondern hat starke qualitative Konnotation. Er kennzeichnet im Sprachgebrauch einen ungebrochenen Fortschrittsglauben, eine Veränderung hin zum Guten. Weitgehend unausgesprochen und oft unreflektiert transportiert er Wert- und Zielvorstellungen und das Bild eines Menschen und einer Gesellschaft, deren Wesensmerkmal es ist, sich zum Besseren verändern zu können und zu wollen. Er wird mit Leben schlechthin assoziiert; Stillstand und Rückentwicklung führen zu Problemen und Notlagen aller Art.
Über diesen rituellen - d.h. allgemein akzeptierten, nicht mehr hinterfragten - Aspekt des Begriffs Entwicklung in der westlichen Gesellschaft muss man sich im Klaren sein. Variabel sind allerdings die Leitbilder und konkreten Ziele von Entwicklungsmaßnahmen sowie die Wege und Methoden der Zielverfolgung. Von ihnen muss man erwarten, dass sie deutlich benannt werden. Hier lässt sich in den 5 Entwicklungsdekaden seit Ende des 2. Weltkrieges ein rasanter inhaltlicher Wandel und eine atemberaubende Auffächerung des normativen Entwicklungsbegriffs erkennen - bis hin zu dem everything goes.
Was verbirgt sich hinter Schulentwicklung?
Bildung - wo auch immer - ist ganz wesentlich kulturerhaltend und damit konservativ. Auch der allgemeine Innovationsdruck auf Schule hat daran nichts Wesentliches geändert. So verwundert es nicht, dass ein Bewusssein für partizipative Entwicklung in Schulen erst in den 90ern entsteht, lange nachdem ähnliche Modelle in Wirtschaftsmanagement und Entwicklungszusammenarbeit im Trend lagen. Gewiss, es hat auch nach dem Krieg wieder die Reformschulen gegeben und die unüberhörbare Forderung nach der demokratischen Schule durch die 68er - in der Breite durchgesetzt haben sich diese Bewegungen nie. Schulentwicklung - in den 90er auf dem Höhepunkt neoliberalistischer Strömungen zum Modebegriff geworden - ist durch die z.T. widersprüchlichen und damit diffusen Ziel- und Operationalisierungsvorstellungen der an Bildung Beteiligten geprägt.
Da gibt es den Schulleiter, der mit einem attraktiven Schulprofil seine Institution konkurrenzfähig machen will,
die Schulaufsicht, die durch Evaluation Qualitätsstandards sichern möchte,
die Vertreter der Wirtschaft, die in einem großen Durcheinander mal die Förderung von Schlüsselqualifikationen mal (am jeweiligen Bedarf orientierte) Qualifizierung und Wissensvermittlung fordern,
die 10% eines Lehrerkollegiums, die sich trotz fortgeschrittenen Alters selbst als Lernende verstehen und neue Wege gehen wollen,
die Lehrerverbände, die Autonomie der Schule als Mogelpackung, verkappte Sparmaßnahmen und Auslieferung von Bildung an den freien Mark entlarven,
da sind die Eltern, die für ihr Kind nur das Beste wollen und auf einem freien Bildungsmarkt nach ihren jeweiligen Vorstellungen dafür die Schule mit dem attraktivsten Angebot auswählen (Fokus hilft dabei)
und schließlich sind da die Schülerinnen und Schüler, die das Ganze herzlich wenig interessiert.
Dennoch gibt es gute Gründe sich mit dem Auftrag "Schulentwicklung" anzufreunden, denn kaum jemand in den Schulen möchte zurück in ein betont hierarchisches Bildungssystem mit einer wachsenden Flut zentraler Vorgaben, Verordnungen und Kontrollen. Außer Frage steht auch, dass nur noch überschaubare Systeme, wie Schulen, innerhalb politischer Rahmenvorgaben schnell genug auf gesellschaftliche Veränderungen (z.B. auf Globalisierung durch Globales Lernen) reagieren können. Das aber ist die Grundvoraussetzung, wenn Schule auf das Leben vorbereiten will und Selbstbestimmung und Mitbestimmung wesentliche Ziele der Allgemeinbildung sind.
