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Globales Lernen: Konzepte |
HOMEPAGE Was ist Globales Lernen? |
Schulen brauchen ihre eigene Agenda für die Zukunft
"Schule ist ein dauerndes Antworten auf neue Herausforderungen" lautet eine der Feststellungen
des Pädagogen Hartmut von Hentig. Dabei geht es bei aller Bemühung um Aktualität nicht um
ein kurzatmiges Reagieren auf Trends und Tagesaktualitäten. Die eigentliche Herausforderung
an die einzelne Schule besteht auch nicht darin, dass sie immer weitere Erziehungsaufgaben
übernehmen soll, sondern dass sie sich ihre eigene Agenda für die Zukunft erarbeiten muss. In der
schulpolitischen Diskussion unserer Stadt wird dabei von Schulentwicklung und Schulprogramm gesprochen.
Vom geheimen Lehrplan zum modernen Bildungsplan
Schulische Praxis weicht schon lange und zum Teil erheblich von geltenden Lehrplänen ab. Den
weit verbreiteten "geheimen Lehrplänen" einzelner Schulen wird durch wachsende Spielräume
in neueren Richtlinien und Lehrplänen (bzw. Bildungsplänen) und in der Diskussion um die
"Autonomie" der Schule nachträglich eine gewisse Berechtigung verliehen. Bei aller Sorge um
mögliche wirtschaftliche und soziale Konsequenzen sowie einer personellen Überforderung
liegen Vorteile durch die größere Eigenständigkeit der einzelnen Schule auf der Hand: Die aus
ihrer gewachsenen Struktur und Größenordnung sich ergebende potentielle Diskursfähigkeit von
Schule bietet gegenüber den bisherigen zentralen Steuerungssystemen sehr viel bessere Möglichkeiten, gesellschaftlichen Wandel und Vielfalt, wachsende wissenschaftliche Erkenntnisse
und sich verändernde Lernvoraussetzungen bei Schülerinnen und Schülern in der Bildungsplanung und Unterrichtsgestaltung zu berücksichtigen.
Allgemeinbildende Schulen stellen in unserer Gesellschaft, die sich in immer mehr Szenen,
Milieus und Lebenswirklichkeiten zergliedert, den vielleicht einzigen konsequenten Versuch
dar, eine immer komplexere Welt zu einem gerade noch überschaubaren Mikrokosmos zu
vereinfachen. Leben soll erlernbar sein. Dafür ist nicht nur die Wahrnehmung von Veränderungen notwendig, sondern auch das Verständnis für Kinder und Jugendliche, die die erforderlichen
Kompetenzen für ihr zukünftiges Leben entwickeln sollen. Forschungsinstitute, Automobilkonzerne, Krankenhäuser oder Verlage haben es in dieser Hinsicht einfacher: Sie dürfen und
müssen sich spezialisieren. Schule ist der Ort, wo gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen, wissenschaftliche Erkenntnisse, Ängste, Hoffnungen und Erwartungen von Menschen
zusammentreffen und sich zu dem verbinden sollen, was schlicht als Lernen bezeichnet wird.
An einem Abbild der Lebenswirklichkeit zu lernen, lebensnah und - im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung - zukunftsorientiert zu sein, stellt große Anforderungen. Durchaus nicht in
allen Schulen begegnet man dem dafür erforderlichen innovationsfreundlichen Klima. Schule
war bisher kaum in den Globalisierungsprozess eingebunden und hat auf ihn auch nur ansatzweise in der Unterrichtsgestaltung Antworten gefunden. In anderen Bereichen, die stärker von
Risikobereitschaft und selbstorganisierten Lernprozessen bestimmt sind, wie internationale
Finanzgeschäfte, Handel, Tourismus, Sport, Informationsbusiness, Entertainment (und auch
organisierte Kriminalität), ist das ganz anders.
Schulische Projekte, die einen engagierten Beitrag zur kommunalen Agenda 21 liefern, gibt es
durchaus. Das von der BSJB und Unweltbehörde geförderte "Fifty-Fifty Programm" zum
Energiesparen, das Projekt "Umweltverträgliche Schule", die Projekte "Wir fahren mit der
HVV" und "Fahrradfreundliche Schule" im Rahmen der ökologischen Verkehrserziehung, das
"Kulturenatelier" zum interkulturellen Lernen, die Projektangebote "Zukunftsfähige Schule" (s.u.) und Partnerschaften mit Schulen und Projekten in Ländern der Dritten Welt gehören zu den
bekannteren Bemühungen. Es hat sie schon vor Hamburgs Beitritt zur Aalborg Charta gegeben,
wenngleich der Auftrag, eine kommunale Agenda 21 zu erstellen, spürbaren Rückenwind
erzeugte. Entscheidend ist die Frage nach der Breitenwirkung, nach der Bedeutung solcher
Projekte in der ganz "normalen" Schule, nach der Integration von Globalem Lernen in den
Unterricht.
