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Globales Lernen: Konzepte |
HOMEPAGE Was ist Globales Lernen? |
Wessen Realität zählt?
Eindrücke vom Weltsozialgipfel in Kopenhagen
Der großartige Peter Ustinov brachte es in einer bewegenden Unicef-Großveranstaltung im Global Village
von Holmen auf den Punkt: "Die beiden Gipfel sind wichtig, wenn sie aufeinander reagieren. Wenn es nur
das Bella-Centre gäbe, wäre ich lieber zu Hause, um Bäume zu pflanzen. Eure Handelsware sind gute
Ideen. Regierungen sind von Natur aus phantasielos. Was wir brauchen sind Kreativität und ein Fundraising
guter Ideen. Die Maschinerie, die aufgebaut ist, kann uns alle marginalisieren, deshalb brauchen wir verantwortungsbewusste
Regierungen und Verwaltungen. Ihr könnt den Teufelskreis der Armut aufbrechen. Es ist möglich! Macht euch keine
Sorgen um die offiziellen Dokumente, geht nach Hause und tut etwas! Es wird Zeit,
dass wir uns auf unsere
Werte besinnen!"
Innovative Lösungsvorschläge gibt es nicht wenige - überwiegend aus den Reihen der NRO und den ihnen
nahestehenden wissenschaftlichen Einrichtungen. Ihre Aufgabe (oft als "Zivilgesellschaft" verallgemeinert)
wird in der Deklaration von Kopenhagen fast auf jeder Seite hervorgehoben. Als "Dritte Kraft"-
zwischen Staat und Markt, zwischen Regierung und Volk, zwischen oben und unten - spielen sie spätestens seit
Rio eine immer wichtigere Rolle.
Untergang im globalen politischen Vakuum?
Für viele unbemerkt haben sich Kommunikation, Wirtschaft und Finanzen einen globalen Markt erobert,
auf dem es noch kaum anerkannte und durchsetzbare humane Spielregeln gibt, die wir heute auf nationaler Ebene für
selbstverständlich halten. Globale finanzielle Transaktionen sind politisch nicht steuer- und
regulierbar. Es kommt überall und weltweit zu sozialer Polarisierung bei wachsender ökonomischer Integration. Der Spruch "Welthandel
schafft Welthunger" macht die Runde, wo es doch genau andersherum sein sollte. In Erwartung hoher Zins-
und Devisenkursprofite "investieren" immer mehr Unternehmen ihre erwirtschafteten Mittel in
Spekulationsgeschäfte, statt sie für arbeitsplatzschaffende Investitionen zu verwenden. Internationale Märkte
unterliegen keiner Steuerkontrolle.
Deshalb fordern NRO-Netzwerke, die Verabschiedung einer Weltsozial-Charta, d.h. einen Sozialvertrag zwischen allen Staaten
und Menschen. Das, was bisher der Nationalstaat an Rahmenordnungen für den Markt, an Sozial- und Beschäftigungspolitik, an Umverteilung
durch progressive Steuerpolitik durchsetzte, muss auf globaler Ebene durch einen Umbau der UN und neue
Institutionen geschaffen werden. Da von sind wir auch nach Kopenhagen weit entfernt. Was dringend
gebraucht wird, sind weltweite Strategien, eine globale Strukturpolitik zur Bekämpfung von Arbeitslosigkeit,
Kriminalität, Klimaänderung etc. Mit Deregulierung und Liberalisierung des Weltmarktes ist das nicht zu er
reichen. An den trickle-down effect glaubt niemand mehr. Auch in den Entwicklungsländern ist das Wirtschaftswachstum schneller als der
Zuwachs der Beschäftigten. Der Ruf nach accountability, nach Rechen
schaftspflicht, Transparenz und mehr Verantwortung gerade der global operierenden Finanzinstitutionen und
Konzerne, war einer der lautesten.
Worum ging es in Kopenhagen?
Wachsende weltweite Arbeitslosigkeit, Armut und soziale Ausgrenzung standen als Überlebensfrage
der Menschheit auf der Tagesordnung. Dabei ging es gleichzeitig um eine v.a. von dem Initiator des Gipfels,
Juan Somavia, und dem für die Durchführung zuständigen UNDP vertretenen Konzept der menschlichen Sicherheit - einer Abkehr von
dem als überholt empfundenen und militärisch bestimmten Konzept nationaler Sicherheit. Extreme Not und
Mangel an Sicherheit sind heute nicht mehr in erster Linie Folge wechselseitiger Bedrohung von Supermächten oder Staaten, sondern die
schreckliche Folge von innerstaatlichen Zerfallserscheinungen, ethnischen Spannungen, Kriminalisie-
rung, Marginalisierung, dem vielfältigen Prozess von Massenverarmung und letztlich falscher oder unzureichender sozialer, wirtschaftlicher
und politischer Konzepte.