Schulentwicklung ist ein durch Lehrer, Eltern und Schüler (oft aber nur durch den Schulleiter) gesteuerter Prozess, der sich in Schulprofilen (dem corporate design der Schule), Schulprogrammen und der Schulrealität äußert. Die Vielfalt - auch innerhalb der Bundesländer und einzelner Städte - ist dabei enorm, Tendenz steigend.
Globales Lernen ist ein Konzept, das eng mit der Entwicklungspädagogik zusammenhängt, was soll sich hier "entwickeln"?
Der v.a. von Alfred Treml Ende der 70er/Anfang der 80er eingeführte Begriff der Entwicklungspädagogik zeigt in der Tat weitgehende Gemeinsamkeiten mit unseren heutigen Konzepten des Globalen Lernens. Nach ihm ist Entwicklungspädagogik "der Versuch, auf (globale, lokale und individuelle) Probleme von Unter- und Überentwicklung eine pädagogische Antwort zu geben" (Treml 1980, S.13). "Entwicklung" wird von ihm in zwei Richtungen erweitert: Es geht nicht mehr um das objektive Thema Unterentwicklung in der Dritten Welt, sondern um die strukturelle Verflochtenheit von Unterentwicklung im Süden und Überentwicklung in den Industriestaaten, die beim Lernenden unausweichlich zu subjektiver Betroffenheit führt. Gleichzeitig löst er den in der Entwicklungspsycholgie geläufigen Begriff der Entwicklungspädagogik aus seiner auf die Entwicklung des Individuums bezogene Einschränkung, indem er ihn auch auf gesellschaftliche und globale Entwicklung bezieht. Es geht ihm und anderen bereits um sog. generative Themen (Paulo Freire), die die Menschheit insgesamt betreffen, wie Atomkraft, Arbeitslosigkeit oder Tourismus.
Im Globales Lernen, das sich als pädagogische Antwort auf die Globalisierung versteht, geht es ebenfalls darum, die eigenen Handlungsmöglichkeiten im Netz der globalen Wechselwirkungen zu entdecken und zu nutzen. Zunehmende globale Ungerechtigkeit und wachsende Armut auch bei uns haben schließlich zu einem Austausch der Begriffe geführt, wenn vom "Entwicklungsland Deutschland" die Rede ist. Aber auch im Globalen Lernen ist die Vorstellung ungebrochen, dass Entwicklung zum Guten möglich, ja lebensnotwendig ist.
Entwicklung wird dabei als weitgehend offener, möglichst selbstbestimmter, lebenslanger Lernprozess verstanden. Die deutlich erkennbare (und im Begriff "Globales Lernen " anschauliche wiedergegebene) Verschiebung hin zum individuellen (wenn auch sozialen) Lernprozess droht dabei bisweilen den Lernenden zu überfordern. Lösungsansätze dafür können in einem Lernen in Netzwerken gesehen werden - EWS, Schule und Nachbarschaft, Agenda Schulen - aber auch in didaktischen Ansätzen des inklusiven Denkens (wie es v.a. von Hans Bühler in die Diskussion gebracht wurde) und der positiven Bewertung von Komplexität als Vielfalt - auf Kosten einer langen Tradition der pädagogischen Reduktion.
Wo liegen die Schnittstellen zwischen Schulentwicklung und Globalem Lernen?
Sie liegen v.a. darin, dass sie beide "Entwicklung" als Lernprozess verstehen. Alles was wir wesentlich für die Lernwege der entwicklungsbezogenen Bildung halten - werteorientierte Grundhaltung, Dialog- und Konfliktfähigkeit, partizipative Arbeitsformen, ganzheitliche Sichtweise, Handlungs- und Projektorientierung - gilt genauso für Schulentwicklung.
Schulentwicklung, die mehr ist als oberflächliche Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit am Bildungsmarkt, kommt nicht darum herum, den eigenen Bildungsbegriff zu entwickeln. Dieser Prozess führt zwangsläufig dazu, dass man auch auf die globale Lerndimension (Eine Welt, global citizenship) und die damit verbundenen Leitbildern stoßen wird.
Was ist mit Leitbildern in der Bildung gemeint und welche grundsätzliche Anforderungen werden an sie gestellt?