Globales Lernen als pädagogische Antwort auf Globalisierung
Es geht dabei nicht um einen neuen Fachbereich oder vordergründig um die Kooperation
bestimmter Fächer in der Behandlung wichtiger globaler Themen und schon gar nicht um ein
neues Fach. Globales Lernen versteht sich als ein pädagogisches Grundprinzip, als Antwort der
Bildung auf komplexe Globalisierungsprozesse, die nahezu unbemerkt in unserem Rücken
Realität geworden sind und das Leben aller Menschen in zunehmendem Maße bestimmen.
Räumlicher und zeitlicher Horizont unseres Handelns haben sich entscheidend verändert, ohne
dass wir uns auch nur annähernd über das Ausmaß dieser Veränderungen im Klaren sind oder
uns in unserem Handeln darauf einstellen. Wer weiß schon, ob die Blumen auf der Fensterbank
aus den Vierlanden stammen oder aus Kolumbien eingeflogen wurden?
Auf dem Hintergrund der zunehmenden wirtschaftlichen, politischen und technologischen
Globalisierung ist die kulturelle Identität zur Schlüsselfrage geworden. Auch in ihren fundamentalistisch überzogenen Formen ist kulturelle, religiöse, ethnische, nationale Identität als
Folge wirtschaftlicher und politischer Globalisierung erkennbar. Globales Lernen ist deshalb
auch immer zugleich interkulturelles Lernen. Der durch wachsende Kommunikation, Mobilität
und Migration zunehmende Kontakt zwischen den Kulturen rückt diese Fragen stärker in das
Zentrum von Bildung.
Mit dem am Institut für Lehrerfortbildung (in Zusammenarbeit mit NRO und Schulentwicklungseinrichtungen anderer Bundesländer und der Schweiz) entwickelten Konzept Globales
Lernen wird versucht, Ansätze zusammenzufassen, zu strukturieren und weiterzuentwickeln, die
auf diese gesellschaftlichen Entwicklungen eingehen. Dabei stehen nicht Themen oder globale
Schlüsselprobleme im Vordergrund, sondern vier Grundaspekte des Lernens:
1. Horizonterweiterung (Weltsicht) und Vernetzung
2. Zukunftsorientierung
3. Orientierung an ethischen Prinzipien
4. Öffnung der Lernformen und Methodenvielfalt
Globales Lernen kann sich im Schulalltag natürlich nur an Themen vollziehen - sinnvollerweise
an solchen, die jetzt und in Zukunft relevant sind, lokalen Bezug und eine wichtige globale
Dimension haben. Die meisten der von Wolfgang Klafki herausgearbeiteten "epochal-typischen
Schlüsselprobleme" gehören dazu. Es ist der Stoff der großen Weltkonferenzen von Rio bis
Peking. Er sprengt nicht nur alle herkömmlichen Fachstrukturen, sondern birgt aufgrund der
Orientierung an globalen Risiken die Gefahr des katastrophenorientierten Betroffenheitsunterrichts. Die Themenauswahl orientiert sich deshalb nicht ausschließlich an Konfliktfeldern und
arbeitet auch nicht systematisch globale Risiken ab. Sie macht sich neben aller Problemorientierung auf den Weg, faszinierende und Freude bereitende Weltbilder zu entdecken und zu entwerfen.
Projekt "Zukunftsfähige Schule"
Diesem Ziel dient das langfristig angelegte Projekt "Zukunftsfähige Schule". Es wird durch die
AG Globales Lernen angeschoben, die ein Teil der Arbeitsgemeinschaft entwicklungspolitische Bildung und Öffentlichkeitsarbeit (AGeBÖ) ist. Zusätzlich zu den bisherigen Kooperationen wird allen Hamburger Schulen eine Handreichung angeboten, die in die Agenda 21 einführt
und Schulen Anregungen gibt, sich an dem Prozess der Erstellung und Umsetzung einer kommunalen Agenda zu
beteiligen. Ergebnisse bereits laufender und neuer Projekte sollen unter dem Leitthema "Zukunftsfähige Schule" während der Eine-Welt-Filmtage vom 10. - 15. Juni 1997
der Öffentlichkeit vorgestellt und prämiert werden. Die ebenfalls von der AGeBÖ organisierten
Eine-Welt-Filmtage werden im Rahmen einer vom Ausländerbeauftragten ins Leben gerufenen
"Woche der interkulturellen Begegnung" stattfinden. Sie laufen unter dem Thema "Agenda 21
und globale Gerechtigkeit". Ziel ist es, in einem vielseitigen Rahmenprogramm engagierten
Gruppen durch das Medium Film eine größere Öffentlichkeit für ihre Anliegen zur lokalen
Agenda 21 zu geben und Verbindungen zu Schulen herzustellen.