Der Sozialgipfel steht in einer Reihe von fünf wichtigen Weltkonferenzen (UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio 1992, Weltkonferenz für Menschenrechte in Wien1993, Weltbevölkerungskonferenz in
Kairo 1994 und der noch im September diesen Jahres folgenden Weltfrauenkonferenz in Peking), die
sich inhaltlich ergänzen und - wesentlicher noch - gegenseitig in den zentralen Punkten bestärken. In Kopenhagen ging es bei der Verabschiedung der Deklaration mit ihren 10 Selbstverpflichtungen und
dem 100 Punkte umfassenden Aktionsplan "nur" noch um das Fettgedruckte in den berühmten eckigen
Klammern. Fernseh-, Radio- und Pressekommentatoren sprechen von windelweichen Formulierungen, unverbindlichen Erklärungen,
Gipfelrhetorik, an die sich im politischen Alltag kaum jemand erinnert. Stimmt das?
Am Anfang steht das Wort
Viele der NRO-Vorschläge sind in die offiziellen Dokumente eingegangen, meist unbemerkt und ohne Aufsehn.
Dass die NRO-Gemeinde dennoch nicht mit den offiziellen Dokumenten zufrieden sein kann und in einer -
auch vom Eine Welt Netzwerk und SD-Soziale Dienste aus Hamburg unterzeichneten - Gegendeklaration
ihre Bedenken und Unzufriedenheit äußert, ist verständlich. Sie sind der Not und den Menschen, um die es
geht, ein Stück näher. Dass die Medien die Prozesse nicht besser verstehen und zutreffender
kommentieren, liegt an Oberflächlichkeit und dem daheim befürchteten geringen Interesse an diesem
Thema. Warum eigentlich, es geht doch so viele an? Missverstanden wird häufig,
dass es bei diesem Gipfel nicht um völkerrechtlich verbindliche Konventionen ging, sondern um einen bisher einmaligen Versuch, zu einer von allen
getragenen universellen Werteordnung zu kommen, über alle respektierten religiösen, kulturellen, nationalen und ethnischen Unterschiede
hinweg. So etwas lässt sich nicht durch kluge politische Winkelzüge oder Mehrheitsbeschlüsse erreichen.
Nicht selten wurde in diesen Tagen
der Anfang der Bibel zitiert. Es sind eben mehr als Worte. Selbst wenn sich die Umsetzung der beschlossenen Aktionen noch lange hinzieht, ist
doch der Prozess ehrlich gemeinter Annäherung wichtig für friedliches Zusammenleben und menschliche
Entwicklung im globalen Maßstab. Natürlich sind auch nicht alle Regierungen, die unterzeichnet haben, zufrieden. Einige der Entwicklungsländer machten ihrem Unmut gegen
über der finanziellen Zugeknöpftheit der Industriestaaten Luft. Die Frage bleibt, wie sehr sich Regierungen
den humanitären Geist der Deklaration zu eigen machen. Die viel zitierte "civil society" und die verschiedenen UN-Organisationen werden da
bei Nachhilfe geben müssen.
Armut und innovative Ansätze
Die Zahl, die in großen Ziffern über allem stand, sind die 1,3 Milliarden Menschen, vor allem Frauen, die
in absoluter Armut leben, die kaum genug haben zum Überleben. Im Laufe der letzten Jahre sind viele
Indikatoren entwickelt worden, die Armutsgrenze zu bestimmen. Sie haben einen praktischen Wert, treffen aber nicht das Wesentliche. Das
Risiko der von Ökonomen bevorzugten Indikatoren und Modelle liegt in dem kaum vermeidlichen Reduktionismus und der Gefahr, das nicht für
möglich und existent zu halten, was die Zahlen nicht hergeben. Der erste Weltsozialgipfel machte
deutlich, dass es die Armut nicht gibt: "If anything, there is more diversity
among the poor than among the non poor". Es geht nicht nur um Arbeitslosigkeit, Entbehrung und Krankheit, sondern auch um soziale Ausgrenzung, Macht- und Wehrlosigkeit,
Vereinsamung und Erniedrigung - um die Aufforderung, genau hinzu
sehn, um die menschliche Dimension wahrzunehmen und die vielen Möglichkeiten kreativer Ansätze besser
zu erkennen.
Davon gibt es genug, die 20/20 Initiative (Geberländer verpflichten sich 20% ihrer Entwicklungshilfe und Nehmerländer 20% ihres Haushaltes für soziale Grundversorgung auszugeben), die nach dem Nobelpreisträger James Tobin benannte Tobin-Tax auf internationale Spekulationsgewinne (ein Steuersatz von0,05% würde jährlich 150 Mrd.$ für Entwicklungsmaßnahmen einbringen), der Austausch von Schulden gegen Sozialleistungen (debt for social development swap), die erfolgreichen Mikrokredit-Programme nach dem Vorbild der Grameen Bank in Bangladesh , Gütesiegel im Rahmen eines fairen Handels und vieles mehr. Innovativ und offen muss vor allem unser Denken sein, damit Arme nicht mehr als Opfer gesehen werden, sondern als mögliche Akteure.
Jörg-Robert Schreiber
| Erstellt: | Modifiziert: 21.07.01 |