Erziehung ist normativ. Und weil das so ist, ist es wesentlich, dass in einer
auf Selbstbestimmung ausgerichteten Bildung die Auseinandersetzung über Ziele
und Leitbilder bereits ein wesentlicher Teil des Lernprozesses ist. Das
bedeutet, das Offenheit und Veränderbarkeit unabdingbare Kriterien von
Leitbildern sein müssen. Wichtiger als Leitbilder kennenzulernen ist es, eigene
Leitbilder entwerfen zu lernen und im Lernprozess weiterzuentwickeln. Bei der
Forderung nach Werteorientierung geht es v.a. auch um die Fähigkeit, eigenes
Urteilen und Handeln an eigene Leitbilder rückzubinden.
Welche Leitbilder sind bei Schulen zu finden, die sich weiterentwickeln wollen?
Ein Blick in Schulgesetze aber auch in den Schulalltag zeigt, dass Schule weniger von Leitbildern als von einer Vielzahl von Aufgaben und Einzelzielen geprägt ist, die sich oft nicht zu Leitbildern zusammenfügen, wohl aber zu konkreten Projekten und Profilschwerpunkten.
Über diese Ziele und Aufgaben besteht weitgehender Konsens; sie haben Verfassungsrang: Achtung und Toleranz, Gerechtigkeit und Solidarität, Gleichberechtigung der Geschlechter, Verantwortung für sich und andere, Gestaltung einer der Humanität verpflichteten demokratischen Gesellschaft, friedliches Zusammenleben der Kulturen, Eintreten für Gleichheit und Lebensrecht aller Menschen, das eigene körperliche und seelische Wohlbefinden ebenso wie das der Mitmenschen wahren, Mitverantwortung für Erhaltung und Schutz der natürlichen Umwelt, Selbständigkeit, Urteilsfähigkeit, Kooperations-, Kommunikations- und Konfliktfähigkeit, Fähigkeit, verantwortlich Entscheidungen zu treffen, und natürlich Vermittlung von Wissen und Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten, die die Entfaltung der eigenen Person fördern und eine aktive Teilhabe am sozialen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, beruflichen, kulturellen und politischen Leben ermöglichen. (nach § 2 Hamburger Schulgesetz 1997)
Schulentwicklung und Profilbildung sind auch eine Reaktion auf diese Überforderung. Schwerpunkte orientieren sich dabei häufig an vorhanden Ressourcen und Interessen, sie stehen und fallen - wie z.B. ein Schulkiosk, an dem fair gehandelte Produkte verkauft werden - mit einzelnen Personen.
Aufgabe von Schulentwicklung ist es, Einzelprojekte mit dem Fachunterricht zu verbinden, eine breite Basis der Unterstützung zu schaffen, pädagogische Leitbilder zu entwickeln. Im Bereich Umwelt und Entwicklung ist das am ehesten gelungen , z.B. in Gestalt der Europaschulen, der Umweltschulen, Unesco-Schulen. Daneben gibt es aber Schulen, die unter Schulentwicklung die Profilierung von Qualifikationsschwerpunkten - musisch, sprachlich, naturwissenschaftlich, berufspraktisch, medienorientiert - verstehen und sich wenig eigene Gedanken über Bildung und Leitbilder machen.
Welche Leitbilder spielen im Globalen Lernen eine Rolle?
Globales Lernen ist inhaltlich dem (gottlob) sehr offenen Leitbild verpflichtet, unsere Welt ökologisch und sozial zukunftsfähig zu gestalten. Dazu gehören u.a.
Globales Lernen wird durch das Bild des lernfähigen Menschen geleitet, der unter Beachtung dieser Grundsätze zur eigenen und zur Entwicklung einer zukunftsfähigen Welt Entscheidendes beitragen kann.
Wo verfolgen Schulentwicklung und Globales Lernen gleiche Ziele und wo ergänzen sie sich?
Die weitgehenden Gemeinsamkeiten zeigen sich in bildungspolitischen Bestrebungen (BLK Orientierungsrahmen "Bildung für eine nachhaltige Entwicklung") hin zu einer Bildung für nachhaltige Entwicklung oder einer zukunftsfähigen Schule. Globales Lernen kann durch seine pädagogischen Antworten auf Globalisierungsprozesse und die Ausrichtung am Leitbild der nachhaltigen Entwicklung einen wesentlichen Beitrag zu Neubestimmung des Bildungsauftrags von Schule und dessen konkreten Umsetzung liefern.