Zur Verbesserung der Kommunikation wird (mit finanzieller Hilfe des BMZ, ABP, EWNW und
IfL) am Aufbau des Angebots "Globales Lernen/ Entwicklung und Umwelt" im Rahmen des
landesweiten Hamburger Schulwebservers (HSW) gearbeitet. Der vom Institut für Lehrerfortbildung (IfL) betriebene Server bietet entwicklungspolitischen Institutionen und NRO die
Möglichkeit, direkt und kontinuierlich Kontakte zu Schulen und AGs zu knüpfen, sich vor
zustellen und auf Angebote und Projekte hinzuweisen. Unterrichtsmaterialien, Kontaktadressen
und ein Veranstaltungskalender können abgerufen werden. Auch über das Internet besteht ein
Zugang.
Die Bedeutung einer lokalen Agenda 21 für den Bildungsbereich wird aber nicht nur an den
entsprechenden Projekten einzelner Schulen zu messen sein, sondern auch an den
bildungspolitischen Rahmenbedingungen. Da die Stadt Hamburg als Bundesland zugleich über kulturpolitische Hoheitsrechte verfügt, wäre im Sinne der Agenda 21 zu fordern, dass Schulgesetz und
darauf aufbauende Bildungspläne günstige Rahmenbedingungen für ein auf Zukunftsfähigkeit
ausgerichtetes Lernen schaffen.
Der am 28. Mai 1996 beschlossene und der Bürgerschaft zugeleitete Entwurf für ein einheitliches Hamburgisches Schulgesetz sieht zahlreiche rechtliche und organisatorische Veränderungen vor, die als Verbesserung der Rahmenbedingungen gewertet werden können. Dem
Anspruch, aktuelle bildungspolitische und pädagogische Entwicklungen zu berücksichtigen,
wird der Entwurf jedoch nicht gerecht, wenn er daran gemessen wird, ob die Forderungen der
Agenda 21 und der großen Weltkonferenzen vergangener Jahre sowie die bildungspolitischen
Konsequenzen der Globalisierung Eingang gefunden haben. Die zusammenfassende Einführung
der BSJB in den Gesetzesentwurf lässt dieses Bewusstsein nicht erkennen und auch im Gesetzestext selber gibt es keinerlei Bezüge - sieht man einmal von der (durchaus wichtigen)
Einführung von Umwelterziehung und Interkultureller Erziehung als Aufgabengebiete ab.
Unverständlich bleibt z.B., warum "Eine- Welt-Erziehung/Globales Lernen", die sich aus einem
"Unterricht über die Dritte Welt" entwickelt haben - trotz Befürwortung von vielen Seiten - als
Aufgabengebiet unberücksichtigt bleiben. Fächerübergreifender Unterricht und Projekte in
diesem Aufgabenfeld spielen an Hamburger Schulen durchaus kein Schattendasein und verdienen offizielle Unterstützung.
Wer die Aufgabenstellung der Agenda 21 von Rio ernst nimmt, auf größere Selbständigkeit und
Mitverantwortung der einzelnen Schule setzt, muss dafür sorgen, dass diese Ziele in den neuen
Bildungsplänen verankert werden und Lehrerinnen und Lehrer durch Fortbildungsmaßnahmen,
Material- und Projektangebote sowie außerschulische Kontakte die dringend notwendige
Unterstützung für diese schwierige Aufgabe erhalten. Wie in anderen Bereichen des Agenda-Prozesses muss aber vor allem dafür gesorgt werden, dass sich Initiativen von unten mit gesetzlichen Regelungen, politischen Prioritäten und Richtlinien zusammenfügen und gegenseitig
verstärken. Bemühungen von Schulen könnten auf Dauer daran scheitern, wenn von Bildung
etwas erwartet wird, was Entscheidungsträger in der Politik nicht tun: Sich an Grundsätzen der
Partizipation und Solidarität zu orientieren, in größeren Räumen und Zeitspannen zukunftsgerichtet und vernetzt zu denken und zu handeln.
Robert Schreiber
| Erstellt: | Modifiziert: 21.07.01 |