Welche Umsetzungsmöglichkeiten gibt es für Globales Lernen im Rahmen der Schulentwicklung? Was sind wesentliche Rahmenbedingungen?
Die Umsetzungsmöglichkeiten liegen v.a. in dem allgemeinen Trend zum fächerübergreifenden Unterricht, der auch Rückwirkungen auf den Fachunterricht hat. Schulen, die seit längerem erfolgreich Schulentwicklung betreiben, zeigen eine Loslösung von der institutionalisierten Projektwoche zu einem bestimmten Zeitpunkt im Jahr hin zu einem fast fließenden Übergang von herkömmlichem Fach- und Projektunterricht und einem schuleigenen Projekt-Curriculum.
Schulberatungsstellen können viel dazu tun, LehrerInnen zu diesem Schritt zu ermutigen und ihnen bei der Planung und Durchführung zu helfen. Dabei geht es neben den bisherigen Serviceleistungen (ausgewählte aktuelle Unterrichtsmaterialien, außerschulische Lernorte, Kontaktvermittlung) um konkrete inhaltliche, methodische und organisatorische Hilfe. Sie muss möglichst auf den Einzelfall abgestimmt sein.
Beratungsstellen wissen oft noch zu wenig über schulinterne Prozesse und sind gut beraten, diese zu erkunden und feste Kontakte zu bestimmten Schulen aufzubauen und zu pflegen. Gespräche mit Schulleitern, Stufenkoordinatoren, Abteilungsleitern können wichtiger sein als (bisweilen schlecht besuchte) Seminare, um herauszufinden, wo mit den jeweiligen Unterstützungsmöglichkeiten angesetzt werden kann. Ziel sind dauerhafte Kooperationen und Netzwerke.
Viele KollegInnen fühlen sich überfordert mit ständig Neuem. Es kommt also darauf an, Globales Lernen nicht als eine neue pädagogische Aufgabe darzustellen, sondern an bereits Bestehendes anzuknüpfen (z.B. an eine Schulpartnerschaft, einen Museumsbesuch, eine Projektwoche usw.) und es aufzuwerten. Schulen sind auf öffentliche Anerkennung ihrer Bemühungen angewiesen. Dazu können Beratungsstellen beitragen (Presse, Ausstellungen, Projektvorstellungen innerhalb von Seminaren, Bildungsserver).
Auch die sehr unterschiedlichen bildungspolitischen Rahmenbedingungen sollten genau erkundet werden: welche Rahmenpläne gibt es? Wie werden sie in den Schulen umgesetzt? Dabei geht es nicht nur um die klassischen Fachlehrpläne, sondern darum, welche Vorgaben und Freiräume es für fächerübergreifenden Unterricht gibt (Aufgabengebiete, Lernbereiche).
Entwicklungsbezogene Bildung kann dabei für einzelne Vorhaben durchaus Kooperationen mit anderen Aufgabengebieten eingehen (z.B. mit Umwelterziehung, Gesundheitsförderung, Verkehrserziehung, interkultureller Erziehung, Medienerziehung).
Daneben gilt es, Wege zu finden, bildungspolitische Rahmenbedingungen mitzugestalten. Auch das eine nicht einfache Erkundungsaufgabe: Welcher Referent ist für diesen Aufgabenbereich zuständig? Wie verlaufen die behördlichen/ministeriellen Prozesse? Wo gibt es Einflussmöglichkeiten? Gibt es die Chance eines Modellversuchs? Globales Lernen hat im Unterschied zu anderen Aufgabengebieten auch auf Bundesebene nur schwache Strukturen. Wie kann diese Lobbyarbeit verstärkt werden? Entwicklungspädagogik war nie eine institutionalisierte Wissenschaften und auch Globales Lernen hat keine Chancen auf einen Lehrstuhl. Dennoch müssen auch die Erziehungswissenschaft und Fachdidaktik Knoten in unserem Netzwerk werden. Wer entwicklungsbezogene Bildung mit Schulentwicklung verbinden will, muss ein weites Netz knüpfen.
JRS
| Erstellt: 6.9.99 | Modifiziert: 21.07.01 |